Neuer Mann im alten Rom
Der neue Papst ist gewählt und in sein Amt eingeführt: Benedikt XVI. Er ist ein scharfsinniger Denker und Theologe, im besten Sinn des Wortes ein Intellektueller, jedoch mit dezidiert konservativen Überzeugungen. Viele Christinnen und Christen haben nach dem Habemus papam spontan ihre Zweifel geäußert, ob Ratzinger der geeignete Mann ist, das Schiff römisch-katholische Kirche in die Zukunft zu führen, doch wird man bei realistischer Betrachtung der Dinge konstatieren müssen, dass es viel zu früh ist, Aussagen darüber zu machen, wie konservativ oder progressiv Benedikt XVI. sein Amt ausfüllen wird. Die Kirchengeschichte hat diesbezüglich durch die Jahrhunderte des öfteren gelehrt, dass schlaue Einordnungen und besserwisserisches Schubladendenken am Ende nicht zutreffend waren; der Heilige Geist hat schon so manches scheinbar verhärtete Herz erweichen und verändern können konfessionsübergreifend.
Hoffnungen
Wie auch immer: Alt-Katholiken verstehen sich als Mitglieder der einen katholischen Kirche. In § 2 der Synodal- und Gemeindeordnung, dem Kirchenrecht unseres Bistums, heißt es: Wir bekennen uns zu der Einen, Heiligen, Katholischen und Apostolischen Kirche. Die Kirche hat ihren Grund in Jesus Christus und seinem Werk der Versöhnung. Wir streben die konziliare Gemeinschaft der historisch gewordenen Kirchen in ihrer Vielfalt an. Aus diesem Grund wird man aus alt-katholischer Perspektive durchaus Wünsche für das neue Pontifikat formulieren dürfen Hoffnungen, die im Fall einer Umsetzung auch den ökumenischen Dialog, eben den Weg hin zu einer konziliaren Gemeinschaft unserer Kirchen, erheblich begünstigen könnten:
Natürlich sollte der neue Papst die bewundernswerte Zähigkeit und Hartnäckigkeit seines Vorgängers in Friedensfragen haben; es wäre ihm zu wünschen, dass er kontaktfreudig mit den Verantwortung tragenden Politikerinnen und Politkern zu reden in der Lage ist und dass er glaubwürdig die Friedensbotschaft des Evangeliums in die Welt vermitteln kann. Seine Namenswahl könnte hier programmatisch sein: Benedikt XV. hatte sich während des Ersten Weltkriegs nachdrücklich für eine Beendigung der Kampfhandlungen eingesetzt und den Frieden zwischen den Nationen zu seinem Hauptanliegen gemacht.
Glaubwürdigkeit an dieser Stelle setzt aber gerade voraus, dass sich Rom jetzt auch im Blick auf die Führung der eigenen Kirche wieder neu den Maßstäben des Evangeliums unterwirft ansonsten wird es schwer für die Kirche, moralische Autorität zu wahren. Hans Küng hat jüngst formuliert: Der radikalen Reform bedarf vor allem die autoritäre Kommandostruktur. Nicht mehr erträglich ist heutzutage ein Papst, der zwar behauptet, Diener aller zu sein, sich aber faktisch als autoritärer Alleinherrscher aufführt. Damit spricht Küng originär alt-katholische Gedanken aus; im Grunde erinnert er daran, dass das Erste Vatikanische Konzil im Jahre 1870 dem Papst bibel- und traditionswidrig einen absolutistischen Jurisdiktionsprimat und Unfehlbarkeit zugesprochen hat.
Hören
Für den neuen Papst ist zu hoffen, dass er die Kraft hat, auf Stimmen von außen zu hören, Missstände in der Kirche wahrzunehmen und zu Kurskorrekturen bereit zu sein. Selbstgerechte Amtsarroganz, Missachtung einer kritischen Öffentlichkeit, ignorieren von Expertenrat und die sture Weigerung, eigene Fehler auch nur zuzugeben, dürfen keine Verhaltensweisen eines Pontifikates am Beginn des 3. Jahrtausends sein. Man kann nicht nach außen den Frieden predigen, ohne nach innen Strukturen zu schaffen, die den Menschen ein Leben mit der Kirche in Frieden ermöglichen. Es steht zu hoffen, dass die Repression so vieler Theologen (Hans Küng, Leonardo Boff, Charles Curran, Ernesto Cardenal, Jacques Gaillot, um nur die bekanntesten Namen zu nennen), die der römisch-katholischen Kirche schweren Schaden zugefügt hat und die ja wesentlich von Kardinal Ratzinger mitzuverantworten ist, nun nicht weitergeführt wird.
Alt-Katholische Hoffnungen für den neuen Papst und die römische Kirche richten sich auf die Frauen, die bislang von einer rigoristischen Sexualmoral diskriminiert und von allen kirchenleitenden Positionen (insbesondere den höheren Weihen) ausgeschlossen sind.
Wir müssen hoffen für die Männer, die sich als Priester zum besonderen Dienst an den Menschen in den Gemeinden berufen fühlen und denen die Ehe bis heute evangeliumswidrig verboten ist. Wir hoffen für die Menschen, deren Ehe zerbrochen ist, die oft unter Schmerzen neu zu lieben gelernt haben und die deshalb bis heute unbarmherzig von der Eucharistie ferngehalten werden. Und wir hoffen für uns selbst und alle christlichen Konfessionen, dass die römisch-katholische Kirche endlich begreife, dass trotz aller theologisch-dogmatischen Unterschiede Gott am Ende größer ist als unser Herz und Verstand und die eine heilige, katholische und apostolische Kirche sich überall dort verwirklicht, wo Menschen in kirchlichen Gemeinden evangeliumsgemäß leben und eben nicht nur in der römischen Kirche.
In diesem Sinn hat Papst Benedikt XVI. all unsere guten Wünsche und Hoffnungen verdient, denn wir können um der Zukunft aller Christinnen und Christen willen nicht wollen, dass die Strukturkrise der römisch-katholischen Kirche noch auswegloser wird, als sie während des Pontifikates Johannes Pauls II. geworden ist. Zwar bleiben leise Zweifel, ob Hoffnungen und Wünsche angesichts des neuen Amtsinhabers Chancen auf Umsetzung haben doch bleibt auch über alle konfessionellen Grenzen hinweg immer wieder zu betonen: Gottes Geist weht bekanntlich wo er will, und niemand hätte seinerzeit Angelo Roncalli, der sich Johannes XXIII. nannte, zugetraut, die Fenster der Kirche weit aufzustoßen.
Jürgen Wenge