Gott im Alltag Raum geben

Immer wieder taucht die Frage auf, wie wir unseren Glauben im Alltag leben können und vor allem, welche Hilfen es dazu gibt. Dazu habe ich zwei Schriften entdeckt, die ich gern vorstellen möchte. Beide dienen dem Verlangen, Gott im Alltag Raum zu geben. Beide orientieren sich am so genannten Tagzeitengebet, das in der Kirche seit frühester Zeit geübt wird.

Magnificat heißt die eine Schrift, Te Deum die andere. Beide weisen die gleiche Struktur auf: Sie bieten für jeden Tag eines Monats ein Morgen- und ein Abendgebet, bestehend aus Eröffnung, Hymnus, Psalm oder Canticum, Kurzlesung, neutestamentlichem Lobgesang, Bitt- oder Fürbittgebet und einem Segen. Ebenso sind für jeden Tag die entsprechenden Texte, wie sie in den katholischen Eucharistiefeiern gelesen werden, aufgeführt und mit Betrachtungsimpulsen versehen. Außerdem gibt es Impulse zum Tagesrückblick, es werden Heilige und vorbildliche Gestalten kirchlichen Lebens präsentiert, und es gibt jeden Monat eine Bildbetrachtung sowie eine Reihe von Beiträgen zu liturgischen oder spirituellen Themen.

Magnifikat

Das Magnificat wirkt in Aufmachung und Text katholischer und auch traditioneller. Es verfügt über ein Kalendarium nur aus der katholischen Liturgie. Es stellt auch nur Heilige aus der katholischen Kirche vor. Viele Texte sind aus den offiziellen liturgischen Büchern entnommen, einzelne allerdings auch aus evangelischen. Doch das entspricht dem Konzept von Magnificat: Es versteht sich als „religiöse Monatsschrift, die dem Menschen von heute die erprobte Spiritualität aus 2000 Jahren Chri­stentum neu erschließt“. Stundengebet und Texte zur Eucharistiefeier stehen in keinem inhaltlichen Zusammenhang, es sei denn, ein besonderer Festtag verbindet die Tagzeiten miteinander. Persönlich bereichernd sind die Gebete, die die Psalmen und Cantica von Morgen- und Abendgebet abschließen. Auch die Impulse, die sich an Lesung oder Evangelium der Eucharistiefeier anschließen, regen zu betroffenem Nachdenken an. In das Abendgebet ist zu Beginn ein täglicher Rückblick eingefügt: ein Zitat, mitunter auch von evangelischen Autorinnen, und zwei oder drei Fragen dazu, die in jeweils unterschiedliche liturgische Schuldbekenntnisse einfließen.

Te Deum

Das Te Deum präsentiert sich in zeitgemäßem Layout. „Struktur. Begleitung. Inspiration.“ lautet sein Konzept. Entsprechend gibt es wie im Magnificat für jeden Tag des Monats ein Morgen- und ein Abendlob, zusätzlich noch ein wöchentlich wechselndes Formular für ein Nachtgebet, das auch Fragen zum Tagesrückblick enthält, die allerdings stets gleich formuliert sind: „Mit wem hatte ich heute Kontakt? Was habe ich heute tun können? Welche Botschaft oder Wahrnehmung geht mir noch nach? Gab es eine Stelle, an der ich Gott besonders erfahren oder vermisst habe?“ Ein Extra bietet das tägliche „Ora et labora“ („Bete und arbeite“), also das Umsetzen des Glaubens ins Handeln. Es besteht aus einem Zitat, das hauptsächlich, aber nicht ausschließlich aus religiösen Schriften stammt, und einer Impulsfrage dazu (Beispiel: „Doch Coca Cola ,stahl‘ der Bevölkerung nicht nur einen beträchtlichen Teil des Grundwassers, es verschmutzte auch noch das bisschen saubere Wasser, das den Anwohnern geblieben war.“ Vandana Shiva, über einen Trinkwasserkonflikt in Kerala, Indien. – Was trinke ich und unter welchen Arbeits- und Naturbedingungen ist mein Getränk produziert worden?).

Wie das Magnificat bietet auch das Te Deum täglich die Texte aus der katholischen Wochentagsleseordnung, doch es bezeichnet sie als Schriftlesung und knüpft damit eher an die so genannte Lesehore des in den 70er Jahren entstandenen Stundenbuchs an. Diese bilden den inhaltlichen Schwerpunkt eines jeden Tags: Morgen- und Abendgebet greifen einzelne Sätze aus den Schriftlesungen auf, die Bit­ten und Fürbitten sind daran ausgerichtet, die Psalmen und Cantica danach ausgewählt. Selbst in den Hymnen lässt sich, wenn auch nicht immer, der so entstehende Leitgedanke wieder erkennen. Der Tag erfährt auf diese Weise seine geistliche Prägung, eine echte Begleitung, angerei­chert durch eine Fülle von Impulsen, nicht nur diejenigen, die sich ausdrücklich als solche erweisen wie die Besinnungsfragen und erklärenden Gedanken zu den einzelnen Texten der Schriftlesung, sondern auch diejenigen, die in Gebeten, Tagesleitworten und in den Eröffnungsversen und Segens­worten zu den Tagzeitengebeten „versteckt“ sind.

Was außerdem gefällt, ist die gute Mischung aus Traditionellem und Neugeschaffenem in den Hymnen. Auch die Eröff­nung der Schriftlesung, die dazu anleitet, sich in die Haltung des Hörens und Betrachtens hineinzufinden, gefällt, ebenso wie die Abschlussgebete, die stets auf die Schrifttexte bezogen sind und mit einer interessanten christologischen Formulierung abgeschlossen werden, so z.B. „Darum bitten wir durch Jesus Christus, der großes Drum und Dran vermied“, oder: „Darum bitten wir durch Jesus Christus, der uns zu Prophetinnen und Propheten machen will“. Schließlich tut auch die bewusst ökumenische Ausrichtung gut: So werden nicht nur Gedenktage katholischer Heiliger angeführt, sondern ebenso auch an vorbildliche Gestalten aus dem evangelischen Leben erinnert.

Für beide Schriften gibt es ein Abonnement, das im Fall des Magnificat beim Verlag Butzon & Bercker (Postfach 1355, 47613 Kevelaer) erworben werden kann und 48 Euro kostet, im Fall des Te Deum bei ars liturgica, Buch- und Kunstverlag, Aboservice (Benediktinerabtei, 56653 Maria Laach); dort kostet es 51,80 Euro. Selbstverständlich bieten beide Verlage Ansichtsexemplare und Kennenlernabos an. Für den täglichen Gebrauch gibt es, ebenfalls von beiden Verlagen angeboten, eine Schutzhülle mit Lesebändchen für ca. 5-6 Euro. Bleibt zu bemerken, dass die Idee dieser Monatsschriften zur spirituellen Tagesgestaltung sehr gut und die Anschaf­fung eine der beiden Hilfen empfehlenswert ist.

Joachim Pfützner