Es kommt ein Schiff geladen
Gedanken zum Advent
Der Advent ist eine ganz besondere Zeit und lebt von
verschiedenen Eindrücken: die Kerzen, die wir am Adventskranz entzünden, die
Düfte von Glühwein und Zimt, die ausgehend von den Weihnachtsmärkten unsere
Städte und Dörfer durchziehen, und schließlich auch die Adventslieder, die uns
von Kindesbeinen an bekannt sind. Eines dieser Lieder besingt ein Schiff, das
vollgeladen durch das Meer gleitet. Wir kennen es: trotzdem möchte ich Ihnen
die ersten vier Strophen mit auf den Weg durch diesen Advent geben.
"Es kommt ein Schiff, geladen bis an sein´ höchsten
Bord, trägt Gottes Sohn voll Gnaden, des Vaters ewigs
Wort. Das Schiff geht still im Triebe, es trägt ein teure Last: Das Segel ist
die Liebe, der Heilig Geist der Mast. Der Anker haft´auf
Erden, da ist das Schiff am Land. Das Wort will Fleisch uns werden, der Sohn
ist uns gesandt. Zu Betlehem geboren im Stall ein Kindelein,
gibt sich für uns verloren: Gelobet muss es sein."
Ein Schiff geladen bis an den höchsten Bord. Im vergangenen
Jahr hing ein Adventskalender mit Texten für jeden Tag in meiner Küche, auf dem
als Titelbild ein solches Schiff abgebildet war: Ein großer Frachter, wie er
unsere Weltmeere durchkreuzt, vollbeladen mit bunten
Containern, gleitet auf spiegelglatter See in einen Hafen. Der Frachter wird
von goldener Abendsonne beschienen. Ein kraftvolles Bild, das zugleich tiefe
Stille und Frieden ausstrahlt. Ohne Schiffe wäre ein Großteil der Welt sehr
viel länger unentdeckt geblieben: Die Schifffahrt zählt neben der Luftfahrt zu
den großen Abenteuern der Menschheit. Es steckt die Idee dahinter, das Wasser
als Transportweg zu nützen; wir sprechen ja auch von den Wasserstraßen. Und
somit hat die Schifffahrt eine lange Geschichte und Entwicklung hinter sich.
Zur Zeit des Mittelalters, als der Text zu diesem
Adventslied entstand, gab es auch schon Schiffe, die große Lasten beförderten.
Ohne den Güterverkehr auf der Straße und auf der Schiene war es nur auf dem
Wasserweg möglich, weite Strecken zurückzulegen, sei es auf den damals
bekannten Meeren oder auf den großen Flüssen. Allerdings mussten sich die
Schiffer viel mehr als heute auf den Wind und die Wellen einlassen. Anstelle
von lauten Schiffsmotoren waren die Segel für das Vorwärtskommen auf dem Wasser
verantwortlich. Erfolg hatte nur, wer sich im Einklang mit dem Wind und dem
Rhythmus des Meeres fortbewegte.
Dieses Lied gehört in seinem Kernbestand zu den ältesten
geistlichen Gesängen in deutscher Sprache. Sehr wahrscheinlich geht seine
Urgestalt auf den mittelalterlichen Mystiker Johannes Tauler
zurück. Bemerkenswert ist der Aufbau der Strophen: Jeweils die ersten beiden
Zeilen stellen ein Bild vor Augen.
Das Schiff ist von alters her ein Sinnbild für die Begegnung
zweier Welten, für die Begegnung von Meer und Land, aber auch von Himmel und
Erde, die sich am Horizont des Meeres zu berühren scheinen. Es gibt einige
Landschaftsbilder, die den Menschen schon allein durch ihre Betrachtung mit
einer anderen Dimension, mit der göttlichen Dimension in Berührung bringen:
Dazu gehört die Wüste, die den Menschen auf das Allernotwendigste des Lebens
reduziert. Dazu gehört der Berg, der uns, wenn wir ihn bestiegen haben, einen
neuen Blickwinkel auf die Welt ermöglicht. Und schließlich das Meer: in der
Endlosigkeit des Wassers und im scheinbar grenzenlosen Übergang von Meer und
Himmel erfahren wir eine Begegnung von Irdischem und Himmlischem, von Mensch
und Gott. Genau auf dieser Grenze des Horizontes, dort wo sich Himmel und Erde
zu berühren scheinen, genau dort fährt ein Schiff: Aus unsichtbarer Ferne kommt
es, durchfährt das Meer, ohne eine Spur zu hinterlassen, nähert sich, berührt
schließlich das hiesige Ufer und entlädt seine kostbare Fracht. Diese Fracht
kommt aus einer Welt, die vom Hafen aus nicht mehr zu sehen ist.
In dem Bild, das dieses Lied zeichnet, gleitet das Schiff
ruhig dahin. Keine Gefahr durch Wind und Wellen scheint vorhanden zu sein. Mit
der wertvollen Fracht wird das Ufer sicher erreicht werden. Schließlich wird
der Anker geworfen. Mit einem Anker mache ich etwas fest, verbinde ich etwas mit
der Erde, mache es unempfindlich gegenüber allerlei Strömungen, stelle es auf
den Boden der Tatsachen. Auch die Fracht wird geerdet – der Brückenschlag zu
dem neuen Ufer beginnt mit dem Ankerwurf. Es wird etwas miteinander in
Verbindung gebracht, was vorher getrennt war.
Dass das Schiff, wie es in diesem Lied besungen wird, sachte
und leicht über die Wellen gleitet, vermittelt auch der Takt der jeweils ersten
Hälfte der Strophen: Der 6/4 Takt erzeugt eine Art Wellenbewegung, er lässt uns
in seinem leichten, wiegenden Rhythmus an das wogende Meer und das Hin und Her
der Wellen denken. Dieser Takt erzeugt beim Hören des Liedes den Impuls
mitzuschaukeln, mit dem eigenen Körper dieses sachte Fahren eines Schiffes über
leichten Wellengang nachzuempfinden. Somit finden wir uns selbst in diesem Bild
wieder, sind Teil der Begegnung zwischen zwei Welten: von Wasser und Land, von
Himmel und Erde, von Gott und Mensch
In der zweiten Hälfte des Liedes verändert sich der
Rhythmus. Es ist der deutende Teil der Strophen, gehalten in einem 4/4 Takt,
mit kräftigem und gleichmäßigem Schlag. Hauptaussage ist, dass mit diesem
Schiff, das von Gottes Liebe angetrieben wird, Gottes Sohn auf die Erde kommt.
Hier treffen nicht nur zwei Welten aufeinander, hier kommen sie miteinander in
Berührung: Gott wirft durch die Menschwerdung seines Sohnes seinen göttlichen
Anker in unserer Menschlichkeit. Gott will bei den Menschen sein. Die meeresweite Distanz zwischen Gott und den Menschen wird
überwunden. In diesem kleinen Kind namens Jesus, geboren in einem ärmlichen
Stall, berühren sich Himmel und Erde.
Auf dieses Ereignis fährt das Schiff zu, auf dieses Ereignis
leben wir im Advent hin. Und dieses Lied fordert auf, sich auf die Bewegung des
Schiffes, dieses ruhige Abfahren der Wellen, einzulassen. Da lässt sich nichts
beschleunigen. Der Wind und die Strömungen des Wassers bestimmen die
Geschwindigkeit, aber das Schiff kommt vorwärts, es wird ankommen, ganz
bestimmt. Gott wird seinen Anker auch in meinem Leben werfen. In dieser
Erwartung zu leben, das ist Advent.
Alexandra Caspari