In den Fußstapfen ihres alt-katholischen Vaters
Clara Stumpf (1873-1945)
Clara Stumpf war eine Alt-Katholikin der zweiten Generation. Als Lehrerin hat sie die Ideale und Anliegen der alt-katholischen Väter und Mütter an die nächste Generation weitergegeben.
Ihr Vater, der Koblenzer Gymnasiallehrer Theodor Stumpf, war unter anderem Mitbegründer des Koblenzer Alt-Katholikenvereins, aus dem die alt-katholische Gemeinde hervorging. 1872 hatte Theodor Stumpf nach dem Tode seiner ersten Frau seine Cousine Johanna Grashoff geheiratet, die Tochter eines Gymnasialprofessors. Am 9. Mai 1873 wurde dem Ehepaar eine Tochter geboren. Etwa zwei Wochen später berichtete Theodor Stumpf seinem langjährigen Freund, dem Münchener Professor Carl Cornelius über die Wonne, die seiner Frau die Pflege der kleinen Clara bereite. Zwei Monate später starb Theodor Stumpf im Alter von nur 42 Jahren ein herber Verlust für seine junge Familie, aber auch für die Koblenzer Gemeinde und für das ganze Bistum.
Haushaltungspensionat Stumpf in Boppard
Stumpfs Witwe musste zusehen, wie sie ihren Lebensunterhalt alleine bestritt. So waren es wohl nicht nur ihre Liebe zu Kindern, sondern auch finanzielle Gründe, die Johanna Stumpf dazu veranlassten, 1876 in Boppard das Haushaltungspensionat Stumpf zu begründen, das 1884 die städtische Konzession erhielt. Viele bürgerliche Familien schickten ihre Töchter nach der eigentlichen Schulzeit zur hauswirtschaftlichen Ausbildung in derartige Pensionate, um sie so auf ihre Rolle als Hausfrau vorzubereiten. In Boppard gab es in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts vier privat (drei davon von Witwen) geführte Pensionate dieser Art. Das Pensionat Stumpf war das kleinste; es nahm jährlich zwischen vier und acht Pensionärinnen auf. Die meisten waren evangelisch, regelmäßig waren aber auch alt-katholische Pensionärinnen im Haus.
Johanna Stumpf entstammte einer streng evangelischen Familie, doch war sie mit ihrem Mann vor dessen Tod übereingekommen, dass ihre Tochter (alt-) katholisch erzogen werden solle. Carl Cornelius, der freundschaftliche und familiäre Bande mit der Familie unterhielt, wurde nach Theodor Stumpfs Tod zum Vormund der kleinen Clara. Mit seiner finanziellen Unterstützung konnte Clara Stumpf in die Fussstapfen ihres Vaters treten: Nach der Grundschule in Boppard besuchte sie zwei Jahre lang das Pensionat von Wilhelmine Dietzer und Marie Simrock in Bonn, danach weitere zwei Jahre lang die evangelische höhere Lehrerinnenbildungsanstalt in Koblenz. Am 2. April 1892 legte sie die Prüfung für das höhere Lehrfach ab. In den Fächern Religionslehre, Biblische Geschichte, bibelkunde und der ältesten Kirchengeschichte war sie zuvor am 4. Januar 1892 durch Franz Heinrich Reusch, ebenfalls ein Freund ihres Vaters, in Bonn geprüft worden. Anschließend rundete sie ihre Ausbildung durch längere Aufenthalte in England und Frankreich ab. Nach ihrer Rückkehr unterstützte sie ihre Mutter im Haushaltungspensionat. Während Johanna Stumpf die Ausbildung der ihr anvertrauten Mädchen zu tüchtigen hausfrauen übernahm und sie in allen Zweigen des Haushaltes unterrichtete, trug ihre Tochter Clara Sorge für die Ausbildung der Pensionärinnen in Literatur, in verschiedenen Sprachen und in Musik. In einem 1907 im alt-katholischen Kalender erschienenen Artikel bezeichnet der Herausgeber, der Essener Pfarrer Max Rachel, jedoch nicht die Ausbildung für den Haushalt, sondern die Charakterbildung als das Beste, was im Pensionat Stumpf geboten werde. Zu dieser Charakterbildung gehöre die Erziehung der jungen Mädchen zu gediegenen, allem flatterhaften Tand und aller flüchtigen Oberflächlichkeit abholden Charakteren, sowie die religiöse Erziehung: Und daß daneben auch ein tief religiöser, innerlich frommer Geist das ganze Hauswesen durchdringt und beseelt, dafür bürgt schon der Name Stumpf.
Wahrscheinlich bestand das Pensionat Stumpf bis etwa 1911. Clara Stumpf erteilte seit 1907 neben ihrer dortigen Tätigkeit zwölf Stunden an der höheren evangelischen Privatmädchenschule in Boppard. Ab 1911 hatte sie dort eine Vollzeitstelle. In einem amtlichen Bericht über sie wird ihr bestätigt, dass sie über eine gute Lehrgabe verfüge und es verstehe, einen klaren und anregenden Unterricht zu erteilen.
Lehrerin an der alt-katholischen Schule in Dortmund
Im Dezember 1916 starb Johanna Stumpf. Clara Stumpf bewarb sich um eine Stelle an der alt-katholischen Volksschule in Dortmund, die sie zum 1. April 1920 antrat. Davor war die dortige Lehrerstelle in eine Lehrerinnenstelle umgewandelt worden. Ihr Einkommen betrug jährlich 1.200 Mark; außerdem erhielt sie eine Mietentschädigung in Höhe von 480 Mark und eine Ortszulage von 600 Mark. Am 1. April 1929 trat sie in den Ruhestand und zog Ende September 1929 wieder nach Koblenz. Dort leitete sie eine Zeitlang den alt-katholischen Frauenverein. Sie starb nach kurzem schwerem Leiden am 14. Januar 1945 in Gera im Kreise von Freundinnen.
Angela Berlis