„Der Herr hat Großes an mir getan“ – Maria im Alt-Katholizismus

 

Erklärung der 40. Internationalen Alt-Katholischen Theologenkonferenz in Neustadt/W vom 25. bis 29. August 2008

 

35 altkatholische Theologinnen und Theologen versammelten sich vom 25. bis 29. August 2008 im Bildungshaus des Herz-Jesu-Klosters in Neustadt/Weinstraße zur 40. Internationalen Alt-Katholischen Theologenkonferenz. Diese befasste sich erstmals mit dem Thema des Ortes, den Maria im Leben der alt-katholischen Kirche einnimmt. Sie hörte zunächst Referate zur Geschichte der Marienfrömmigkeit (Prof. Günter Esser, Bonn) und zu alt-katholischen Stellungnahmen zur Mariologie, wie sie vor allem in Reaktion auf die im Ultramontanismus geförderte Mariendevotion, dann aber auch im Rahmen bilateraler theologischer Dialoge geäußert wurden (Prof. Angela Berlis, Utrecht). Sie informierte sich zudem anhand von Länderberichten über die Praxis einer Marienfrömmigkeit in den Kirchen der Utrechter Union (Pfr. Wietse van der Velde für die Niederlande; Vikarin Henriette Crüwell für Deutschland; Prof. Urs von Arx für die Schweiz; Pfr. Dr. Jerzy Bajorek für Polen; Peter Vinš für Tschechien). Ein anglikanischer Theologe, Fr. Thomas Seville CR (Mirfield) gab einen Überblick über die Stellung Marias in der Geschichte der Kirche von England und ihren Richtungen.

 

Auf Grund der Referate und intensiver Gespräche im Plenum und in Gruppen verabschiedete die Theologenkonferenz die folgende

 

Erklärung zur Stellung Marias im Heilswerk Gottes und zur Frage einer alt-katholischen Marienfrömmigkeit:

 

1. Gemäß dem biblischen Zeugnis (nach Lukas) ist Maria von Gott auserwählt, den Sohn Gottes zur Welt zu bringen, und sie hat sich in der Freiheit der Liebe zu Gott dem Wirken des Heiligen Geistes geöffnet. Von daher sieht die Internationale Alt-Katholische Theologenkonferenz jegliche Rede über Maria primär begründet und situiert im Mysterium der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus, der Inkarnation des Wortes Gottes: Dieses – aus dem Vater gezeugt vor aller Zeit und eines Wesens mit dem Vater – ist Fleisch geworden ist vom Heiligen Geist aus Maria, der Jungfrau, und Mensch geworden (Glaubenssymbol von Nizäa-Konstantinopel). Als Mutter dessen, der die ganze menschliche Natur angenommen hat, wird Maria als Gottesgebärerin (theotokos) gepriesen (Ökumenisches Konzil von Ephesus). Dieses Bekenntnis ist immer festgehalten worden in der gottesdienstlichen Praxis der altkatholischen Kirchen, so im Credo wie auch in der Commemoratio des Eucharistiegebetes, wo Maria als Erste der Heiligen genannt wird.

 

2. Anstelle einer gewissen Zurückhaltung in der Vergangenheit, die sich aus der Ablehnung ultramontaner Frömmigkeitsformen erklärt, zeigt sich in den liturgischen Büchern der Gegenwart eine größere Offenheit für Maria erwähnende und lobende Texte. So wird vermehrt Marias Glaubensweg in Liedern und Gebeten neu gepriesen (Typos der Kirche, Bild unserer künftigen Vollendung in Gott; Modell der Glaubenden, in denen Christus Gestalt gewinnt; Schwester im Leiden; andere, poetische Bilder). Auch ihre Rolle als Fürbitterin, die in indirekter Form (Orationen, Präfationen) und direkt (Christus- bzw. Allerheiligen-Litanei, Ave Maria) zur Sprache kommt, wird neu gesehen. Des Weiteren finden sich vermehrt Marienbildnisse und -statuen in altkatholischen Kirchengebäuden.

Es zeigt sich so ein deutlicheres Einstimmen in die prophetischen Worte des Magnificat: „Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Geschlechter“. Dabei werden der Gottes- und Christusbezug und der doxologische Charakter des Marienlobs sorgsam gewahrt. Freilich ist die Praxis in den einzelnen altkatholischen Kirchen unterschiedlich ausgeprägt, und zwar je nach geschichtlichem Kontext, wie sich etwa in Polen zeigt. Die Konferenz stellt überdies fest, dass Liturgie, theologische Reflexion und praktizierte Andachtsformen nicht immer übereinstimmen.

 

3. Im Hinblick auf die beiden Mariendogmen von 1854 und 1950 hat sich die bisherige alt-katholische Theologie ablehnend geäußert. In der Utrechter Erklärung von 1889 heißt es: „Wir verwerfen auch, als in der Hl. Schrift und der Überlieferung der ersten Jahrhunderte nicht begründet, die Erklärung Pius IX. vom Jahre 1854 über die unbefleckte Empfängnis Mariä.“ Ähnlich äußerten sich zu beiden Dogmen die Internationale Bischofskonferenz der Utrechter Union (1950) und die Gemischte Orthodox-Altkatholische Dialogkommission (1977). Aufgrund der festgestellten Offenheit für die Gestalt Marias und im Kontext bilateraler ökumenischer Dialoge scheint es nicht ausgeschlossen zu sein, dass bei neuen verbindlichen römisch-katholischen Interpretationen der beiden Dogmen diese Verwerfungen neu bedacht werden.

 

Neustadt/Weinstraße, 29. August 2008