Liedgut und Liturgie in der alt-katholischen Kirche
Entsprechen unsere Liturgie und unsere Lieder einer Kirche für Menschen heute? Würden Sie eine Gestaltung bevorzugen, die sich an der römischen Tradition orientiert, oder mehr moderne Lieder und freie Gottesdienstgestaltung? Oder lieben Sie eher die Schlichtheit des Taize-Gebets? Darüber wird derzeit diskutiert in unserem Forum www.Mensch-und-Kirche.de. Beteiligen Sie sich, diskutieren Sie mit! Nur ein breiter Dialog vermag etwas zu bewirken.
Es entpuppt sich zusehends als schmaler Grat, auf der einen Seite
modernen Gesellschaftsentwicklungen zu folgen, auf der anderen Seite
jedoch beständige Werte aufzugeben, die den Menschen über
die Epochen hinweg Halt und Orientierung gegeben haben und
nach denen zusehends sich immer mehr Menschen auf die Suche begeben.
Der Einzug der Postmoderne in das Liedgut und die
Liturgie ist ein Experiment, das beide große Amtskirchen seit
30 Jahren versuchen trotzdem vermochte es nicht, die Gläubigen
zu halten. Oder vielleicht gerade deswegen?
Es wird Anlass zu
weiteren Diskussionen in unserer Kirche sein, gerade auch hierzu den
richtigen Weg zu finden. Wenn man bedenkt, wieviele Menschen aus den
anderen Kirchen gerade jetzt orientierungslos auf der Suche sind,
könnte dies genau der richtige Zeitpunkt für eine solche
Diskussion sein. Diesen Menschen statt der Fortsetzung der sattsam
bekannten Experimental-Kirche eine bodenständige
Kirche mit einer Liturgie anzubieten, die den inneren Sehnsüchten
nach orientierendem Rahmen und menschlicher Harmonie in Klang und
Atmosphäre entspricht, bedeutet nicht zwangsläufig, dass
eine solche Kirche nicht inhaltlich
modern sein kann.
Aber muss man modern allein auf das Äußerliche beschränken oder vermag unsere altkatholische Kirche mehr, nämlich den Menschen in seiner gesellschaftlichen Fortentwicklung zu begleiten und trotzdem eine Beständigkeit anzubieten, in der man einfach mal seine Seele baumeln lassen kann? Darüber gilt es den Austausch um unsere alt-katholische Identität in den Gemeinden weiter fortzusetzen (soweit der Impulsbeitrag von Gode Pötter).
@RKndusen schreibt: Man kann nicht jedem modernen
Gedanken hinterher laufen, weil man ihn gerade schick
findet und darüber seine Wurzeln vergessen. Ich denke, dass die
Faszination von Kirche gerade aus ihrem Bezug zur
Historie erwächst. Uns faszinieren die alten Gemäuer, und
einen Priester in Jeans und Baumwollhemd kann sich wohl auch niemand
vorstellen. Das sind die Äußerlichkeiten. Was ist mit dem
Inneren der Kirche, dem was sie uns gibt, was sie uns lehrt,
dem was wir von ihr übermittelt bekommen. Da gibt es sicherlich
Dinge, Gedanken, Anschauungen, Tendenzen, die eher modern
sind. Aber ist alles moderne immer auch gut? Ich vermute,
dass viele Menschen in der Kirche etwas
suchen, was nicht allem
Modernen hinterher rennt, sondern ihnen ein Stück traditioneller
Werte vermittelt.
@Svennolte schreibt: Dieses Problem habt nicht nur Ihr in Eurer Kirche. Auch bei unserer römisch-katholischen Pfarrgemeinde in Marl meint man, die Leute würden total auf die ganz modernen Lieder abfahren. Dazu müht sich dann der Organist auf seiner schwerfälligen Orgel ab, rhythmisch zu begleiten. Komisch! Seitdem sind nur noch Alte in der Kirche, und die stehen erst recht nicht darauf. Aber alle singen fleißig mit, weil sie ja den jungen Leuten was bieten müssen. Aber die Zahl der Gottesdienstbesucher nimmt trotzdem ab. Und die Leute, die eigentlich auf so was stehen sollten, kommen nicht.
@GerdWS schreibt: Ist die AKK eine Reformbewegung der
katholischen Kirche, dann sollte sie nur die wirklich
notwendigen Reformen durchführen und sich in diesem Fall an den
Ablauf der römisch-katholischen Messe halten. Oder ist sie stolz
auf ihre Selbständigkeit? Dann kann sie natürlich mit neuen
Gottesdienstformen experimentieren. Wenn man zur evangelischen Kirche
blickt, kann man davon jedoch nur abraten! Aber: 90 bis 95 Prozent
der Menschen, die in die AKK eintreten, kommen aus der RKK, sind also
römisch-katholisch sozialisiert. Sie kommen, nicht weil sie
nicht mehr katholisch sein wollen, sondern weil ihnen
irgendetwas
in der RKK nicht passt. Sie kommen in die AKK, weil sie katholisch
bleiben wollen, mit Bischöfen, apostolischer Sukzession usw.,
sonst hätten sie ja gleich evangelisch werden können. Wenn
man diese Menschen auch langfristig an die AKK binden will, darf man
ihnen nicht die katholische Wärme und den katholischen
Stallgeruch nehmen. Es darf in der AKK ruhig mehr
Heiligenverehrung, Ordensgemeinschaften und Weihrauch geben. Und es
könnte auch öfter für den Papst gebetet werden, der ja
im alt-katholischen Verständnis immerhin der Primas der
Westkirche ist.
@Lissy schreibt: Für mich ist die katholische Liturgie und das Liedgut etwas sehr vertrautes. Deshalb kam für mich auch nicht ein Wechsel in eine völlig andere Konfession in Frage. Ich wollte keineswegs in eine Kirche, die bewusst anders ist. Sondern einfach nur katholisch, in ihren Lehren, in ihrer Liturgie und in den Liedern.
@Andreas schreibt: Man muss ja nicht sofort die eigene Lehre und was für viele Konvertierte zur ak wichtig ist, die eigene Liturgie dabei aufgeben. Vielmehr findet doch für die meisten eine immer wiederholende Handlung statt, die in Jahrzehnten erfahrener christlicher Erziehung so verinnerlicht und inkulturiert ist, dass für einen persönlich genau dieser wiederholende bildliche und linguistische Ablauf ein wesentliches Element der eigenen Religiosität und Gotteserfahrung ist.
@John Grantham schreibt: Klar ist Vertrautes gut. Auch ich
mag Traditionelles und finde z.B. Rock-Musik in einem gewöhnlichen
Gottesdienst fehl am Platz. Aber andererseits, wenn es (wie bei den
Alt-Katholiken, aber auch bei den Anglikanern) ein
Anliegen ist, zu den Wurzeln des Christentums zurück zu kehren
und uns davon inspirieren zu lassen, dann ist es doch richtig, wenn
wir unsere liturgische und theologische Forschung weiter vorantreiben
und unsere Liturgie entsprechend (zurück-)ändern, wo es
Sinn macht. Es ist doch selbstverständlich, dass die Liturgie
der Ausdruck unseres Glaubens als Gemeinde schlechthin
ist: und
wenn sie unserem Glauben nicht (mehr) passt, wieso sollen wir sie
nicht ändern? Wie stark ein subjektiver Faktor dabei eine Rolle
spielt, erlebe ich sozusagen am eigenen Leibe: als junger Mensch habe
ich in den siebziger Jahren liturgische Neuerungen stürmisch
begrüßt, die ich heute eigentlich nur noch für
schrecklich halte.
@JHNewman schreibt: Bleiben wir ruhig beim Beispiel, das
Abendmahl im Kreis zu feiern und vorher sich an den Händen zu
fassen. Das hat natürlich eine theologische Signifikanz. Wir
sind als Gemeinschaft zusammen, wir verbinden uns im Gebet, wir
erleben die Gemeinschaft miteinander und mit Christus, indem wir
einen Kreis bilden usw. Gar nichts dagegen zu sagen und vollkommen
richtig, denn ein wesentlicher Teil vieler Eucharistiegebete ist es,
aus diversen Menschen eine Einheit zu schmieden - wir werden wörtlich
der Leib Christi. Wenn das liturgisch zu Ausdruck kommt,
bin ich besonders froh, denn so entsteht das Himmelreich, wenn auch
nur für kurze Zeit: wir Menschen legen unsere Unterschiede zur
Seite, begegnen Gott zusammen in Frieden und Freundschaft und
Freiheit und preisen Ihn. Die traditionelle anglikanische Art der
Kommunionausteilung dagegen
betont stärker die Begegnung des
Einzelnen mit Gott, den Akt des Empfangens durch das nach vorne
Gehen, das Hinknien (ein starkes Zeichen der Demut): ich kann mich
gut auf Gott konzentrieren, dabei lenkt nichts ab. Beide Arten haben
also ihre Bedeutung, und man kann sie gar nicht gegeneinander
ausspielen.
@Winnie schreibt: Etwas Anderes zu probieren und
vielleicht die Gottesdienste mehr variieren als sonst? Wäre
sicher wünschenswert. Ich denke nur machmal, dass in unseren
Gemeinden eine gewisse Sättigung bei liturgischen
Veranstaltungen sich äußerst schnell einstellt. Bei uns
werden die alten traditionellen Lieder noch gerne und mit lauter
Kehle gesungen.
Soweit einige Auszüge aus der bisherigen Diskussion. Und was ist Ihre Ansicht dazu? Wie zufrieden sind Sie in Ihrer Gemeinde mit der Auswahl an Liedern und dem liturgischen Ablauf? Schreiben Sie uns Ihre Meinung dazu, im neuen gemeindeübergreifenden Diskussionsforum www.Mensch-und-Kirche.de.
Godehard Pötter