Verankert in der vollendeten Schöpfung Gottes

Die Botschaft der Lieder

Der Text dieses Liedes - in unserem Gesangbuch ist es unter der Nummer 609 zu finden - stammt aus der Feder des ersten Bischofs unseres Bistums, Dr. Joseph Hubert Reinkens. Zwei seiner Dichtungen sind auf Initiative unseres gegenwärtigen Bischofs Joachim Vobbe in unser Gesangbuch eingegangen; für beide wurde dazu eigens eine Melodie komponiert.

Auffällig ist im vorliegenden Lied der bilderreiche Text, mit dem der frühere Breslauer Theologieprofessor um das Gottvertrauen seiner Leserinnen und Leser wirbt. Man muss ihn wohl mehrmals lesen, um ihn zu verstehen. Und ein Verständnis ist auch nur möglich unter Heranziehung des Hebräerbriefs aus der Bibel: Eine Fußnote weist im Gesangbuch darauf hin, dass „Der Anker im Sternenzelt (das Wappen von Joseph Hubert Reinkens) ...sich auf Hebr 6,19“ bezieht. Die Verbundenheit mit diesem Bild hat ihre Geschichte. Sie geht zurück auf einen in Bonn bestehenden geistlichen Kreis, dem Reinkens angehörte und der von einer intensiven Christus- und Vollendungsmystik geprägt war. Kennzeichen dieses Kreises war ein Anker im Ster­nenzelt.

Von einer Christus- und Vollendungsmystik sind auch die ersten Kapitel des Hebräerbriefs geprägt. Alles konzentriert sich dort auf die Verheißung einer zukünftigen Welt, in die Christus eingegangen ist und zu der er uns einen Zugang bereitet hat. Immer wieder mahnt der Briefautor dazu, „bis zum Ende an der Zuversicht festzuhal­ten“ (3,14) - offensichtlich war der Glaube derer, an die sich der Hebräerbrief wendet, in eine Krise geraten. Das wird deutlich an den sich wiederholenden Warnungen vor einem Abfall oder der Erwähnung von Abgefallenen. Die Botschaft des Verfassers lautet deshalb: Acht zu geben, ernsthaft besorgt zu sein, sich zu bemühen, Eifer zu zeigen, nicht müde zu werden, um an der Zuversicht, „am Reichtum unserer Hoffnung“ (6,11), festzuhalten.

Hier erhält das von Joseph Hubert Reinkens verwendete Bild des ausgeworfenen Ankers Konturen: Es nimmt den Gedanken des Festhaltens oder, besser gesagt, des Sich-Festmachens auf. „In den goldnen ewgen Sternen / hat mein Anker Halt gefunden ...“ Man muss sich, um mit dieser im Denken und Empfinden des ausgehenden 19. Jahrhunderts verwurzelten Spra­che zurechtzukommen, tief in ihre Bilder hineinspüren. Dann lebt, was der romantische Poet zum Ausdruck bringen will: Sterne als etwas, das unendlich weit entfernt, aber doch vorhanden und bisweilen sogar deutlich zu sehen ist; ihr Licht und ihr Glanz als etwas Erhebendes, Wunderbares, das anziehend und verlockend wirkt, nach dem man greifen möchte, es aber nicht vermag. So ist es auch mit der Verheißung, unter der wir stehen: Wir wissen um sie; wir haben sie gelegentlich vor Augen; wir spüren ihren Glanz, ihren unschätzbaren Wert; wir sehnen uns danach, aber sie erscheint oft viel zu weit weg. Der Dichter weiß das, aber er sieht ein Mittel der Überbrückung: „...denn die unermessnen Fernen / hat die Liebe überwunden, / die ihn kühn geworfen hat / in die blüh‘nde Sternensaat.“ Liebe glaubt. Sie löst Sehnsucht aus. Sie überwindet Distanzen, selbst unermessliche. Was im Hebräerbrief „Anker der Seele“ genannt wird, ist die von Glaube und Liebe getragene Hoffnung auf die zukünftige Welt, die Christus uns zugänglich gemacht hat.

Nun ist es allerdings so, dass dieser Glaube auch erschüttert werden kann - Joseph Hubert Reinkens spricht von aufsteigenden Wolken, die den Schleier dicht zu­sammenziehen, oder von brausenden Stürmen und brandenden Wogen, die Todesgrauen erregen. Wie der Verfasser des Hebräerbriefs bemüht sich Reinkens um die Botschaft, gerade in solch schwierigen, möglicherweise niederschmetternden Situationen das Vertrauen in Gottes Zuverlässigkeit zu bewahren. Sollen Wolken, Stürme und Wogen nur aufsteigen und brausen: Den Blick auf die Sterne können sie nicht trüben; „mein Schifflein“ können sie nicht vom Kurs abbringen; es wird „an des Paradieses Auen“ sicher landen. „Denn mein Anker immer ruht / in der stillen Ferne Hut.“

Es ist die Verwurzelung in der vollendeten zukünftigen Welt, die diese Sicherheit vermittelt - ein Gedanke, der in unseren Gottesdiensten in beinahe jedem Gebet auftaucht und doch im Alltag des gläubigen Menschen kaum vorhanden ist. Kritiker haben in diesem Zusammenhang von Vertröstung gesprochen, die von den aktuell erlebten Bedrängnissen ablenken soll. Besser sei es, sagen sie, sich gegen die Not zu erheben. Das ist richtig. Aber es ist gerade der Trost des Zukünftigen, der den Aufstand beflügelt: Das Paradies vor Augen, geben wir Gott Raum in unserer Not und entwickeln Alternativen, wie Jesus sie vorgelebt hat. Den so entstehenden Lichtblick bezeichnet Reinkens als aufgehenden Morgenstern und identifiziert ihn mit Christus. Er ist es, auf den hin wir unseren Anker ausgeworfen haben. Und dort sieht er auch „mein Schifflein landen“, so als müssten wir nur an der Ankerschnur ziehen, um an dieses Ziel zu kommen. Dass dies dann die Erfüllung all unserer Sehnsüchte bedeutet - Reinkens formuliert: „...und mein Herz wird wonnetrunken“ - erscheint vom Anliegen des geistlichen Autors her nur konsequent: Mit dem Hebräerbrief-Verfasser gibt er zu bedenken, dass Christus zum In­begriff der zukünftigen Welt geworden ist und dass es unser ganzes Verlangen sein sollte, ihm dort gegenüberzutreten.

Joachim Pfützner