Denkformen in der ethischen Argumentation

Zu einer alt-katholischen Lehrveranstaltung


Ist die Ethik überhaupt ein alt-katholisches Thema? Die Theologen der ersten Generation im Bistum der Alt-Katholiken hatten neben der Durchführung der Unionskonferenzen ihre Aufmerksamkeit vorrangig auf innerkirchliche Gebiete zu richten: Es galt etwa, den Entwurf einer neuen Gemeinde- und Synodalordnung zu begleiten, die Herausgabe eines neuen Katechismus und anderer Schulbücher zu unterstützen und die Überarbeitung der liturgischen Bücher vorzunehmen. Die Kräfte der gegenwärtigen Theologengeneration sind wiederum weitestgehend durch die historische Arbeit in der Alt-Katholi-zismusforschung gebunden, zumal die übrige Kirchengeschichtsschreibung den Alt-Katholizismus höchstens am äußersten Rand berücksichtigt. Auf Bistums- und Gemeindeebene sind vorhandene Quellen zu sichern. Ergänzt werden muss das Bild der alt-katholischen Kirche durch die Darstellung der Rolle bedeutender Frauen seit den Anfängen. Daran wird zur Zeit gearbeitet. Viele andere theologische Bereiche müssen notgedrungen unberücksichtigt bleiben.


Alt-Katholisch: Folge deinem Gewissen und achte das des Anderen


Was die theologische Ethik betrifft, so fand in den Anfängen der alt-katholischen Bewegung eine Konzentration statt. Die gesamte Aufmerksamkeit galt der Gewissensfreiheit. Schließlich hatte man doch aus Gewissensgründen Widerstand geleistet und dann schmerzlich die Trennung in Kauf genommen. Betont wurde die Freiheit von kirchlicher Bevormundung. Seit dem Pontifikat Pius‘ IX. beansprucht das Lehramt Kompetenz und Verbindlichkeit in der Auslegung sogar des Naturrechts. Das konnte und wollte man nicht hinnehmen. Unserem Gewissensurteil unterliegen aber ebenfalls die staatlichen Autoritäten. Die Gewissensfreiheit, so schrieb Bischof Reinkens, ist „das Paladium (= Himmelsgeschenk) aller Freiheiten.“ „Ohne diese bricht jeder freiheitliche Bau im sozialen und politischen Leben zusammen, wie ohne sie auch jede Kirche zum geistlosen Mechanismus und zur Zwangsanstalt wird.“ Mit dem „angenehmen Klang der Freiheit“ kann sich freilich auch die Haltung der Beliebigkeit einschleichen, wie der Bischof warnt, „die Vorstellung von einer Selbstständigkeit, welche Christen vereinsamt und den lebendigen Verkehr mit der Gemeinschaft wie überflüssig erscheinen lässt.“ Das Gewissen muss immer wieder geformt werden; es bedarf der Information. Es muss einhergehen mit Wissen. Bischof Reinkens schien überzeugt gewesen zu sein, dass mit dem Hören des Wortes Gottes für das Gewissen hinreichend Wissensvermittlung geschieht.


Unsere moderne Welt stellt die Gesellschaft wie den Einzelnen aber vor ethische Herausforderungen, die mit der Bibel allein wohl nicht ohne weiteres beantwortet werden können. Die Wissenssprünge in den Lebenswissenschaften lassen uns nicht mehr allein nach dem fragen, was wir tun sollen, sondern auch und vor allem danach, was wir machen dürfen. Hier ist eine theologische Ethik gefragt, die argumentativ dem Gewissen Mittel zur Entscheidungsfindung zur Verfügung stellen kann.


Im Dickicht ethischer Theorien


Die Priesteramtsstudierenden unseres Bistums besitzen in den beiden Fakultäten der Universität Bonn, der römisch-katholischen und der evangelischen, volles Gastrecht, so dass sie theologische Fächer, die das alt-katholische Seminar nicht anbieten kann, dort studieren und mit Prüfungen abschließen können. Was die Ethik betrifft, so wird das entsprechende Wissen gewöhnlich in der römisch-katholischen Moraltheologie erworben. Wer aber in beide Fakultäten hineinhört, hat nicht jederzeit die Gewähr, ungefähr das Gleiche zu hören. So oder so tut es not, sich ein eigenes Urteil zu bilden. Dies wird um so dringlicher, als man auch Stimmen aus der gegenwärtigen philosophischen Ethik wahrnimmt, wie sie zur Zeit nicht nur in wissenschaftlichen Publikationen, sondern auch im Feuilleton überregionaler Tageszeitungen zu hören sind. Ein eigenes Urteil aber lässt sich nicht da-durch gewinnen, dass man die Ergebnisse in ihrer Verschiedenheit gegeneinander abwägt. Den Aussagen liegen verschiedene Vorentscheidungen und Methodenpräferenzen zugrunde: mithin verschiedene Denkformen, welche die Denkergebnisse mitformen. Sie müssen gewusst und mit bedacht werden.

Diese Tatsache hat mich veranlasst, den Priesteramtsstudierenden, den Geistlichen, die sich auf die Kolloquiumsprüfung vorbereiten und anderen theologisch Interessierten im kommenden Sommersemester am 7./8. Mai und am 9./10. Juli ein Blockseminar zum Thema „Denkformen in der ethischen Argumentation“ anzubieten. Ort: Döllingerhaus. Im einzelnen soll es um folgende Grundpositionen gehen.


Soll die Abwägung der Interessen ergeben, was gilt? – Utilitarismus heute


In der philosophischen Ethik der Gegenwart hat sich – besonders in Fragen der Bio-Ethik- eine utilitaristische (den Nützlichkeitsstandort einnehmende) Denk- und Argumentationsweise in den Vordergrund geschoben. Die Qualität sittlicher Handlungen versuchte der „klassische“ Utilitarismus, wie er im 18./19. Jahrhundert in England vertreten wurde, nur von ihrer Nützlichkeit bzw. Schädlichkeit zu bestimmen. Als Nutzen, auf den es ankomme, wurde die größtmögliche Menge Glück unter den Menschen erklärt. Das Problem darin zeigte sich alsbald: Die strikte Anwendung des Nützlichkeitsprinzips, bezogen auf das Glück einer Mehrheit, kann bei Einzelnen und Minderheiten zur Verletzung ihres Rechts führen. Darum wird der ursprüngliche Ansatz heute modifiziert vorgestellt: Was als ein allgemein akzeptables Nützlichkeitskriterium gelten kann, soll aus einer jeweiligen Interessensabwägung abgeleitet werden. „Eine Moralnorm ist nur insoweit begründet, als ihre soziale Geltung im Interesse der sie vertretenden Individuen liegt.“ (Norbert Hoerster). Allen Versuchen einer objektiven Moralbegründung, vor allem dem Naturrechtsgedanken, wird eine Absage erteilt.


Die Vernunft liest in der Natur: römisch-katholische Moraltheologie


Dem Naturrechtsdenken verpflichtet weiß sich die römisch-katholische Moraltheologie. Eine philosophisch ausgeformte Naturrechtslehre erreichte ihren Höhepunkt im Hochmittelalter bei Thomas von Aquin: Naturrecht ist Teilhabe der vernunftbegabten Kreatur am „Ewigen Gesetz“ des Schöpfers, welches das All durchdringt. Vernommen werden kann es durch die Vernunft, so dass sich das Naturrecht als ein Vernunftrecht erweist. – Heutzutage wird das Naturrecht in einem mehr offenen Modell gedacht: Es wird als verbindlich und unveränderlich gedacht, insofern es eine Grenze darstellt, die nicht überschritten werden darf, innerhalb derer aber weitere Klärungen und Bestimmungen inhaltlich notwendig bleiben. Verstärkt treten zur konkreten Ausformung theologische Gesichtspunkte hinzu.

Im ersten Block des Seminars sollen die utilitaristische Grundentscheidung und der naturrechtliche Standort – weniger in der geschichtlichen Dimension als in der gegenwärtigen Ausformung – behandelt werden.


Allein die Schrift? – Zur evangelischen Ethik


Vom Naturrechtsdenken distanzierte sich die evangelische Theologie vor allem des 19. und besonders des 20. Jahrhunderts, da es nicht der biblischen Offenbarung entspringe, bezeichnete Karl Barth sie als eine „trübe Quelle“ der Ethik. Es galt als menschliche Illusion, als Weltverklärung und Ausdruck eines überzogenen Vernunftoptimismus. Als biblisch fundierte Prinzipien wurden etwa herausgestellt: die Nächstenliebe, die Gerechtigkeit, die Freiheit und die Versöhnung. Was aber taugen diese Prinzipien zur Lösung konkreter Probleme? Eine allein auf allgemeinen Prinzipien beruhende Ethik muss nach vorn absolut offen sein. So nimmt es nicht wunder, dass die evangelische Ethik der Gegenwart in den Ergebnissen äußerst vielfältig ist. Der evangelische Sozialethiker Hartmut Kreß hat darauf aufmerksam gemacht, dass in der Tradition naturrechtliche Elemente durch-aus eine Rolle gespielt haben und selbst im 20. Jahrhundert zur konkreten Ausformung ethischer Lösungen trotz der genannten Skepsis unverzichtbar erschienen. Weiter sagt er: „Die heutige nachkonfessionelle pluralistische Gesellschaft ist auf eine dialogorientierte ethische Rationalität mehr denn je angewiesen. Die diesbezüglichen Impulse des Naturrechts sind für die evangelische Ethik neu von Belang.“ Es ist uns eine Freude, dass uns Herr Prof. Dr. Hartmut Kreß von der Evangelischen Fakultät zugesagt hat, am 9. Juli den Tag mit uns zu verbringen und Sichtungen in die Unübersichtlichkeit evangelischer Ethik heute zu bringen.


Und wie geht es weiter?


Abschließend soll in unserem Blockseminar Bilanz gezogen und ausgelotet werden, in welche Richtung – eine noch offene Frage – sich alt-katholische Ethik bewegen sollte. In der Außendarstellung erscheint in unserer pluralistischen Gesellschaft gewiss eine weitere konfessionelle Differenzierung als gänzlich unangebracht. Wo aber kann eine alt-katholische Theologie den Primat des Gewissens berechtigt einbringen? Spannende Fragen erfordern gegebenenfalls die Erörterung über dieses Seminar hinaus.


Klaus Rohmann


Anmeldungen zum Seminar bitte an:

Alt-Katholisches Seminar, Adenauerallee 33, 53113 Bonn, Tel. 0228-737330, per Email an das Sekretariat: u.dietzler-broehl@uni-bonn.de. Das Seminar beginnt jeweils Freitag, 11.15 Uhr und Samstag, 9.30 Uhr, Ende am Freitag um 18 Uhr, am Samstag um 13 Uhr.


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