Ein neues Kapitel ökumenischer Beziehungen?
Besuch einer Delegation der Utrechter Union bei der Mar Thoma Kirche in Indien
Gibt es Möglichkeiten, Kirchen mit bischöflich-synodaler
Struktur zu vernetzen und somit die Beziehungen der alt-katholischen Kirchen zu
erweitern? Bisher besteht volle Kirchengemeinschaft lediglich mit der Anglican Communion, den beiden
bischöflichen Kirchen Spaniens und Portugals und der Philippinischen
Unabhängigen Kirche. Gibt es darüber hinaus Kirchen, die in ihrer Struktur und
von ihrem Glaubensleben her uns so ähnlich sind, dass es zu einem engen Kontakt
kommen kann, zu theologischem Austausch, zu geschwisterlicher Gastfreundschaft
und vielleicht sogar zu einer vollen Kirchengemeinschaft? – Eine Vision, die
Erzbischof Joris Vercammen
immer wieder in die Diskussion einbringt.
Vor diesem Hintergrund muss die Reise einer Delegation der
Utrechter Union gesehen werden, die Bischof John Okoro
von Österreich, Pfarrer Joan Jebelean aus der Schweiz
und den Verfasser dieses Artikels nach Indien führte. Vom 11. bis 19. September
besuchten wir die Mar Thoma Kirche in Kerala.
Alte Kirche
Kerala, im Südwesten Indiens
gelegen, kann auf eine uralte christliche Tradition zurückblicken. Die Legende
berichtet, der Apostel Thomas habe in Südindien das Evangelium verkündet und
sei dort auch als Märtyrer gestorben. Noch heute wallfahren indische Christen
zum Mount St. Thomas bei Chennai, dem alten Madras, wo der Apostel der
Überlieferung nach ermordet wurde. Sein Grab wird in der römisch-katholischen
Kathedrale von Madras verehrt.
Jenseits aller Legenden bezeugen aber historische Quellen,
dass es bereits im 2. Jahrhundert Christen in Südindien gab. Vermutlich haben
Kaufleute das Evangelium in diese Region gebracht. Intensive Kontakte bestehen
seit vielen Jahrhunderten zur Syrisch-Orthodoxen
Kirche des Patriarchats von Damaskus. Als die Portugiesen im 16. Jahrhundert
nach Indien kamen und versuchten, die altehrwürdige syrisch-orthodoxe Tradition
mit Gewalt durch die römisch-katholische zu ersetzen, widersetzten sich viele
Bischöfe, Priester und Laien. Es kam zu massiven Übergriffen seitens der
Portugiesen, nicht wenige indische Christen starben als Martyrer.
Diese syrisch-orthodoxe Tradition ist bis heute im
südindischen Bundesstaat Kerala sehr lebendig,
freilich durch die verschiedenen Spaltungen auch ein trauriges Zeichen für die
Zerrissenheit des Christentums. So gibt es neben der syrisch-orthodoxen Kirche,
die zum Patriarchat von Damaskus gehört, inzwischen eine selbständige
syrisch-orthodoxe Kirche Indiens mit einem Katholikos als Oberhaupt; es gibt
die mit Rom unierte syrisch-orthodoxe Kirche und eben die Mar
Thoma Kirche, die ebenfalls syrisch-orthodoxe Wurzeln hat.
Man könnte die Mar-Thoma-Kirche
eine reformierte orthodoxe Kirche nennen: Unter dem Einfluss evangelikaler
anglikanischer Missionare im 19. Jahrhundert führten einflussreiche Theologen
Reformen in der syrisch-orthodoxe Kirche Südindiens ein. Die unausweichlichen
Konflikte führten schließlich 1889 zur Gründung der selbständigen
Mar-Thoma-Kirche.
Hauptverbreitungsgebiet ist nach wie vor Südindien, es gibt
aber auch Bistümer in anderen indischen Regionen; ein Bischof in New York
betreut die Gemeinden in Nordamerika und Europa. Es gibt auch Mar-Thoma Gemeinden in Südafrika. Die Kirche zählt rund 1
Million Gläubige, etwa 1.000 Priester arbeiten in der Seelsorge.
Vorbereitet und überhaupt ermöglicht wurde diese Reise durch
verschiedene Gespräche zwischen Erzbischof Joris Vercammen und Vertretern der Mar-Thoma-Kirche
beim Ökumenischen Rat der Kirchen in Genf. Dabei wuchs das gegenseitige
Interesse, einander näher kennen zu lernen und zu prüfen, ob intensivere
Kontakte möglich sind und, wenn ja, wie sie gestaltet werden können. Der
Auftrag der alt-katholischen Reisegruppe seitens der Bischofskonferenz war
also, soviel wie möglich von dieser uns bisher fremden, fast schon „exotischen“
Kirche kennen zu lernen.
Besuchsprogramm
So hatten die Verantwortlichen der Mar-Thoma-Kirche
ein breit gefächertes Besuchsprogramm für uns vorbereitet. Gleich am ersten Tag
wurden wir von der Bischofskonferenz empfangen. Hier hatten wir Gelegenheit,
unsere drei Kirchen (Deutschland, Österreich und Schweiz) und die Struktur der
Utrechter Union vorzustellen. Daraus ergab sich eine rege Diskussion. Die
Bischöfe interessierten sich vor allem für die Größe unserer Gemeinden und die
Zahl der Gottesdienstbesucher, stellten aber auch Fragen zum geistlichen Leben
und zu unseren Erfahrungen mit der Frauenordination. Wenn die Frauenordination
zur Zeit in der Mar-Thoma-Kirche auch nicht
diskutiert wird, so wird sie doch nicht als dogmatisches Problem, sondern als
eine Frage der kirchlichen Disziplin beurteilt. Bischöfe und Theologen sahen
jedenfalls in unserer Praxis der Frauenordination kein Hindernis für
weiterführende Kontakte.
Als tiefes geistliches Erlebnis empfanden wir unsere
Teilnahme an einer sonntäglichen Eucharistiefeier, die ein Bischof mit den
anwesenden Priestern und mehr als 500 Gläubigen feierte. Trotz fehlender
Sprachkenntnisse (der Gottesdienst wurde in Malabar,
der Landessprache von Kerala, gefeiert), konnten wir
den einzelnen Stationen der Eucharistiefeier mit seinen starken Symbolen,
wunderschönen Gesängen (und viel Weihrauch!) problemlos folgen.
Die Mar-Thoma-Kirche engagiert
sich sehr stark in der Diakonie. In diesem sozialen Engagement für
benachteiligte Menschen sieht sie einen der Schwerpunkte ihrer missionarischen
Tätigkeit. Wir besuchten ein Waisenhaus bei Cochin,
in dem etwa 70 Kinder ein Zuhause gefunden haben, ein Haus für psychisch kranke
Frauen, die dort therapeutisch betreut werden, ein Alten- und Pflegeheim für
Demenzkranke und eine Schule. Diese und andere Einrichtungen stehen nicht nur
Kirchenmitgliedern, sondern allen hilfesuchenden
Menschen offen.
Theologischer Austausch
Ein wichtiger Programmpunkt unserer Reise war der
theologische Austausch. Das Studienkolleg der Mar-Thoma-Kirche
in Kottayam hatte einen Seminartag organisiert, an
dem neben zwei Bischöfen die meisten Dozenten der Hochschule und mehrere
Pfarrer teilnahmen, insgesamt, mit uns, ca. 30 Personen. Professor Eßer stellte in seinem Vortrag die Grundzüge der
alt-katholischen Geschichte, Lehre und Praxis dar, für die Mar-Thoma-Kirche
tat dies der Dekan des theologischen Kollegs. In der sich anschließenden sehr
lebendigen Diskussion konnte eine Reihe von Punkten aufgegriffen und
intensiviert werden. Dabei ging es nicht nur um allgemeine Fragen zur
Kirchenstruktur, auch ethische Fragen kamen zur Sprache: Wie steht die Mar-Thoma-Kirche zur Verhütung? Sie ist erlaubt! Das
Problem eines möglichen Schwangerschaftsabbruches wird der Entscheidung der
betroffenen Frau überlassen. Die Kirche gibt hier keine Empfehlungen.
Vor dem Hintergrund der zur Zeit in der Anglikanischen
Gemeinschaft sehr kontrovers diskutierten Frage, ob gleichgeschlechtlich
lebende Männer zu Priestern geweiht werden dürften, wurde uns klar zu verstehen
gegeben, dass Homosexualität für die indische Kultur, die indischen Familien
und auch für die Mar-Thoma-Kirche nicht mit dem
Glauben vereinbar sei. Auch eine Segnung homosexueller Paare ist nicht
vorstellbar.
Es besteht keine Zölibatsverpflichtung für die Priester,
wohl aber, der alten orthodoxen Tradition folgend, für die Bischöfe. Obwohl die
Mar-Thoma-Kirche einige Probleme hat, genügend
Bischofskandidaten zu finden, gibt es keine Überlegungen, diese Tradition in
absehbarer Zeit aufzulockern. Aber auch diese Frage wird nicht dogmatisch,
sondern in der Tradition begründet gesehen.
Ähnlichkeiten
In der Lehre haben wir Ähnlichkeiten zu den alt-katholischen
Kirchen festgestellt. So hat die Mar-Thoma-Kirche das
dreigliedrige ordinierte Amt und das Bischofsamt in apostolischer Sukzession
bewahrt und sich eine bischöflich-synodale Kirchenverfassung gegeben. Für uns
interessant war, dass nicht nur alle Priester nach fünf bis sieben Jahren
versetzt werden, sondern auch die Bischöfe nach sieben Jahren das Bistum
wechseln müssen. Die Personalentscheidungen fällt die Bischofskonferenz, die
monatlich unter der Leitung des Metropoliten (das ist der älteste der
amtierenden Bischöfe) zusammenkommt. Wie die alt-katholische Kirche lehnt auch
die Mar-Thoma-Kirche den Primat in der Form ab, wie
er nach den Dogmen von 1870 vom Papst ausgeübt wird. Zentraler Gottesdienst ist
die sonntägliche Eucharistiefeier.
Wohl auf den Einfluss der evangelikalen Anglikaner im 19.
Jahrhundert ist die Ablehnung jeglicher Marien- und Heiligenverehrung in der Mar-Thoma-Kirche zurückzuführen. Wir waren sehr überrascht,
in den Kirchen, die wir besucht haben, weder eine Ikone noch eine Marien- oder
Heiligenstatue zu finden. Vor dem Hintergrund dieses evangelikalen Einflusses
ist dies verständlich, aber weitaus radikaler als in der alt-katholischen
Kirche.
Theologisch gesehen gehört die Mar-Thoma-Kirche
zu den sogenannten „Altorientalischen Kirchen“, die anders als der Hauptstrom
der Christenheit lediglich drei der insgesamt sieben altkirchlichen Konzilien
verbindlich anerkennen und die Ausdifferenzierung des Christusbekenntnisses in
der Alten Kirche nicht akzeptiert haben. Hier ist die Mar-Thoma-Kirche
der theologischen Tradition ihrer syrisch-orthodoxen Mutterkirche treu
geblieben. Auch die koptischen Kirchen in Ägypten und Äthiopien gehören zu
dieser Gruppe. Ein intensiver innerorthodoxer Dialog hat aber inzwischen in
dieser Frage des Christusbekenntnisses weitgehende
Einigung erzielt. So dürften die Unterschiede auch für den Dialog mit anderen Kirchen
kein Hinderungsgrund mehr sein.
Die ökumenischen Kontakte sind, soweit wir beurteilen
konnten, im innerindischen Kontext gut. Die Mar-Thoma-Kirche
arbeitet intensiv im indischen Kirchenrat mit anderen Kirchen zusammen, es gibt
eine enge Zusammenarbeit bei einer Reihe von sozialen Projekten und bei der
theologischen Ausbildung, die Mitarbeit im Ökumenischen Rat der Kirchen wurde
bereits erwähnt.
Der Priesternachwuchs wird an zwei eigenen theologischen
Kollegien ausgebildet mit jeweils ca. 80 Studenten und weiteren 40 Doktoranden.
Da die-se Kollegien eingebunden sind in den größeren
Verband einer Universität, an denen auch andere Konfessionen ihren
theologischen Nachwuchs ausbilden, haben die Studierenden der Mar-Thoma-Kirche die Möglichkeit eines Studiums auf breiter
ökumenischer Basis. Die Gespräche, die wir mit einigen Studenten führten,
zeugten von ausgezeichneten theologischen Kenntnissen. Eine Reihe von
Gemeindepraktika oder Zeiten der Mitarbeit in den vielen sozialen Institutionen
ergänzen das theologische Studium und bereiten auf die Praxis vor.
Fazit
Wir haben als alt-katholische Delegation viel gesehen und
mit vielen Bischöfen und Priestern (aber leider nur mit wenigen Laien) sprechen
können. Insgesamt waren alle Vertreter der Mar-Thoma-Kirche,
mit denen wir zusammentrafen, bemüht, uns einen Einblick in ihre Arbeit und in
das Leben der Mar Thoma-Kirche
zu geben. Es bestand auch ein reges Interesse an unserer Kirche.
Es lohnt sich zweifellos, mit dieser indischen Kirche weiter
in Kontakt zu bleiben und eine Reflexion der bischöflich-synodalen
Kirchenstruktur anzustreben. Das Interesse an einem solchen Dialog mit der
alt-katholischen Kirche wurde mehrfach deutlich betont. Trotz einer Reihe von
Unterschieden, die sicher hauptsächlich durch lokale Traditionen und die
indische Kultur bedingt sind, haben wir doch sehr viele Gemeinsamkeiten.
Die Mar-Thoma-Kirche ist
inzwischen nicht nur in Indien verbreitet, es wäre durchaus möglich, hier in
Europa im Rahmen ökumenischer Kontakte beim Gemeindeaufbau zu helfen und das
Gespräch zu suchen.
Unsere Reise hat gezeigt, dass sich ein näheres Kennenlernen
für beide Seiten durchaus lohnen würde. Zum jetzigen Zeitpunkt kennen sich
beide Kirchen aber sicherlich noch zu wenig, um über die Frage einer möglichen
Kirchengemeinschaft zu sprechen. Ob die zweifellos vorhandenen Unterschiede
durch weitere Gespräche soweit überbrückt werden können, dass das Kennenlernen
zu einer vollen Kirchengemeinschaft führt, wird sich zeigen müssen.
Günter Eßer