Nachhaltigkeit Leben
Eine Ansichtssache
Früher wurden Leute belächelt, aus deren Tasche ein Telefon
rausguckte oder klingelte – heutzutage ist es eher unüblich, wenn man keine
eigene Telefonzelle in der Tasche hat. Früher gab es drei bis fünf Fernsehprogramme
– heute etwas über 50. Es ist noch nicht so lange her, da haben wir uns mit dem
C64er von Commodore rumgeärgert – heutzutage steht
schon in den Kinderzimmern Computertechnologie herum, die von der
Rechenleistung einen mittleren Atomkrieg zu steuern vermag.
Und trotzdem ist die Menschheit depressiv, geht es uns
fühlbar (und oft real) nicht gut. Die Arbeitslosigkeit ist hoch,
gesellschaftliche Spannungen entladen sich in Vor-Bürgerkriegsähnlichen
Zuständen und die Kirchen erleben einen dramatischen Untergang. Wie passt das
zusammen?
Billig?
Es gibt Industriezweige, die lauthals jubeln können. Das ist
z.B. die Handyindustrie – nie zuvor wurde soviel telefoniert, wie momentan. Das
ist die Industrie für Computer- und Freizeittechnologie, z.B. Digitalkameras,
MP3-/CD-Player, Videotechnik usw. Und das ist die nahezu ausschließlich auf
Werbung bauende Internetbranche. Deren Umsätze sind gigantisch – der
Preisverfall dito! Nie zuvor war Technik so billig zu bekommen, nie zuvor so
ein breites Angebot, nie zuvor war soviel so leicht möglich!
Aber: Nie zuvor hat es sich so wenig gelohnt, defekte Geräte
zu reparieren – nie zuvor waren sie qualitativ so schlecht, wie derzeit! Der
Preisverfall rechtfertigt keine Warenausgangskontrollen mehr, dies wird auf den
Kunden verlagert, man tauscht sofort problemlos um, auch zehnmal
hintereinander! Es ist ja nur die Lebenszeit der Menschen, die dabei achtlos
verplempert wird. Von deren Nerven ganz zu schweigen.
Um den Preis der „Zeit“ ...
... erkaufen wir uns diesen Standard. Wie viele Stunden
seiner Lebenszeit verbringt ein Mensch damit, Software und Geräte verzweifelt
zum Laufen zu bringen, weil diese schlichtweg nicht oder nicht wie beschrieben
funktionieren? Oder zum Händler zurück zu bringen, weil die Technik defekt ist?
Wie viel Zeit nimmt die überhand gewordene Werbe- und Spamflut täglich in
Anspruch?
Wofür? Was hat sich wirklich verbessert durch die
Technologieentwicklung der vergangenen 10 bis 15 Jahre? Rechtfertigt das
gigantisch angewachsene Angebot den massiven Qualitätsverfall? Man betrachte
alleine die Sicherheitsstandards: Wenn früher Standleitungen für die
Fernbedienung von Kraftwerken ein Eindringen von Hackern unmöglich machten,
geht das jetzt alles über das terroristisch bedrohte Internet. Wenn es früher
technologische Standards gab, die eine Mindestsicherheit im Verkehr, in der
Telekommunikation usw. gab. ist dies alles der „Kostenexplosion“ im
Personalbereich zum Opfer gefallen.
Wieso eigentlich, wenn doch alles so viel billiger zu
produzieren ist? Wo kommen denn diese Kosten her? Wieso ist Personal so teuer
geworden?
Ressourcenverbrauchende
Technologien
Die Antwort liegt genau dort, wo vordergründig der
Fortschritt zu liegen scheint. Toll, dass jetzt soviel telefoniert wird – aber
produzieren die Vieltelefonierer auch um denselben Faktor mehr als früher? Oder
wird nur zum Spaß (verbrauchend) telefoniert? Toll, dass es so billige Computer
gibt, weil die Industrie so einen gigantischen Markt entdeckt hat für
Urlaubsfotos, Videos, MP3-Musiksammlung. Doch: Nur für solche Anwendungen ist
alles konzipiert, die Betriebssicherheit von Soft- und Hardware orientiert sich
allein an Freizeitanwendungen!
Wenn die Menschheit viel mehr an Technologie konsumiert als
früher, dann verdient daran sicherlich die Technologieindustrie – aber wovon
sollen die Menschen das bezahlen? Nur ein kleiner Teil davon arbeitet in der
Technologieindustrie. Und der Rest?
Wenn in solch gigantischen Ungleichverhältnis nur noch
freizeitorientierte Technologie produziert wird und sich daran auch Qualitäts-
und Sicherheitsstandards einer ganzen Gesellschaft orientieren, dann hat die
Gesellschaft zwar einen ganz tollen Freizeit-Standard, aber nur Freizeitaufwendungen ist
verbrauchend, nicht produzierend!
Tja, und irgendwann ist alles einfach verbraucht. Für ganze
Gesellschaftsschichten ist dieser Punkt längst erreicht. Für die übrige
Gesellschaft wandert dieser Punkt unbarmherzig näher, wenn wir so weiter
machen.
Nachhaltigkeit
Wir müssen wieder zurückfinden zu einem gesunden Verhältnis
zwischen verbrauchendem und nachhaltigem Leben. Das betrifft sowohl unsere
Technologie- als auch Werteentwicklung. Alles nur noch mit sich ständig
übertreffendem Eventcharakter versehen zu müssen (z.B. WJT,
Tamtam-Gottesdienste, Partys, Action) ist verbrauchend – sowohl Ressourcen als
auch Lebenszeit. Es ist eine Scheinwelt, in der sich unsere Gesellschaft
befindet. Die vordergründige Fülle verstellt den Blick auf die realen Probleme.
Empfunden werden sie aber; der enorm gestiegene Anteil an Depressionserkrankungen
und Lethargie in der Bevölkerung lässt dies mittlerweile erkennen.
Ob dies Aufgabe und Chance einer Kirche sein kann, den
Menschen zu einem neuen Bewusstsein zu verhelfen, den „Nebel der verlockenden
Möglichkeiten“ vor den „„Augen der Realität“ zu vertreiben?
Dieser Beitrag wird derzeit im Bistumsforum diskutiert und
durch weitere Impulse ergänzt. Unter www.Alt-Katholisches-Forum.de
finden Sie diesen im Board „Miteinander Glauben Leben“ im Mitgliederbereich.
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Godehard Pötter