Wodu - Geheimkult Haitis

Wodu ist die Bezeichnung eines afroamerikanischen Glaubens und des auf ihm beruhenden Geheimkultes, der auf Haiti weit verbreitet ist. Da in ihm scheinbar ekstatische Tänze einen besonderen Stellenwert haben, assoziierte man ihn früher mit dem Tanz um das Goldene Kalb aus dem Buch Exodus. Man meinte, das Wort Wodu (auch: Vaudou, Vaudoux, Vodou, Vodoo oder Voodoo) vom französischen „veau d´or“ (goldenes Kalb) herleiten zu könne. Dies ist jedoch nicht korrekt. Vielmehr hat der Begriff westafrikanischen Ursprung und bedeutet soviel wie Schutzgeist oder Numen. Mit der Deportation schwarzafrikanischer Sklaven kamen auch afro-schamanische Religionen nach Amerika - unter ihnen auch Wodu - und verbargen sich hinter einer römisch-katholischen Maske. 70 Prozent der Bevölkerung Haitis zählen sich offiziell zur römisch-katholischen Kirche. Dennoch ist bekannt, dass der überwiegende Teil der afro-haitischen Bevölkerung des Landes gleichzeitig und häufig in synkretistischer Vermengung mit dem katholischen Christentum dem Wodu-Kult anhängt.


Die Wodu-Revolution


Da die mitgebrachten Glaubensformen und -riten den entführten Sklaven das einzige waren, was ihnen von der Heimat und an Identität noch übriggeblieben war und ein festes Band zum afrikanischen Kontinent darstellte, wurden sie im Geheimen praktiziert. Ihr Vollzug war strikt untersagt und konnte daher nicht öffentlich stattfinden. Dann trat plötzlich und unerwartet in der Nacht des 14. Augusts 1791 der Wodu-Kult politisch und kriegerisch in Aktion. Der Glaube an die alten afrikanischen Götter und an die Macht ihres Kultes gab den aufständischen Haitianern die Kraft zur Befreiung ihres Landes von den napoleonischen Besatzern. Aber bald nach dem Sieg wurde der Wodu erneut in die Illegalität verwiesen. Denn jene einheimische Schicht, die als regierende die Kolonialherren ablöste, war ganz dem europäischen, speziell dem französischen Lebensstil verhaftet und stand dem afrikanischen Erbe fremd und ablehnend gegenüber.


Wodu-Pantheon


Im Wodu-Kult besteht der Sinn der kultischen Übungen der gläubigen Gemeinde in der Herstellung einer Verbindung zu den Göttern. Rituelle Tänze zielen darauf hin, von einem Gott bzw. Geist (wodu, auch orixa, loa, anges oder saints) in Besitz genommen oder geritten (chevauché) zu werden. An der Spitze des Wodu-Pantheons steht Bon Dieu, der gute Gott. Er hat jedoch als ein Gott, der über den Dingen schwebt und kaum durch Gebet oder Kult zum Eingriff in das menschliche Schicksal bewegt werden kann, wenig Bedeutung. Ungleich bedeutender sind hingegen Göttergestalten, die weit unter ihm rangieren. So erscheint Papa Legba als Mittler zwischen den Göttern und den Menschen. Er übersetzt als eine Art Dolmetscher die Gebete der Menschen in die Sprache der Götter. Deshalb ist das Symbol dieses Gottes ein Kreuz, dessen senkrechter Balken die Verbindung der oberen zur irdischen Welt symbolisiert.

Der waagerechte Balken des Legba-Kreuzes ist Symbol für die irdische Lebenswelt der Menschen. Eine Begegnung beider Welten kann nur stattfinden im Schnittpunkt beider Balken. Und dieser Ort ist es, über den Papa Legba als Gott wacht. Neben ihm gibt es eine große Anzahl weiterer Götter. Dambala zum Beispiel erscheint als Gott der Fruchtbarkeit. Er wird in der Gestalt einer Schlange verehrt. Bei Dambala tritt das Phänomen einer synkretistischen Vermengung mit christlichen Traditionen offen in Erscheinung. Dambala wird sowohl mit Petrus identifiziert als auch mit Patrick, der Irland christianisierte und der Legende nach die Schlangen von der grünen Insel vertrieben hat. Weitere Götter sind Agwe, der Meeresgott, Azaka-Tonnerre, der Gott der Bauernschaft, Ogun Ferraille, der Gott der Schmiede, des Feuers und des Krieges - dargestellt als Jakobus der Ältere. Eine Göttin der Liebe, vergleichbar mit der Göttin Aphrodite, ist Ezili, die von den Haitianern mit der Jungfrau Maria gleichgesetzt wird. Die Statuen von Ezili unterscheiden sich von der Mariens nur durch ihre mächtigen Brüste. Erwähnenswert ist auch die Gruppe der Todesgottheiten (Ghede) mit dem Numen Maitre-Cimetière-Boumba an ihrer Spitze.


Kult und Priester


Den Göttern des Wodus werden Opfer dargebracht, die meist mit der rituellen Tötung von Tieren, wie Hähne, Schweine oder Stiere, verbunden sind. Neben den Opferriten nehmen rituelle Tänze eine ungleich zentralere Stellung ein. Sie muten dem Außenstehenden wie spontane ekstatische Exzesse an, unterliegen jedoch festgelegten und geordneten Regeln. Es ist keine orgiastische Raserei, sondern eine von echten religiösen Intentionen bestimmte kultische Darstellung der Theophanie afrikanischer Schutzgeister. Für den institutionellen Charakter des Wodu spricht die Existenz spezieller Kulträume (Humfó, Peristyl) und das Institut einer eigenen Priesterschaft. Es gibt unterschiedliche Priesterränge. Der gewöhnliche Priester heißt Hungan, die Priesterin Mambo. Ein höherer klerikaler Würdenträger, der etwa dem Rang eines Bischofs entspricht, ist der Gottesvater Papaloa bzw. in weiblicher Form Mamaloa. Derjenige Priester, der die tänzerischen Riten leitet, wird als La Place bezeichnet. Alle Priester sind ausgezeichnet durch feierliche schwarze Gewänder und durch den Besitz einer Kürbisrassel (Asson), die zugleich Abzeichen priesterlicher Würde und Instrument zum Dirigieren der Kulthandlungen ist.

Wodu-Enstase


Durch die große kultische Bedeutung von Trommeln (Assotos) und das Ergriffenwerden durch Numina erweist sich der Wodu als eine echte schamanische Religion. Nachdem der Priester die Kultgemeinde (Société) begrüßt und einen stark mit Pfeffer gewürzten Zuckerrohrschnaps ausgespieen hat (Libation) beginnt der La Place mit seinem Tanz. Ziel und Höhepunkt des priesterlichen Tanzes ist das Gerittenwerden durch einen Gott. Dieses Ereignis tritt äußerlich dadurch in Erscheinung, dass der betreffende Tänzer sich in einer Art und Weise gebärdet, die typisch für den ihn reitenden Gott ist. Vom Gott Dambala Ergriffene winden sich wie Schlangen auf dem Boden. Wer vom Kriegsgott besessen ist, fuchtelt mit einem Säbel umher, flucht und verlangt nach Rum. Derjenige, der von der Göttin der Liebe ergriffen wurde, bemüht sich, mit schriller Stimme französisch zu sprechen. Die angerufene Gottheit taucht aus der Unterwelt empor und manifestiert sich in der Menschenwelt, indem sie sich im Ritualteilnehmer verkörpert. Es handelt ich hierbei um eine Enstase – im Gegensatz zur Ekstase (bei der sich eine Seele außerhalb des Körpers auf Wanderschaft befindet).


Zombies – lebende Tote


Bekannt geworden ist der Woduismus in der westlichen Welt durch das Phänomen der Zombies, das in vielen meist drittklassigen Horrorfilmen thematisiert wird. Es gibt diese „lebenden Toten“ tatsächlich. Der Ethnobotaniker und Anthropologe Wade Davis hat das Rätsel um die Zombies in seinem spannend geschilderten Buch „Die Toten kommen zurück“ aufgedeckt. Sogenannte Bokors, Experten für Schwarzmagie und Schadenszauber und damit Gegenspieler des Hungan bzw. der Mambo sind hierfür verantwortlich. Ein Zombie wird erschaffen, indem man ihm heimlich ein Gift, das hauptsächlich dem Fugo-Fisch entnommen wird, verabreicht. Dieses Gift führt zu einem todesähnlichen Zustand, der alle Körperfunktionen auf ein kaum feststellbares Minimum herabsetzt, das Opfer aber bei vollem Bewusstsein lässt. Dann wird der Scheintote begraben und nach drei Tagen wieder ausgegraben - in einem grauenvollen Zustand. Damit sein Geist (zombie astrale) nicht in den Körper zurückkehrt, wird der Körper des Opfers schwer misshandelt und ihm ein weiteres Gift verabreicht. Die Kombination psychischer Folgeschäden durch das Erlebnis des dreitägigen Begrabenseins und pharmakologischer Drogen macht das Opfer zu einem willfährigen Zombie (zombie cadavre), der als Sklave alle Dienste seines Herren erfüllen muss. Fast alle Haitianer fürchten, dass sie selbst als Zombies versklavt werden könnten. Die Hungans empfehlen deshalb einen Toten, von dem man fürchtet, dass ihm ein Bokor manipulieren könnte, ein zweites Mal zu töten. Zu diesem Zweck hängt man die Leiche auf, spritzt ihr tödliches Gift oder treibt ihr gar einen Pfahl ins Herz. Das sind zwar recht drastische Methoden, die letzte Ruhe eines Menschen zu sichern, aber die Aussicht als lebendiger Toter wiedererweckt zu werden, ist für viele einfach zu schrecklich.


Buchtipp


Ich möchte allen, die gern etwas Spannendes und Lehrreiches zugleich lesen, das Buch von E. Wade Davis an Herz legen. Es ist wie eine Tagebuch konzipiert uns liest sich fast wie Harry Potter. Hier die Daten: E. Wade Davis: Die Toten kommen zurück – die Erforschung der Vodoo-Kultur und ihrer geheimen Drogen, ISBN 3-426-26261-4


André Golob