Für unsere Kirche alles hoffen
Wilhelmine Therese Kreuzer (1867-1937)
Wilhelmine Therese Kreuzer wurde am 11. November 1867 als ältestes von sechs Kindern der Franziska Zelenka (1841-1907) und des Rechnungsrates Hermann Kreuzer (1834-1897) in Berlin geboren. Ihr Vater hatte die dortige alt-katholische Gemeinde mitgegründet. Willy ließ sich zur Gewerbeschullehrerin ausbilden und arbeitete am Lette-Haus in Berlin, das aus dem 1866 von Wilhelm Adolf Lette (1799-1886) gegründeten Verein zur Förderung der Erwerbsfähigkeit des weiblichen Geschlechts hervorgegangen war. Die Schwerpunkte der dortigen Berufsausbildung lagen im hauswirtschaftlichen und sozialen Bereich, eine Qualifikation für gewerbliche und kaufmännische Berufe war jedoch auch möglich. Wilhelmine Kreuzer war nach damaligen Maßstäben modern und fortschrittlich: Sie gehörte zu den ersten Frauen, die in Berlin Reformkleider (ohne Schnürleibchen und fußfrei) trugen.
Haushaltungspensionat in Kempten
Im Frühling 1904 zog Wilhelmine Kreuzer zusammen mit ihrer Mutter zu ihrem Bruder Erwin (1878-1953) nach Kempten, der dort Pfarrer war. Von 1904 bis 1907 wohnte sie auf dem Freudenberg 7, einem stattlichen Gebäudekomplex, der heute zentral zum Hauptgeschäftsbereich liegt. Danach wohnten die Geschwister von 1907 bis 1910 in der heutigen Frühlingsstraße 9 und zogen zwischen 1910 und 1916 noch zweimal innerhalb Kemptens um.
Wilhelmine Kreuzer, die zeitlebens ledig blieb, unterhielt in Kempten einen Privatzirkel für Damenschneiderei und eröffnete um das Jahr 1906 am Freudenberg ein Haushaltungspensionat, für das sie in einschlägigen Zeitschriften inserierte. Für jährlich 1.200 Mark und halbjährlich 700 Mark erhielten Pensionärinnen eine gediegene Ausbildung in Hauswirtschaft und häuslicher Krankenpflege. Gegen zusätzliche Bezahlung erteilte Wilhelmine Kreuzer Unterricht in Literatur, Musik, französischer Konversation und Stenographie. Weil sich laut Familienüberlieferung regelmäßig Pensionärinnen in ihren Bruder verliebten, gab sie das Mädchenpensionat auf und nahm nur noch männliche Pensionäre auf.
Im Frühling 1916 zog sie mit ihrem Bruder nach Freiburg. Dort wurde sie im Juni 1920 Rechnerin der Gemeinde und damit wohl die erste Rechnerin in unserem Bistum. Ein Jahr nach der Einführung des kirchlichen Frauenwahlrechts (1920) wählte die Freiburger Gemeinde erstmals Frauen in die Synode: 1921 wurden die Hauptlehrerin Emilie Betz (1884-1977) zur Synodalen und Wilhelmine Kreuzer als ihre Stellvertreterin für die Badische Landessynode gewählt. 1922 nahm Wilhelmine Kreuzer als Abgeordnete der Freiburger Gemeinde an der Bistumssynode teil.
Arbeit für den Verband Alt-Katholischer Frauenvereine
Wilhelmine Kreuzer spielte eine maßgebliche Rolle bei Gründung und Ausbau des Verbandes Alt-Katholischer Frauenvereine. Sie gehörte dem vorbereitenden Ausschuss zur Gründung des Verbandes an und hat dessen Satzung gemeinsam mit einer anderen Frau entworfen. Im 1912 gewählten ersten Vorstand bekleidete sie zunächst das Amt der Ersten Schriftführerin und ab 1916 das Amt der Rechnerin. Bei der dritten Hauptversammlung des Verbandes im Jahr 1920 wurde sie zur ersten Vorsitzenden gewählt. Emilie Betz, die ähnlich wie ihre Freundin in Gemeinde- und örtlicher Frauenarbeit sowie im Verband Alt-Katholischer Frauenvereine tätig war, hielt in ihrem Nachruf fest: Sie war ja auch zu diesem Amte ganz besonders berufen, da sie durch ihre Erziehung im Elternhaus und durch ihre langjährige Mitarbeit mit Herrn Bischof Kreuzer wie keine andere mit unserer Kirche verwurzelt und verwachsen war.
Wilhelmine Kreuzer schrieb 1923 über ihr Verständnis alt-katholischer Frauenarbeit: Die Liebe, die alles hofft und nicht das Ihre sucht. Das ist der Grund, aus dem alt-katholische Frauenvereinsarbeit erwachsen soll. Sie soll hauptsächlich Gemeindearbeit sein, daneben aber mit hellem Blick die Bedürfnisse der gesamten Kirche erfassen und helfend fördern, wo immer es möglich ist. Dazu müssen wir für unsere Kirche alles hoffen, nicht von vornherein auf dem Standpunkt stehen: dazu sind wir zu klein.
Selbstbewusst vertrat sie ihre Auffassung, dass die Frauenvereinsarbeit in Laienkreisen wurzeln solle: sie soll die Verkörperung der lebendigen Anteilnahme dieser Kreise in selbständiger Mitarbeit am Ausbau unserer Kirche sein. Deshalb solle nicht die Pfarrfrau Vorsitzende des Frauenvereins sein, sondern es solle dies eine warmherzige, arbeitsfrohe, mit allen örtlichen Verhältnissen genau vertraute, weitblickende Persönlichkeit sein, die auch den Mut hat, ihre eigene Auffassung der Frauenvereinsarbeit, wenn nötig, gegen die Auffassung des Pfarrers zu vertreten und durchzusetzen.
Rastlos war Wilhelmine Kreuzer für den Aufbau und Ausbau des Verbandes tätig. Im Auftrag des Verbandes führte sie die Geschäftsstelle des Alt-Katholischen Kinderfreunds, einer Zeitschrift für 6 bis 14jährige, die ihr sehr am Herzen lag. Als Wilhelmine Kreuzer 1933 aus Gesundheitsrücksichten den Verbandsvorsitz niederlegte, wurde sie zur Ehrenvorsitzenden ernannt. Gleichzeitig wurde eine Wilhelmine-Kreuzer-Stiftung begründet, mit deren Erlös bedürftige Kinder unterstützt wurden.
Jahrelang verwaltete Wilhelmine Kreuzer die Geschäftsstelle des Altkatholischen Volksblattes und führte die von ihrem Bruder begründete Willibrord-Buchhandlung. 1935 folgte sie ihrem inzwischen Bischof gewordenen Bruder und dessen Familie nach Bonn. Schwester und Bruder arbeiteten immer eng zusammen. Nach kurzer Krankheit starb sie am 18. Januar 1937 in dessen Haus. In der Todesanzeige schrieb Erwin Kreuzer, er habe in ihr eine aufopfernd selbstlose Mitarbeiterin verloren.
Angela Berlis