Atheisten blasen zum Angriff
Aber es kann nur ein Stellungskrieg werden
Im ersten Kapitel seines Römerbriefes hat der Apostel Paulus
einen hochphilosophischen Satz über die Erkennbarkeit Gottes formuliert: „Seit
Erschaffung der Welt wird seine (Gottes) unsichtbare Wirklichkeit an den Werken
der Schöpfung mit der Vernunft wahrgenommen, seine ewige Macht und Gottheit.“ (Röm 1,20) Diese Aussage basiert auf der philosophischen
Überzeugung praktisch der gesamten Antike: Der Mensch ist in der Lage, sich mit
seinen eigenen Augen und vor allem mit Hilfe der Vernunft von Gottes Existenz
zu überzeugen. Er braucht nur auf die Schöpfung zu schauen und deren Vorgänge
zu beobachten; dann kommt er notwendigerweise zu einem vollkommenen geistigen
Wesen, von dem alles stammt. Darauf bauen die berühmten Gottesbeweise auf, die
in der ursprünglichen Form bereits bei Aristoteles begegnen: alles das, was
sich in Bewegung befindet, hat eine Ursache seiner Bewegung bzw. ist von etwas
bewegt worden. Verfolgt man alle Bewegungen und Ursachen immer weiter zurück,
so muss man letztlich auf einen Erst- oder Urbeweger
stoßen, der, weil er selbst nicht mehr bewegt wird, ein göttliches Wesen sein
muss. Der griechische Philosoph nannte ihn den unbewegten Beweger.
Thomas von Aquin machte aus dem einen Beweis gleich mehrere, die sich jedoch in
ihren Kernaussagen nicht wesentlich voneinander unterschieden.
Wenn wir heute an einem wunderschönen Winter- oder Sommertag
spazieren gehen und schneebedeckte Wälder bzw. blumenübersäte Wiesen sehen oder
wenn wir nachts in den sternenbedeckten Himmel schauen, dann verhalten wir uns
oft ähnlich wie Aristoteles, Paulus oder Thomas und stellen die Frage, wer denn
alles so geschaffen, wer denn alles so schön und ordnungsgemäß gemacht habe.
Leider hat uns vor etwa 200 Jahren ein Philosoph diese Frage gründlich
verleidet. Es war der berühmte Immanuel Kant, der „Alleszermalmer“
aus Königsberg. Er hatte in seinem Buch „Kritik der reinen Vernunft“ alle
Gottesbeweise zerpflückt und sie auf völlig falsche Denkvoraussetzungen
zurückgeführt. Er argumentierte, dass die menschliche Vernunft nur (!)
innerhalb der Grenzen der Welt und des Kosmos denken und schlussfolgern könne.
Jede Überschreitung der Grenze unserer Erfahrung führe zu Fehlurteilen.
Allerdings bedeutet diese Einschränkung unseres Denkens auf den menschlichen
Erfahrungsbereich keineswegs die Leugnung Gottes. Gott kann nach Kant zwar
„nicht bewiesen, aber auch nicht widerlegt werden“.
Hypothese „Gott“
Auch vor Kant waren gläubige Menschen immer schon davon
überzeugt, dass der „Glaube“ nicht identisch sei mit „Wissen“, dennoch bestand
zwischen Glauben und Wissen keine unüberbrückbare Kluft. Beide konnten sich
nicht widersprechen. Nachdem Kant jedoch dem menschlichen Erfahrungsbereich und
unserer Vernunft Grenzen gesetzt hatte, drifteten Religion und
Naturwissenschaften mehr und mehr auseinander. Jede Disziplin führte bald ein
Eigenleben. Symptomatisch dafür ist die Antwort des Mathematikers Laplace auf die Frage Napoleons, warum denn Gott in seinem
System nicht vorkomme: „Sire, diese Hypothese brauche ich nicht“. Das
gemeinsame Gespräch verstummte in der Folgezeit weitgehend. Weitgehend – das
heißt: es gab und gibt bis heute immer wieder den Versuch interdisziplinärer
Gespräche bzw. das Wagnis einer Synthese.
Die berühmteste stammt von dem Jesuiten Pierre Theilhard de Chardin (1881-1955),
der Theologe und zugleich Naturwissenschaftler auf dem Gebiet der Paläontologie
war. Er versuchte, den christlichen Glauben mit der Lehre von der Evolution des
Kosmos und des Lebens in Einklang zu bringen. Dass er mit der römischen
Glaubenskongregation in Konflikt geriet und aus dem Jesuitenorden verbannt
wurde, zeigt die Schwierigkeit eines solchen
Unternehmens und das Misstrauen auf Seiten der kirchlich Verantwortlichen. Zu
den Brückenbauern gehört auch der Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker, der
sich nach dem Krieg vor allem mit ethischen und philosophisch-theologischen
Fragen beschäftigte. In den Jahren 1959-1961 hielt er in Glasgow Vorlesungen,
die dem Thema „Schöpfung und Weltentstehung“ gewidmet waren. Aber auch für den
jetzigen Papst Benedikt XVI. ist es ein wichtiges Anliegen, Glauben und Wissen
wieder in Einklang zu bringen. Davon zeugt z. B. seine Regensburger Rede oder
das Gespräch, das er noch als Kardinal mit dem Philosophen Jürgen Habermas
führte. Zu erwähnen ist auch Eugen Drewermann mit seinem dreibändigen Werk zur
„Religion und Naturwissenschaft“ und den neuen Büchern über „Die moderne
Neurologie und die Frage nach Gott“ (bisher zwei Bände). In einem Brief äußert
er sich zu dem für einen Theologen ungewöhnlichen Unternehmen: „Die
‚Neurologie’ war aus meiner Sicht überfällig, um der angestrebten ‚Synthese’
von Psychoanalyse und Theologie eine Grundlage zu schaffen und sämtliche
Begriffe (Geist, Bewusstsein, Selbstbewusstsein, Person, Seele, Freiheit...)
neu zu diskutieren.“ Und er fügt hinzu: „der Schlaf der Theologie weckt (bei
mir) Albträume.“
Die neuen Atheisten
„Der Schlaf der Theologie“! Dagegen stehen – wie erwähnt –
vereinzelte Versuche, eine Synthese zu ermöglichen, die jedoch teilweise mit
Argwohn beäugt oder erst gar nicht zur Kenntnis genommen werden. Inzwischen hat
sich allerdings eine neue und brisante Situation ergeben. Aus dem Nebeneinander
droht nun ein Gegeneinander zu werden, zumindest seitens einiger
Naturwissenschaftler. In geradezu aggressiver Weise verbreiten sie sich in
Büchern, Zeitschriften, in Vorträgen und Fernsehtalks über den religiösen Aberglauben,
attackieren die Bibel und den Koran und machen die Gottesvorstellungen der
einzelnen Religionen verantwortlich für alles Übel in der Welt. Der Spiegel
überschrieb einen Bericht über die neuen Atheisten mit dem Titel: „Der Kreuzzug
der Gottlosen“. (22/2007)
An der Spitze der Gottesgegner steht der britische
Evolutionsbiologe Richard Dawkins, dessen Buch „Der
Gotteswahn“ (Ullstein, 6. Aufl., 2007; Engl. Originaltitel: The
God Delusion) seit Monaten
die Spitzenpositionen der deutschen Bestsellerliste einnimmt. Sieht man ihn im
Fernsehen, dann kann man sich angesichts seiner unschuldigen Miene und der doch
etwas simplen Argumente des Eindrucks nicht erwehren, er staune wie ein Kind,
dass es immer noch Menschen gibt, die an einen guten Onkel im Himmel glauben.
Ebenfalls aus England stammt ein anderer Religionskritiker, Christopher
Hitchens, für den Religion die Triebfeder für Hass und Kriege, für Völkermord,
Sklaverei und sexuelle Unterdrückung ist. In Frankreich betreibt Michel Onfray seine Mission gegen Gott und Religion, in Amerika
Sam Harris, dessen Buch den Titel trägt „Das Ende des Glaubens“.
„Der Gotteswahn“
Bleiben wir ein wenig beim Buch „Der Gotteswahn“ von Dawkins, das ohne Anhang und Anmerkungen 534 Seiten
umfasst. Wer meint, ein so umfangreiches Werk eines Biologen sowieso nicht
verstehen zu können, irrt. Britische Autoren schreiben an sich schon einfacher
und verständlicher als die grüblerischen deutschen Denker. Aber mit diesem Buch
liegt einem ein geradezu unterhaltsames Werk vor, das zu einem großen Teil
angefüllt ist mit Geschichten und Geschichtchen, mit Anekdoten und Episoden,
die in Büchern, Zeitschriften und dem Internet gefunden und dann
aneinandergereiht worden sind. Dazu kommen bei theologischen Themen unbedarfte
Behauptungen des Autors selbst, der wohl noch nichts von historisch-kritischer
Exegese gehört hat, der nichts davon weiß, dass die biblischen Berichte in
einem bestimmten historischen Kontext entstanden sind und demnach nicht
vorschnell aus unserem heutigen Verständnis zu beurteilen oder zu verurteilen
sind. Vom alttestamentlichen Gott z.B., zu dem Juden über Jahrtausende hin in
ihrer Not gebetet und geschrieen haben, der für sie
in ihrem unsäglichen Leid Trost und Stütze war, entwirft Dawkins
ein wahrhaftes Horrorbild:
„Der Gott des Alten Testaments ist – das kann man mit Fug
und Recht behaupten – die unangenehmste Gestalt in der gesamten Literatur: Er
ist eifersüchtig und auch noch stolz darauf; ein kleinlicher, ungerechter,
nachtragender Überwachungsfanatiker; ein rachsüchtiger, blutrünstiger
ethnischer Säuberer; ein frauenfeindlicher, homophober, rassistischer, Kinder und Völker mordender,
ekliger, größenwahnsinniger, sadomasochistischer, launisch-boshafter Tyrann.“
(S. 45)
Natürlich gibt es Stellen in der hebräischen Bibel, deren
Gottesbild einen betroffen machen. Es war der im Judentum tief verwurzelte und
mit der Bibel höchst vertraute Martin Buber, der in
seinem Büchlein „Begegnungen“ berichtet, dass er sich seit seiner Jugendzeit an
einer bestimmten Geschichte im Alten Testament wund gerieben habe. Der Prophet
Samuel bestraft König Saul und verfügt seine Absetzung, weil er einen
heidnischen Fürsten nicht ermordet hatte, obwohl es ihm von Gott befohlen war
(1 Sam 17). Einem Bekannten gegenüber gesteht Buber:
„Ich habe es nie glauben können, dass dies eine Botschaft Gottes sei. Ich
glaube es nicht.“ Dabei ist er überzeugt, dass Gott zu den Menschen spricht.
Aber der Mensch, so versteht es Buber, „vermengt
schon im Hören Himmelsgebot und Erdensatzung miteinander, Offenbarung des
Seienden und die Orientierungen, die er sich selber zurechtmacht. Von diesem
Tatbestand sind auch die heiligen Schriften der Menschen nicht ausgenommen,
auch die Bibel ist es nicht.“ Und er fügt etwas hinzu, das wir als Bibelleser
unbedingt bedenken sollten: „Nichts kann mich an einen Gott glauben machen, der
Saul bestraft, weil er seinen Feind nicht ermordet hat. Und doch kann ich auch
heute noch den Abschnitt, der dies erzählt, nicht anders als mit Furcht und
Zittern lesen. Aber nicht ihn allein. Immer, wenn ich einen biblischen Text zu
übertragen oder zu interpretieren habe, tue ich es mit Furcht und Zittern, in
einer unentrinnbaren Schwebe zwischen dem Worte Gottes und den Worten der
Menschen.“ (Begegnung, Autobiographische Fragmente, 2. Aufl. 1961, S. 46f)
Nun kann man von Herrn Dawkins,
der nicht an Gott und Bibel glaubt, selbstverständlich nicht erwarten, der
Bibel mit „Furcht und Zittern“ zu begegnen. Aber man kann von einem
Wissenschaftler, dem das Schicksal des jüdischen Volkes bekannt sein dürfte,
zumindest Respekt vor ihren Traditionen erwarten.
Warum gibt es Religionen?
Warum aber gibt es überhaupt Religionen? Für Dawkins sind Religionen wie alles andere von der Natur
Hervorgebrachte und Weiterentwickelte ebenfalls Produkte der Evolution.
Allerdings widersprechen sie auf der ganzen Linie der darwinistischen Ökonomie,
d.h. mit ihrem großen Zeitaufwand bei rituellen Vollzügen, den vielen Mühen
beim Bau von Kathedralen, den Gefahren bis hin zum Märtyrertod stehen
Religionen nicht im Einklang mit den Gesetzen der Selektion: „Religion ist
verschwenderisch und extravagant, die darwinistische Selektion indes richtet
sich gewöhnlich gegen Verschwendung und merzt sie aus.“ (S. 225) Wozu also
Kirchenbauten, Zölibat und Tod für den Glauben? Die Religionen selbst können
auf Grund ihrer Nutzlosigkeit also nicht der Hauptzweck der Evolution sein. Sie
müssen deshalb ein „Nebenprodukt von etwas anderem“ sein. Nebenprodukte hat die
Natur auch in anderen Bereichen hervorgebracht, gleichsam als Trick oder Umweg,
um den eigentlichen Zweck oder das Hauptprodukt zu erreichen. Die romantische
Liebe zweier Menschen ist solch ein Zaubertrick, mit dessen Hilfe die Natur den
beiden Verliebten etwa neun Monate später ein plärrendes Kind beschert und
damit die Fortpflanzung der Gattung Mensch sichert.
Das Beispiel der Liebe zeigt schlagend die Wege und Umwege
der Natur, um einen bestimmten Zweck zu erreichen. Welchen Hauptzweck aber hat
die Evolution mit Hilfe der Religionen verfolgt? Bei der Beantwortung dieser
Frage zeigt sich Dawkins unsicher. Er erwägt mehrere
Möglichkeiten. So erzeugt die religiöse Erziehung bei Kindern „Glauben“, einen
Glauben daran, dass alles, was Eltern, Ältere, Autoritäten, Institutionen sagen
oder fordern, richtig und ungefragt zu befolgen sei: „Die natürliche Selektion
stattet das Gehirn eines Kindes mit der Neigung aus, den Eltern oder Stammesältesten alles zu glauben, was sie erzählen. Ein
solcher vertrauensvoller Gehorsam dient ... dem Überleben.“ (S. 245f) Dawkins zitiert weiterhin einen Neurologen, der die These
vertritt, dass eine irrationale, also eine religiöse Überzeugung, vor geistigem
Wankelmut schütze: „Wäre an lebensrettenden Überzeugungen nicht energisch
festgehalten worden, so hätte dies in der Frühzeit der menschlichen Evolution
einen Nachteil bedeutet. Es wäre zum Beispiel höchst unvorteilhaft gewesen,
wenn die Menschen es sich beim Jagen oder bei der Werkzeugherstellung ständig
wieder anders überlegt hätten.“ (S. 261)
Sicherlich weisen die Religionen mehr Dimensionen auf, als
Theologen mit ihrer Sichtweise wahrnehmen. Psychologen und Soziologen haben uns
aus ihren jeweiligen Blickwinkeln heraus auf Aspekte hingewiesen, die das
menschliche Verhalten auf Grund einer religiösen Bindung bestimmen, wie
Gemeinschaftsförderung, Stärkung des Selbstbewusstseins, leichtere Bewältigung
von Konfliktsituationen usw. Es mögen nun auch Evolutionsbiologen über den
Haupt- und Nebenzweck der Religionen mit Recht spekulieren und ihre Hypothesen
vertreten. Aber danach fängt doch das Fragen erst an, das existentielle Fragen,
das Fragen des Einzelnen, was für ihn Leben ist, was für ihn Glauben bedeutet
und welchen Wert für ihn die Liebe hat. Die Evolution mag um alles in der Welt
nur auf eines hin zielen, auf die Erhaltung der Gattung. Aber für zwei Menschen
hat die Liebe darüber hinaus ihren Eigenwert – mit oder ohne Kinder. Und das
Gleiche gilt für den Glauben, der zweifellos auch eine Menge an positiven
sozialen und psychischen Impulsen impliziert, aber vor allem eines vermittelt:
dass der Mensch sein Leben nicht sich selbst verdankt, sondern es als
geschenktes annimmt und sich somit von Beginn seiner Existenz an in einer
persönlichen Beziehung zu dem Schenkenden sieht.
Die Grenzen der Naturwissenschaften
Es gibt Naturwissenschaftler, die Atheisten sind, und es
gibt solche, die an einen Schöpfergott glauben. Dawkins
bemüht sich, die Existenz eines Gottes in dem Kapitel „Warum es mit ziemlicher
Sicherheit keinen Gott gibt“ (S. 155) auf Grund naturwissenschaftlicher
Argumente zu widerlegen. Nun muss jede Erklärung auf dieser Basis notwendig
lückenhaft bleiben. Weder der Urknall als solcher noch der Übergang vom
Anorganischen zum organischen Leben oder der vom animalischen zum geistigen
Bereich können – sagen wir es vorsichtig: beim jetzigen Erkenntnisstand –
begründet oder erklärt werden. Deshalb leugnen ernsthafte Wissenschaftler die
Grenzen ihrer Methoden nicht, so wie ernsthafte Theologen darauf verzichten,
die entsprechenden Lücken mit Gott auszufüllen. D.h. die Erklärung des „Ganzen“
bleibt uns versagt. Und ich möchte an dieser Stelle noch einmal Kant bemühen.
Damals richtete er seine These einer Einschränkung der menschlichen Vernunft
auf diese Welt und ihre Gesetze an die Theologen und Philosophen seiner Zeit.
Heute könnte sie ebenso gut an die Adresse mancher Naturwissenschaftler
gerichtet sein, sich ihrer Grenzen bewusst zu werden. Denn erst mit dem Dasein
eines Universums, also mit dem Urknall sind Raum, Zeit, Materie und
Naturgesetze existent. Das Forschungsobjekt für Menschen ist nur dieses
konkrete Universum. Das „Ganze“ aber ist mehr!
Die Gründe der Aggressionen
Fragen wir zuletzt nach den Gründen der Aggressivität, dem
missionarischen Eifer der neuen Atheisten. Der bereits zitierte Spiegel-Artikel
weist auf das Wiedererstarken der Religionen in den
letzten Jahren hin, auf die „nackte Panik, dass Gott im Kampf mit der
Aufklärung Sieger bleiben könnte“. (22/2007) Meiner Meinung nach sind es vor
allem die extremen Spielarten der Religionen, nämlich der islamische
Fundamentalismus und der sich in Amerika ausbreitende christliche Kreationismus, der Naturwissenschaftler auf die Barrikaden
treibt. Das kann man sogar gut nachvollziehen. In Dawkins
Buch sind die Kreationisten mit ihrer
buchstabengetreuen Auslegung der Bibel, ihrem Glauben an eine Schöpfung in
sieben Tagen, an eine Welt, die etwa 6000 Jahr alt ist, und ihrer strikten
Ablehnung der darwinschen Evolutionstheorie die Hauptgegner. Deren Positionen
werden am häufigsten zitiert, während moderne und moderate Theologen unbekannt
zu sein scheinen oder allenfalls als Wölfe im Schafspelz charakterisiert
werden. Insgesamt wirft Dawkins allen kirchlichen
Repräsentanten vor, in Staat und Gesellschaft einen viel zu großen Einfluss zu
haben, viel zu sehr respektiert zu werden und dadurch eine unheilvolle Rolle zu
spielen. Man spürt schon, dass vor allem die US-Verhältnisse im Vordergrund
stehen und zur vorrangigen Zielscheibe der beißenden Kritik Dawkins
geworden sind.
Was geht das uns an? Sollte man das Buch lesen? Man kann
sich die 534 Seiten getrost ersparen. Es wird einem nicht viel bringen, wenn
man es liest, und es wird einem nicht viel fehlen, wenn man es nicht liest.
Hans Jürgen van Minde