Autostadt und Gottesdienst - Überlegungen zur christlichen Liturgie angesichts der Inszenierungen in der modernen Unternehmenskultur


Es ist mir aufgetragen worden, bei Ihnen ein Referat über die Tagzeitenliturgie zu halten. Das ist eine Bezeichnung für die täglichen Gottesdienste der Kirche im Rhythmus des Tagesablaufs, vor allem am Abend und am Morgen. Wenn man das Thema historisch und systematisch ausführlich behandeln wollte, könnte man die ganze Synode dafür in Anspruch nehmen. Daher möchte ich mit diesem Referat ein anderes Ziel verfolgen: Ich möchte Ihnen beispielhaft verdeutlichen, warum es unglaublich wichtig und aktuell ist, sich mit solchen Themen zu beschäftigen: mit Liturgie im allgemeinen und Tagzeitenliturgie im besonderen.

Ich will damit einsteigen, dass ich Ihnen eine gegenwärtige Entwicklung schildere, die mir als Herausforderung für die Kirche und ihren Gottesdienst erscheint. Dann werde ich an einem Beispiel zeigen, wie die von uns so geschätzte Alte Kirche mit einer zumindest ähnlichen Herausforderung fruchtbar umgehen konnte. Und schließlich möchte ich aus dem Beispiel der Alten Kirche zwei Impulse für uns ableiten.


Erlebnis-Autostadt


Vor drei Wochen kam ich in eine Stadt, die ich vorher noch nie gesehen hatte. Der Ruf eilte ihr voraus, dass es etwas Besonderes mit dieser Stadt auf sich habe. Man betritt diese Stadt durch riesige Tore. Zwölf sind es, aus Glas wie Kristall und etliche Meter hoch. Zahllose Menschen strömen in dieser Stadt zusammen, sie kommen aus vielen Ländern. In ihren Häusern und Hallen und auf den Plätzen lädt diese Stadt zum Träumen ein. Ich lag unter einer Kuppel in einem bequemen Sitz und schaute nach oben; dort sah ich Geschichten, die von den Menschen auf unserer Erde erzählten: von ihrer Not, von ihren Wünschen, von der Hilfe, die sie erfahren könnten, um glücklich zu sein. Bevor ich wieder ins Freie treten konnte, ging ich durch einen Raum, der in gleißendes Licht gehüllt war. Weiß strahlende Böden und Decken, weiß strahlende Wände. Es war zu spüren, hier ist was besonderes; heiliger Boden hätte man wohl früher gesagt. Hier traf ich ihn, der meine Sehnsucht erfüllen sollte.

Die Stadt, von der er ich spreche, liegt in Niedersachsen, in Wolfsburg. Es ist die Autostadt. Eine riesige Anlage, in der sich seit 1999 der VW-Konzern den Menschen präsentiert und seine Marken inszeniert. Schon etliche Millionen sind dort gewesen – als Besucher oder um in stilvollem Ambiente ihren Neuwagen mit nach Hause zu nehmen. Die zwölf gläsernen Tore gehören zur Eingangshalle, in der Besucher empfangen werden, die Kuppel zum Träumen ist ein Sphärenkino, in dem Kurzfilme über Menschen und ihre Autos laufen, der helle weiße Raum ist ein Präsentationsbereich für besonders edle Modelle.


Eine neue Religion?


Die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) in Niedersachen hat ihre diesjährige Herbstkonferenz zu einem Studienausflug in das nahe Wolfsburg genutzt. Stimmt es, dass hier mehr verkauft wird als Autos, stimmt es, dass hier eine neue Religion angeboten wird, zu der die Menschen strömen wie die Pilger? - Das waren unsere Fragen.

Und tatsächlich haben wir Manches gefunden, was bei uns religiöse Assoziationen hervorrief:

Die riesige Piazza, die Eingangshalle, erinnerte an einen Tempel, mit ihren zwölf gläsernen Toren gar an das himmlische Jerusalem. Das Sphärenkino, die Kuppel zum Träumen: Da erkannten wir die Kuppeln und Decken von Kirchen wieder, die in Bildern den Himmel malen, mit Christus und Engeln. Der gleißend helle Raum erinnerte an Offenbarung; wo Gott sich zeigt, hat das oft mit Licht zu tun. Man denke an die Verklärung Jesu auf dem Tabor, als er leuchtet wie die Sonne.

Wenn Sie selbst schon mal bei einer ACK dabei waren, dann wissen Sie, dass viele, wenn nicht die meisten der Delegierten Theologen sind, Pfarrerinnen und Pfarrer. Und vielleicht denken Sie: Naja, die gucken halt mit ihrer Theologenbrille, da geht ein bisschen die Phantasie mit denen durch. Die interpretieren in die Autostadt hinein, was den Machern dieser Stadt niemals in den Sinn kommt.

Phantasie hin oder her. Hören wir Gunter Henn, den Chefarchitekten der Autostadt. Er fragt: „Wer sonst bietet (heute) noch Orientierung, wo bleiben wir mit unserer kindlichen Religiosität?“ Und er gibt selbst eine Antwort: „Die Kirchen sind tot, der Staat zieht sich zurück, die Ideologien haben ihre Macht verloren. Was bleibt sind die Unternehmen.“


Ich gebe zu, mich selbst hat diese Autostadt völlig kalt gelassen; mir ist es egal, was ein Auto kann und welche Formen es hat. Ich habe einen Ford Fiesta mit einer langen Schramme an der Beifahrertür, und für mich reicht es völlig, wenn „dat Dingen“ fährt. Aber wahrscheinlich ist diese Gleichgültigkeit bei mir eine genetische Besonderheit, so ähnlich wie mich auch Fußballweltmeisterschaften völlig unberührt lassen. Bei den Schwestern und Brüdern aus den anderen Kirchen sah das zum Teil ganz anders aus. Da bekannten Pastoren wie Landeskirchenräte, wie klasse sie diese Autostadt fänden, wie diese Inszenierungen begeisterten. Und sonntags sei man mit Besuch oder mit den Kindern schon drei- oder viermal dort gewesen. Wie viele etwas Religiöses empfinden, die die Autostadt besuchen, lässt sich schlecht messen. Erst recht bleibt verborgen, was dort an Unbewusstem bei den Besuchern ausgelöst wird. Klar ist jedenfalls: Hier wird versucht, sehr viel mehr zu vermitteln und zu vermarkten als lediglich einen Gebrauchsgegenstand zum Fahren.


Herausforderung für die Christen


Was sagen wir als Christen dazu? Etwa verurteilen? Den Tanz ums goldene Kalb beklagen?

Ich denke, damit würden wir uns in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit nur einmal mehr ins Abseits stellen als die ständigen Miesmacher der Spaßgesellschaft. Wenn sonntags mehr Leute in die Autostadt pilgern als in die Kirchen unseres ganzen Bistums, dann ist das für mich zuallererst Anlass zur Selbstbesinnung der Kirchen. Warum ist die Botschaft der Autostadt soviel attraktiver als die Botschaft, für die wir stehen? Und ist sie überhaupt attraktiver? Oder wird sie nur besser inszeniert?


Das ist für mich eine ganz entscheidende Frage: Wie wird die Botschaft von Gott, von seiner Wirklichkeit, von seiner erlösenden Gegenwart bei uns erfahrbar? Welche Kommunikationshilfen – nennen wir es mal Inszenierung – geben wir, damit Menschen ganzheitlich mit Gott in Berührung geraten können? Wie können sie ihre Gefühle, ihre Ängste und Hoffnungen und vor allem ihre Sehnsucht mit Gott in Berührung bringen?

Damit sind wir vor allem beim Thema Gottesdienst – Liturgie.


Liturgie als Inszenierung des christlichen Glaubens und Beheimatung menschlicher Sehnsucht


Ich behaupte, dass es der Kirche bisher immer wieder gelungen ist, und zwar durchaus in Konkurrenz zu anderen Anbietern, die Sehnsüchte der Menschen abzuholen, sie zu begleiten und zu beheimaten. Das geschah vor allem in der Liturgie. Ich habe mir ein ganz spezielles Beispiel herausgesucht, an dem ich das zeigen kann: Das Lucernar bei Egeria.


Wir schreiben etwa das Jahr 381 n. Chr. Eine fromme Frau aus Nordspanien unternimmt eine Pilgerreise in den Orient. Egeria oder Etheria ist ihr Name. In Jerusalem nimmt sie an zahlreichen Liturgien teil und schreibt sehr detailliert auf, was sie dort erlebt. Sie beschreibt die Jahresfeste, den Wochenkreis und die tägliche Liturgie, die sogenannten Tagzeitengottesdienste. Hören wir den Bericht Egerias über den Abendgottesdienst in der Anastasis (Auferstehungskirche):


„Zur zehnten Stunde aber, die man hier Lychnikon nennt – wir sagen Lucernar – versammelt sich die ganze Menge wieder in der Anastasis; es werden alle Leuchter und Kerzen angezündet, und es strahlt ein unendliches Licht. Man bringt dabei kein Licht von außen herein, sondern es wird aus dem Innern der Grotte gebracht, wo Tag und Nacht immer eine Lampe leuchtet, das heißt innerhalb des Gitters. Man rezitiert sowohl die Lucernarpsalmen als auch, lange Zeit hindurch, Antiphonen. Jetzt wird der Bischof gerufen, er steigt herab und setzt sich auf seinen erhöhten Platz. Dann setzen sich auch die Priester auf ihre Plätze, und es werden Hymnen und Antiphonen rezitiert.“


Im Mittelpunkt steht das Lichtanzünden, das ist das Wichtigste beim Abendgottesdienst, und die ganze Feier hat davon ihren Namen: Lychnikon oder Lucernarium – auf jeden Fall zu deutsch Lichtanzünden oder Lichtfeier. Man spürt, dass Egeria davon begeistert ist, wenn sie vom lux infini-tum in der Kirche spricht, vom unendlichen Licht. Und dann stelle man sich noch die festlichen Gesänge vor, mit denen die Feier gestaltet wird.


Das Phos hilaron


Wir wissen nicht mit letzter Sicherheit, welche Gesänge damals erklungen sind. Aber es gibt eine recht große Wahrscheinlichkeit, dass unter anderem der Abendhymnus Phos hilaron darunter war:


Freundliches Licht heiliger Herrlichkeit, des unsterblichen Vaters, des himmlischen, heiligen, seligen: Jesus Christus.


Da wir kommen zum Untergang der Sonne und schauen abendliches Licht, preisen wir den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist Gottes.


Würdig bist du zu allen Zeiten, gepriesen zu werden mit heiligen Gesängen. Sohn Gottes, Bringer des Lebens, darum verherrlicht dich das Weltall.


Die Gemeinde kommt zusammen in der Stunde der Dämmerung: Da wir kommen zum Untergang der Sonne. Und sie entzündet Kerzenlicht: und schauen abendliches Licht.


Daraus entsteht eine Atmosphäre des Heils, der Hoffnung, die die Gemeinde Gott preisen lässt: den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist Gottes.


Wir haben es zu tun mit einer gelungenen Inszenierung, einem liturgischen Erfahrungsraum der Nähe und Zuwendung Gottes. Was zieht da nicht alles durch die wenigen Worte und Zeichen vorüber: Die Erlösung der Welt durch Jesus den Christus, der in der Erfahrung der johanneischen Gemeinde das „Licht der Welt“ genannt wird. Diese christologische Deutung ist auch in der ersten und dritten Strophe überwiegend. Da wird Christus als das freundliche Licht vom Vater gegrüßt und als Bringer des Lebens gepriesen, den das Weltall verherrlicht. Aber ebenso leuchtet die Schöpfungsgeschichte auf, dass Gott gegen das Dunkelchaos gerufen hat: „Es werde Licht!“, dass er so Leben ermöglicht hat. Und da leuchtet unsere Zukunft auf, die Heimat im himmlischen Jerusalem, in der Stadt, die nach den Visionen des Johannes weder das Licht einer Lampe noch das Licht der Sonne braucht, weil Gott selbst das Licht sein wird. All diese Bilder des Heiles bündeln sich in der abendlichen Feier. Sie werden gegenwärtig, sie sind zum Greifen nahe.


Lichtreligion als Sehnsucht der Menschen


Ich habe gesagt, die Kirche hatte damals eine Ader für die Sehnsüchte der Menschen. Ich will jetzt näher erläutern, wie ich das meine.


Das Licht der Sonne und das Licht der Lampen zu verehren, darin Göttliches zu sehen, ist nicht erst eine Erfindung des Christentums, sondern wahrscheinlich so alt wie die allgemeine Religiosität der Menschen. Im alten Ägypten galt die Sonne als ein Auge des Himmelsgottes Horus. Später führte der Pharao Echnaton einen Kult ein, der die Sonnenscheibe als einzigen Gott verehrte. In Babylonien verehrte man die Sonne unter dem Namen Schamasch. Von Schamasch erwartete man nicht nur die Vertreibung der Finsternis im physikalischen Sinn, sondern auch im übertragenen Sinn, er sollte Kranke heilen, Unglück aus den Häusern verbannen und sogar Toten das Leben wiedergeben. Einen Höhepunkt fand der Kult des Sonnengottes in spätantiker Zeit in der Gestalt des sol invictus, der unbesiegbaren Sonne. Und ebenso wie der Feuerball am Himmel galt das Feuer in den Händen der Menschen als göttlich, als Himmelsgeschenk. Man denke an Prometheus. Er entzündete eine Fackel am Feuer der olympischen Sonne, verbarg etwas Glut im Stengel eines Riesenfenchels und schlich sich davon. So gelangte das Feuer in die Hände der Menschen.


All diese Kulte um Sonne und Feuer sagen etwas über die Menschen, die sie zelebriert haben: Diese Lichtreligionen sagen, dass die Menschen Sehnsucht hatten, „Sehnsucht nach einem hellen, lichten, das heißt mit Sinn, Hoffnung und Zuversicht erfüllten Leben...“, wie es Paul Ringseisen formuliert hat. Die Kirche der ausgehenden Antike konnte diese Sehnsucht abholen und ihr Heimat geben, indem sie Jesus Christus als das Licht der Welt verkündete und vor allem in ihren Versammlungen feierte und sinnenhaft zugänglich machte. Das betrifft das Lucernarium, das betrifft aber genauso die großen Feste, Ostern und Weihnachten, in deren Symbolgefüge ganz wesentlich das Licht aufgenommen wurde.


Zwei Impulse


Für mich sind es zwei Impulse, die von den Gewohnheiten der Alten Kirche ausgehen, ein ganz konkreter und ein etwas allgemeinerer.

Der erste, sehr konkrete ist der, dass wir die altkirchliche Tagzeitenliturgie wieder zu einem festen und selbstverständlichen Bestandteil unserer gottesdienstlichen Kultur werden lassen. Das wäre ur-alt-katholisch! Dieser Wunsch betrifft das abendliche Lucernar, das ich Ihnen im Wesentlichen vorgestellt habe, das betrifft aber auch die Morgenfeier, in der bei Sonnenaufgang festlich und froh das Gloria angestimmt wird. Beide Feiern kreisen um das Licht und erschließen darin das Christusgeheimnis.

Licht ist ein uns so tief eingegrabenes Symbol, dass es auch heute noch unsere Sehnsucht anspricht nach einem hellen, lichten, mit Sinn, Hoffnung und Zuversicht erfüllten Leben. Würden sonst ungezählte Kerzen gebrannt haben nach Ereignissen wie denen des 11. September, des Amoklaufes in Erfurt und nach anderen furchtbaren Vorfällen? Würden sonst die Lichterketten in der dunklen Jahreszeit immer üppiger? Rein technisch haben die keinen Nutzen. Licht ist immer noch ein Symbol, über das religiöse Kommunikation entstehen kann.

Seitdem ich mich mit dieser Liturgie beschäftige und sie mit Menschen feiere, habe ich es immer und immer wieder erlebt, dass die Mitfeiernden tief bewegt wurden, dass sie bereichert worden sind, dass sie in Tränen ausgebrochen sind. Und das heißt für mich, da passiert etwas innen drin.

Jedenfalls wird eine Anregung zur Feier der altkirchlichen Morgen- und Abendliturgie in unserem neuen Gesangbuch enthalten sein. Wenn ich es richtig sehe, sind wir die erste Kirche in Deutschland, die die altkirchliche Tagzeitenliturgie in eines Ihrer offiziellen gottesdienstlichen Bücher aufnimmt!


Das zweite ist ein Impuls allgemeinerer Art, nämlich dass wir insgesamt ein Gespür wieder entwickeln für den Wert von Inszenierungen, damit meine ich stimmige, ganzheitliche Erfahrungsräume für den Glauben an Gott. Ich glaube, wir müssen nach den „Schlabberjahren“, in denen sich die Kirchen von überkommen Ritualismen emanzipiert haben - nach dem Motto „je gammliger desto lockerer und moderner“ - wieder lernen, achtsam mit dem Zeichen- und Symbolsystem unseres Glaubens umzugehen. Das betrifft die Botschaft des Kirchenraumes, die Bot-schaft der Gewänder, die Botschaft der Gesten; Es muss uns bewusst sein: alles, was wir im Gottesdienst tun und verwenden, das spricht, es ist Symbol, so oder so.

Vielleicht möchten Sie jetzt einwenden, dass solche Inszenierungen uns überfordern. Inszenierungen durch Architektur und Kunst überfordern alt-katholische Gemeinden, die mit großer Mühe ihre Kirchengebäude erhalten können. Inszenierungen durch die Feiernden (Bewegung, Gesten) überfordern unsere Diasporagemeinden mit nur wenigen Gottesdienstteilnehmerinnen und Teilnehmern. Sicher, wir können keine Tempel bauen, wie VW es mit seiner Piazza als Eingangsbe-reich der Autostadt demonstriert. Aber es gibt zahlreiche Möglichkeiten, mit geringem Kapital stimmig und ästhetisch zu inszenieren. Dazu möchte ich einige Beispiele nennen, die ich als gelungen erlebt habe:


Zunächst ein Beispiel vom Gründonnerstag in Hannover: Sie wissen, dass wir in Hannover keine eigene Kirche haben. Der Gründonnerstag wird schon seit Jahren als Tischeucharistie im Gemeinderaum im Pfarramt begangen. Davon ausgehend, dass der Gründonnerstag wesentlich das Vermächtnis nicht endender Liebe ist, habe ich mir für die diesjährige Feier folgende Inszenierung überlegt: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wurden an der Eingangstür mit einer Handwaschung empfangen. Dem Wasser war Rosenwasser beigemischt; auf dem Tischchen mit den Waschgefäßen lagen drei rote Rosen. Auch die festliche Tafel, an der wir Eucharistie hielten, war mit roten Rosen geschmückt. Man kann sich vorstellen, dass der ganze Raum vom Duft des Rosenwassers an den Händen erfüllt wurde. Durch den Gestus der Handwaschung, den Rosenduft im Raum und den Rosenschmuck entstand ein Inszenierung, die die Predigtgedanken zum Thema Liebe sinnenhaft zugänglich machte. Auch die alte Gründonnerstagsantiphon „Ubi caritas et amor“ (Wo Güte und Liebe, da ist Gott) wurde durch diesen Rahmen tiefer zugänglich.


Ein Beispiel aus der Gemeinde Bonn: Dort bekommen seit vielen Jahren sämtliche Kommunikanten ein Stück vom gebrochenen Brot. Erst das für alle gebrochene Brot macht zeichenhaft deutlich, dass Gemeinde Gemeinschaft in Christus ist, wie unser alternatives Einladungswort zur Kommunion in Erinnerung ruft: „Das ist das Brot des Lebens – Darum sind wir viele ein Leib, denn wir alle haben teil an dem einen Brot.“ Die noch oft übliche gestanzte Hostie vermittelt im Grunde die Gegenbotschaft: Wir sind alle Eigenbrötler.

Und schließlich ein Beispiel aus meiner Zvildienstzeit im Marienhospital in Bonn: Dort wurden vierteljährlich Gedächtnisgottesdienste für die während der letzen drei Monate im Haus Verstorbenen gehalten. Mittelpunkt des Gedenkens war stets eine besondere Zeichenhaltung. Ruhig und würdevoll wurden die Namen der Toten verlesen und dabei eine Kerze für jede/n entzündet, eine Rose aufgestellt oder ähnliches. Auch diese Zeichenhandlung sagt mehr als viele Worte, und diese Gottesdienste hatten immer eine sehr dichte Atmosphäre.


Sie merken, es geht nicht nur um den bewussten Umgang mit Inszenierungen, die uns aus der katholischen Tradition geschenkt sind, es geht auch darum, neue, zeitgemäße Inszenierungen als Ausdrucksformen des Glaubens zu finden. Dabei darf Inszenierung kein Theater werden: Wir können nur das ins Äußere übertragen, was vom Herzen gedeckt ist, was also mit unserem Glauben übereinstimmt.


Schlüssel


Symbole sind Schlüssel. Sie sind Schlüssel zum Himmel und Schlüssel zum Herzen der Menschen. Die Aufgabe unserer Inszenierungen ist es, nach beiden Seiten die Tür aufzumachen, Kommunikation auf allen Ebenen zu ermöglichen. Das ist zugleich eine wunderschöne Aufgabe und eine große Verantwortung. Ich möchte den Unternehmen, die wie VW danach greifen, diese Schlüssel nicht überlassen, denn ich bin überzeugt, dass wir ein Produkt von ungleich höherer Qualität zu vertreten haben. Das Heil der Autostadt fließt nur zu bestimmten Menschen: zu denen, die einen Führerschein haben; zu denen, die zahlen können für Eintritt und Neuwagen, zu denen, die alt genug und halbwegs jung und gesund sind. Die Botschaft, für die wir stehen, ist offen für alle Menschen; sie begleitet das ganze Leben, von der Wiege bis zur Bahre, in frohen und in schlechten Tagen, in Gesundheit und Krankheit; und sie weiß um die Ewigkeit, sie weiß um einen Halt und ein Zuhause, wenn hier kein Stein auf dem anderen bleibt. Wenn ich meine Augen zum letzten Mal schließe, wenn ich die Sonne über uns zum letzten Mal gesehen habe, dann wird es ein Licht geben, das keinen Untergang kennt.


Oliver Kaiser


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