Maria: Glaube geht nicht nur über den Kopf

 

Der Theologe Hans Urs von Balthasar meinte einmal, mit dem Geheimnis Marias sei es eine eigene, sehr geheimnisvolle Sache, denn nach dem noch tieferen Geheimnis Christi, der Mensch ist wie wir und doch Gott, habe keines die katholische Christenheit durch alle Jahrhunderte stärker beschäftigt. Dass sich die alt-katholische Theologenkonferenz im Sommer mit der Mariologie auseinandergesetzt hat, hat mich persönlich gefreut, da ich mich im vergangenen Jahr in meiner theologischen Abschlussarbeit mit diesem Thema beschäftigt habe. Interessant waren schon die ersten Reaktionen auf mein Thema, als ob ich die Marienverehrung in unserem Bistum wieder beleben wollte. Das lag mir fern, obwohl ich Maria tatsächlich für verehrungswürdig halte.

 

Die alt-katholischen Väter haben sich auf dem Zweiten Alt-Katholiken-Kongress 1872 in Köln für eine Reform bezüglich der Missbräuche und Auswüchse in der Heiligenverehrung ausgesprochen. Diese Haltung war sicher noch ganz geprägt durch die Dogmatisierung der Unbefleckten Empfängnis Marias durch Papst Pius IX. im Jahre 1854. Die theologische Auseinandersetzung geschah und geschieht im Alt-Katholizismus offensichtlich stets durch den Vergleich mit anderen Konfessionen. Natürlich geschieht sie auch und besonders im Dialog, wie die Bonner Unionskonferenzen der Jahre 1874/1875 oder die Konsenstexte zwischen Alt-Katholiken und der Orthodoxie belegen. Auffällig ist aber: Es gibt kein eigenes Nachdenken über Maria. Alles scheint darauf ausgerichtet zu sein, mehr zu erklären, was nicht geglaubt wird, als positiv zu beschreiben, was das „Eigene“ des alt-katholischen Bekenntnisses ist.

 

Mir ging es in meiner Arbeit darum, einmal zu fragen: Aus welchen geistlichen Quellen leben Alt-Katholiken heute? Es geht heute nicht mehr so sehr um konfessionelle Abgrenzung, wie sie damals historisch bedingt war, sondern um eine Neubesinnung auf die geistliche Ausrichtung. Besonders erfreulich ist, dass mittlerweile weitere Arbeiten diese Ausrichtung in den Blick nehmen. So verfasste Christian Edringer seine Arbeit anlässlich seines Pfarrexamens über die Heiligenverehrung in unserer Kirche, Henriette Crüwell schrieb über Segensfeiern als Dienst an den Menschen heute. Und auch ethische Themen rücken immer mehr ins Blickfeld. Alt-katholische Theologie setzt heute neue Schwerpunkte.

 

Liturgie als Ort der Theologie

 

Im Jahr 2005 erschien in der Internationalen Kirchlichen Zeitschrift ein Aufsatz von Mattijs Ploeger, der sich mit Maria in der niederländischen alt-katholischen Liturgie auseinandergesetzt hat. Seine Erkenntnisse zieht Ploeger aus der Untersuchung der Texte der Eucharistiefeier und der einzelnen Feste. Diesen Ansatz habe ich in meiner Arbeit zunächst übernommen, indem ich einen Blick auf die deutsche alt-katholische Liturgie geworfen habe. Und schließlich habe ich eine Umfrage unter den Geistlichen unseres Bistums gestartet, um eine „Bestandsaufnahme“ der Marienverehrung in unseren Gemeinden zu versuchen. Für die Beteiligung an dieser Umfrage bedanke ich mich auf diesem Weg noch einmal recht herzlich.

 

Man kann wohl sagen, dass die Liturgie neben den kirchlichen Lehraussagen, neben dem Dogma, ein Ort der Theologie ist, da gerade auch in der Liturgie die Vermittlung der heilsgeschichtlichen Offenbarung geschieht. Zwar ist die Lehre sicher nicht eine Grundkategorie von Liturgie. Aber Liturgie ist ja ein Ausdruck ganzheitlicher Gottesbegegnung, und das ist schließlich der Glaube. Zudem lässt sich mit dem, was in der Liturgie verkündigt wird, sicher auch ein gewisser Traditionsbeweis durchführen. Dabei darf allerdings nicht vergessen werden, dass es viele Wege der Liturgie gibt. Gerade der Alt-Katholizismus betont die Unantastbarkeit der liturgischen Tradition einer jeden Ortskirche. Und es muss auch gesagt werden, dass der Gedanke von der Liturgie als Traditionsquelle dort seine Grenzen hat, wo beispielsweise die Entstehung bestimmter Marienfeste in einer konkreten, historisch bedingten Theologie verwurzelt ist. Gerade die Geschichte der Marienfeste zeigt enorme Entwicklungen und Veränderungen.

 

Angela Berlis hält in einem Referat vor der Internationalen Römisch-katholischen/Alt-katholischen Dialogkommission an dem alten Prinzip „lex orandi-lex credendi“ fest. Dieser Gedanke, dass das Gesetz des Betens (= lex orandi) das Gesetz des Glaubens (=lex credendi) sei, ist ein wichtiger Grundsatz der frühen Kirche und unterstützt die Auffassung von der Liturgie als „locus theologicus“, als Ort der Theologie. Augustinus begründet eine lehramtliche Autorität der Liturgie einerseits mit ihrem apostolischen Ursprung, andererseits mit ihrer Heiligkeit, da in der versammelten Gemeinde Christus und der Heilige Geist beten, wie es im Römerbrief heißt: „Denn wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen; der Geist selber jedoch tritt für uns ein mit Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können“ (Röm 8,26). Der Liturgie ist es möglich, Lehre und Glaubensinhalte weniger kompliziert, nicht nur rein rational, sondern lebendig erfahrbar zu machen.

 

Das liturgische Jahr

 

Im liturgischen Jahr geht es um die Verkündigung der Heilstaten Gottes in seinem Sohn. Damit hat jeder Sonntag als das „Wochenostern“ und jedes Herrenfest Vorrang vor einem Heiligengedenktag. Die Zweite Synode der deutschen Alt-Katholiken reduzierte 1875 die zahlreichen Marienfeste und stellte diejenigen Feste wieder her, die bereits in der alten Kirche Christusfeste waren. Die alt-katholische Liturgie kennt in der Neuauflage des deutschen Eucharistiebuches aus dem Jahr 2006 mehrere Marienfeste, die in die Reihe der Gedenktage aller Heiligen eingegliedert sind. Die Marienfeste werden nicht eigens hervorgehoben. Zu diesen Festen zählen Mariä Heimsuchung (2. Juli), Heimgang Mariens (15. August) und Mariä Geburt (8. September).

 

Ist – aus alt-katholischer Sicht– Maria eine Heilige neben allen anderen Heiligen? Oder ist sie die „Erste unter den Heiligen“? Man darf sich nicht auf die Anordnung der Marienfeste im Eucharistiebuch verlassen, um zu schnelle und damit falsche Rückschlüsse zu ziehen. Es gilt, die Texte dieser Marienfeste zu sichten und sich auch den Eucharistiegebeten und Präfationen zuzuwenden. Anhand der Gebetstexte der verschiedenen Feste lässt sich zusammenfassend sagen: Zunächst muss zwischen jenen Marienfesten unterschieden werden, die einen gewissen Wendepunkt im Leben Marias aufgreifen, und jenen, die einen eindeutigen christologischen Charakter haben und bei denen Maria keine größere Bedeutung zukommt. Systematisch-theologisch kann gesagt werden: Maria ist die Erwählte, die die Botschaft Gottes gläubig angenommen hat. Damit wird die Gottesmutterschaft Marias in besonderer Weise hervorgehoben. Durch ihr „Ja“ ist Maria Vorbild im Glauben. Wir Menschen haben Gemeinschaft mit Maria. Sie ist eingereiht in die „Wolke der Zeugen“ und Bild des vollendeten Menschen bei Gott.

 

Eucharistiegebete

 

Die Eucharistiegebete des deutschen Eucharistiebuches nennen Maria im anamnetischen Teil als jene, durch die Christus in die Welt kam und bezeichnen sie als Jungfrau. Die Gläubigen sind in der Feier der Eucharistie zu einer heiligen Gemeinschaft mit Maria und allen Heiligen verbunden, die Gott lobt und preist. Maria und die Heiligen sind „im Licht“, mit denen die Gläubigen die Wiederkunft Christi erwarten. Die Feier der Eucharistie verbindet mit Maria und mit allen, die Zeugen waren für das Kommen des Reiches Gottes. Die Feiernden und die Verstorbenen mögen mit Maria und den Heiligen zum Freudenmahl in Gottes Gegenwart geleitet werden. Es fällt auf, dass unter den Heiligen Maria an erster Stelle genannt wird. Nur der Verfasser des Eucharistiegebetes XV folgt dieser Anordnung nicht. Er nennt Maria nach den Patriarchen und Propheten und nach Johannes dem Täufer. Weiter ist auffällig: Die Eucharistiegebete aus neuerer Zeit nennen Maria nicht mehr eigens.

 

Die Praxis

 

Soweit die knappe theoretische Analyse. Aber wie sieht die Praxis aus? „In der alt-katholischen Frömmigkeit gibt es keine übertriebene Verehrung Mariens“, sagte Angela Berlis in dem bereits erwähnten Referat. Aber gibt es überhaupt eine Marienverehrung? Besonders deutlich wurde im Rahmen der Umfrage unter den Geistlichen: eine eigene Form des Marienlobes, der Marienverehrung gibt es in den alt-katholischen Gemeinden Deutschlands nicht. Zumindest nicht in einer liturgischen Form. Aus einer einzigen Gemeinde wird berichtet, dass es in der Kirche eine Marienikone mit einem Kerzentisch gibt, an welchem auch rege Kerzen aufgestellt würden. Mehrere Pfarrer gaben an, dass in dieser Hinsicht in den Gemeinden kein Bedarf bestünde. Ein Pfarrer mutmaßte, dass Menschen, die marianisch geprägte Frömmigkeitsformen suchten, der alt-katholischen Kirche erst gar nicht beitreten würden. Stimmt das?

 

Nicht ganz. Ich vertrete vielmehr die These, dass Gemeindemitglieder gar nicht erst mit Maria näher in Berührung kommen können, weil Formen des Marienlobes gar nicht erst angeboten werden. Vielleicht fragen Menschen gar nicht erst danach, weil sie glauben, Maria werde im Alt-Katholizismus nicht verehrt. Darüber zu mutmaßen, ob solche Formen der Verehrung und des Lobes angenommen würden, ist doch müßig. Das Gegenteilige ist sogar der Fall: in einer Gemeinde haben sich Mitglieder an den Priester gewandt mit der Bitte, sie würden gerne das Rosenkranzgebet kennen lernen. Und in einer weiteren Pfarrei kamen Menschen mit dem Anliegen an den Ortsgeistlichen heran, eine Maiandacht halten zu dürfen.

 

Bezeichnend ist auch, wie die Pfarrer damit umgehen würden, wenn beispielsweise der Wunsch nach einem öffentlichen Rosenkranzgebet oder einer öffentlichen Maiandacht aus der Mitte ihrer Gemeinde käme. Die Umfrage belegt: die meisten Pfarrer halten es für notwendig, dies zum Gegenstand einer Gemeindeversammlung und zum Thema in der Sitzung des Kirchenvorstandes zu machen. Sie würden es selbst zwar zulassen, einige hielten es jedoch für wichtig, gleichzeitig zu erklären, was man da eigentlich tue, und würden ins Pfarrhaus zurückkehren und die Beter sich selbst überlassen. Sprich: selbstverständlich ist Marienverehrung in den alt-katholischen Gemeinden Deutschlands nicht – und wird auch nicht für selbstverständlich gehalten.

 

Tenor der Umfrage war: es müsse doch zuallererst um Jesus Christus gehen. Ein Geistlicher meinte sogar: „Das wäre für mich Abfall vom Glauben an den dreieinigen Gott und ein Abrutschen in den Polytheismus.“ Dagegen argumentiert ein anderer Pfarrer: „Ich wünsche mir eine größere Unbefangenheit mit der Frage“. Die Umfrageergebnisse zeigen auch, dass es eine (wenn auch kleine) Gruppe von Priestern gibt, die diese Unbefangenheit in sich tragen. Auffällig dabei ist, dass zu dieser Gruppe vor allem jüngere Amtsträger gehören. Es sind die, die auch gelegentlich das Angelusgebet praktizieren oder den Rosenkranz beten, der im Alt-Katholizismus im Übrigen nie nachweislich abgeschafft wurde. Das „Gegrüßet seist du, Maria“ finden Sie in unserem Gebetbuch „Gottzeit“ auf Seite 22.

Angela Berlis weist in ihrem Referat darauf hin, dass in jüngerer Zeit an manchen Orten eine Veränderung der Praxis wahrzunehmen sei, „die einer mehr devotionalen Verehrung Marias – z.B. Statuen von ihr, vor denen Kerzen angezündet werden – Raum geben. Dies ist sicher im Zusammenhang mit einem größeren Bedürfnis heutiger Menschen nach Ritualen zu sehen, jedoch auch mit einer wachsenden Unbefangenheit, durch die in der Volksfrömmigkeit alte konfessionelle Gräben übersprungen werden.“ Gerade aber diese Veränderung der Praxis bestätigt meine Umfrage nicht: von den zurückgesandten Antworten gab nur ein Pfarrer an, dass ein solcher Kerzentisch in der Pfarrkirche stehe.

 

Persönliche Beziehung

 

Nur wenige sprechen über ihre persönliche Beziehung zu Maria. Doch die Umfrage machte deutlich: Wenn Heilige verehrt werden, werden Menschen verehrt, die bei Gott endgültig angekommen sind. Heilige, auch Maria, sind Vorbilder im Glauben. Ich möchte eine ganz profane Parallele ziehen: Ist es nicht wie bei Liebenden, die von der oder dem „Angebeteten“ sprechen. Und wie verhält es sich mit Menschen, die am Grab mit dem Verstorbenen sprechen? Dies schilderte auch ein Priester in der Umfrage: „Ich spreche mit Maria wie mit meinem verstorbenen Vater“. Verehrung kann nichts anderes sein als die menschenmögliche Äußerung von Freude und Dankbarkeit, die wir letztlich auch anderen Menschen zukommen lassen. So kann in der Anrufung Marias um Fürbitte die Verbundenheit in der Sorge des einen für den anderen zum Ausdruck kommen. Dieser Zugang setzt allerdings eine geistliche Dimension voraus, der man sich entweder öffnen möchte oder nicht. Ich verstehe Marienverehrung auch im Sinne einer Meditation, bei der das Leben und die Sendung Marias vergegenwärtigt und erwogen wird. Aus der Meditation kann dann die Nachahmung erwachsen: an Maria kann sich der Mensch in seinem konkreten Handeln orientieren. Unter solchen geistlichen Zugängen könnten sich dann auch vielleicht auch wieder Frömmigkeitsformen wie der Rosenkranz oder Maiandachten neu erschließen.

 

Glaube bekommt ein Gesicht

 

In der römisch-katholischen Kirche sind es interessanterweise gerade die Frommen mit einer ausgeprägten Marienfrömmigkeit, die auf vehemente Weise die Frauenordination bekämpfen. Vielleicht müssen wir unseren europäischen Boden auch im Glauben einmal verlassen. Denn in anderen Kulturen, besonders in Lateinamerika, spielt Maria bis in die Volksfrömmigkeit hinein eine emanzipatorische Rolle. Dort ist Maria „eine von uns“. Maria steht für Befreiung, nicht nur im Blick auf die Gleichbehandlung der Geschlechter. Das Schöne dabei ist: Wenn wir in unseren Abendgebeten das „Magnificat“ anstimmen, dann besingen wir nicht nur eine Theorie, sondern die tiefe Glaubenserfahrung einer ganz konkreten Person, mit der wir unseren Glauben teilen dürfen. Dann bekommt unser Glaube ein Gesicht. Hier spüre ich: Glaube geht nicht nur über den Kopf. Viele Frauen und so mancher Mann mögen mir das bestätigen.

Stephan Neuhaus-Kiefel