Ein Geschenk für die ganze Gemeinde

Diesmal stellt Angela Berlis Sophie Würth, geb. Rösler, vor.

Im Jahr 1912 erschien ein Buch von Max Kopp mit dem Titel „Der Altkatholizismus in Deutschland“, das eine wichtige Quelle für die Geschichte unseres Bistums bis 1912 ist. Darin werden viele engagierte Geistliche und Laien genannt. Unter ihnen befinden sich lediglich acht Frauen – was, wie diese Reihe zur Geschichte von Frauen im Altkatholizismus aufzeigt, eher ein Problem der Wahrnehmung ist als der Realität entspricht. Eine der hier genannten Frauen ist die „Witwe Max Würth“ aus Stühlingen (Baden). Max Kopp (1846-1928) war 1889-1891 Pfarrer der südbadischen Gemeinde Kommingen und ab 1891 bis zu seinem Tod Seelsorger der Gemeinde Mundelfingen. Es ist gut möglich, dass Kopp die „Witwe Max Würth“ persönlich gekannt hat. Wer war diese Frau und warum ging sie in die Geschichte unserer Kirche ein?

Sofie Rösler

Sofie Rösler wurde am 19. April 1844 als siebtes Kind des Ehepaares Gregor Rösler und Sofie Fechtig in Stühlingen geboren. Das damals im Großherzogtum Baden gelegene Städtchen liegt nahe an der Schweizer Grenze. Sofies Vater, ein Kaufmann, starb bereits fünf Wochen nach ihrer Geburt im Alter von nur 40 Jahren, so dass Sofie als Halbwaise aufwuchs. Auch drei ihrer Geschwister starben noch im Kindesalter.

Im Alter von 17 Jahren, am 29. August 1861, heiratete sie Max Würth (1829-1895), den Sohn des Stühlinger Bürgermeisters Ignaz Würth und der Liborata Krattler. Max Würth war Kaufmann und Sparkassenverwalter. Das Brautpaar wurde durch einen Verwandten getraut, Benedikt Rösler, der Benediktiner im Kloster auf der nahegelegenen Rheininsel Rheinau (Schweiz) war. Den Eheleuten Würth wurden drei Töchter geboren, von denen nur eine – Sofie Emma Würth, verheiratete Würth – das Erwachsenenalter erreichte. Würths einziger Enkel Richard Kurt Würth starb während des Ersten Weltkriegs 1917 in Lemberg.

Die Gemeinde Stühlingen

Bereits 1872 bildete sich in Stühlingen ein alt-katholischer Verein und am 24. August 1874 wurde die alt-katholische Gemeinde staatlich anerkannt. Unter den Laien, die in der Anfangszeit eine tragende Rolle spielten, nennt Max Kopp auch Max Würth, Sofies Ehemann. Doch ist davon auszugehen, dass nicht nur er, sondern auch seine und andere (Ehe-) Frauen sich für die alt-katholische Gemeinde engagiert haben. Im Gegensatz zu den Männern konnten Frauen damals noch nicht in den Kirchenvorstand oder zu Synodalen gewählt werden (erst ab 1920 erhielten sie passives und aktives kirchliches Wahlrecht). Frauen wurden auf anderen Gebieten aktiv.

Alt-katholische Schwestern für alt-katholische Kranke

1882 wurde in Stühlingen vom Roten Kreuz ein Frauenverein gegründet, der sich der Betreuung der Kinderschule und der Krankenpflege widmete und dafür für die Krankenpflege eine römisch-katholische Ordensschwester anstellte. Da man verhindern wollte, dass alt-katholische Kranke und Sterbende auf dem Kranken- bzw. Sterbebett „bekehrt“ würden, kam der Wunsch nach alt-katholischen Krankenschwestern auf. Dies führte Anfang der neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts zur Gründung der Altkatholischen Schwesternschaft. In Stühlingen wurde ein alt-katholischer Frauenverein gegründet, der sich stark für die Armen- und Krankenpflege einsetzte. Dies zeigen die Statuten des Vereins aus dem Jahre 1896, in denen an erster Stelle die „Beschaffung geeigneten Pflege- und Abwartepersonals für Kranke und Wöchnerinnen für die altkatholischen und protestantischen Vereinsmitglieder von Stühlingen und Schwaningen“ (§ 1a) als Aufgabe genannt ist. Sofie Würth war die erste Vorsitzende dieses Vereins, der eng mit dem Bonner Mutterhaus zusammenarbeitete. Damals waren zeitweise mehrere Schwestern in Stühlingen tätig, u.a. Gunda Lossen aus München. Später arbeitete nur noch eine Schwester in Stühlingen.

Die Sophie-Würth-Stiftung

Anfangs beherbergte die seit 1895 verwitwete Sofie Würth die alt-katholischen Schwestern in ihrem eigenen Haus, bis diese 1906 eine Schwesternstation außerhalb der Altstadt bekamen. Im gleichen Jahr schenkte Sophie Würth ihr Haus dem Bonn Schwesternverein, um es als Waisenhaus einzurichten. Da es dazu jedoch ungeeignet war, wurde es 1911 der alt-katholischen Gemeinde überschrieben und zur Nutzung als Pfarrer- und Lehrerwohnung bestimmt. Nach 1913 wohnte zeitweise eine alt-katholische Schwester darin. Dieses Haus liegt gegenüber der Sebastianskapelle, die der alt-katholischen Gemeinde seit 1927 als Gotteshaus dient. Bis 1840 wurde das Haus als Schule genutzt. Damals kaufte der nachmalige Bürgermeister Ignatius Würth es für 2510 fl. und baute eine Nagelschmiede ein. Dreizehn Jahre später wurde eine Waisen- und Sparkasse darin eingerichtet, in der Max Würth als Sparkassenverwalter tätig war. 1889 erbte er das Haus von seinem Vater und nach seinem Tod ging es in den Besitz seiner Witwe über, die es 1906 der Altkatholischen Schwesternschaft schenkte. Heute ist das Haus vermietet. Lediglich ein Raum wird bisweilen von der alt-katholischen Gemeinde als Sakristeiraum genutzt. Am Haus ist ein Schild angebracht, das es als „Sophie-Würth-Stiftung“ kennzeichnet.

Um 1910 zog Sophie Würth nach Freiburg, ließ sich dort einen Altersruhesitz bauen und starb am 23. Januar 1935. Sie wurde in Stühlingen begraben. Ihr Grabstein wurde 1998 vor der Vernichtung gerettet und unterhalb des einstmaligen Wohnhauses aufgestellt.

Angela Berlis