La Revedere Auf Wiedersehen
Ein Besuch bei der rumänisch-orthodoxen Kirche
Zweiter Teil
Am Nachmittag verlassen wir die walachische Ebene und bewegen uns mit unserem St.-Macrina-Kleinbus in die Karpaten. Schwarzwaldartige Berge tun sich auf, durch die sich eine nur zweispurige Hauptverkehrsader Rumäniens schlängelt. Entsprechend langsam ist das Vorankommen: Lastwagen, Baustellen, lange Staus. Oberhalb des Ortes Sinaia, in dem der moderne Fremdenverkehr bereits deutliche, leider nicht immer geschmackvolle architektonische Duftmarken gesetzt hat, erreichen wir das gleichnamige Kloster, unsere nächste Station. Nach den Dieselwolken von der Straße genießen wir dankbar die frische Luft. Der Abt empfängt uns freundlich.
Mitten in den Karpaten Reminiszenzen an eine rheinische Prinzessin
In den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts verbrachte Prinzessin Elisabeth zu Wied, die den Prinzen Karl von Hohenzollern-Sigmaringen, den späteren rumänischen König Carol I. heiratete, in diesem Kloster die ersten Sommer in ihrem neuen Königreich. Von Sinaia aus plante sie zusammen mit ihrem Mann den Bau des nahegelegenen Schlosses Pelesch. Unter dem Pseudonym Carmen Sylva schrieb sie in Sinaia gefühlvolle Gedichte über die Natur, die sie immer wieder an ihre rheinische Heimat erinnerte. Sie war als Königin sehr beliebt, da sie sich schnell mit ihrem neuen Staatsvolk identifizierte und sich vor allem sozial engagierte: Sie gründete Anfang des 20. Jahrhunderts, angerührt vom Elend der Waisenkinder in Bukarest, eine Hauswirtschafts- und Nähschule für verwaiste Mädchen und andere Weiterbildungsstätten für Jugendliche. Das soziale Engagement zog sich wie ein roter Faden durch Carmen Sylvas Leben; vor ihrem Umzug nach Rumänien, noch als wiedische Prinzessin, hatte sie auch Kontakt zu unserer Diakonie- und Glaubenszeugin Amalie von Lasaulx. War es ein Zufall, dass Gerhardt Höpker ausgerechnet ein Schlafzimmer zugewiesen bekam, in dem ein vergilbtes Foto von König Carol noch im Originalrahmen des 19. Jahrhunderts hing? Hatten Carol und Carmen Sylva am Ende in denselben Räumen gewohnt? Das Mobiliar jedenfalls ließ diese Vermutung zu, und so erinnerten wir uns an dieser Stelle, dass nun durch die Lotte-Kohn-Stiftung ein ähnliches Projekt gefördert werden konnte, wie es hundert Jahre zuvor die Königin im Rahmen damaligen Selbstverständnisses sozialer Arbeit initiiert hatte.
Unter alten Freunden Kloster Brancoveanu/Simbata
Von Sinaia aus fuhren wir am nächsten Tag über Brasov, das alte Kronstadt, mit seiner Schwarzen Kirche und dem inzwischen schön restaurierten alten Markt ins hügelige Siebenbürgen mit seinen mittelalterlichen Städtchen und Dörfern, deren Architektur noch vielfach die Handschrift der sächsischen Gründer und Besiedler trägt. Störche begrüßen uns von den Dächern und Telegraphenmasten.
Am späten Nachmittag kommen wir im Mönchskloster Brancoveanu bei Sambata an. Abt Hilarion, ein alter Freund und Bekannter unserer Kirche, der uns mit großer Herzlichkeit empfängt, ist im Stress. Hunderte Pilger beginnen schon jetzt, das Gelände um das Kloster herum zu belagern. In zwei Tagen ist Mariä Heimgang (15.August), in Rumänien eines der populärsten kirchlichen Feste. Die ganze Landbevölkerung aus der Umgebung drängt an diesen Tagen in die Klöster. Pferdewagen bestimmen das Tempo auf den Straßen, fliegende Händler, darunter viele Roma, mit Devotionalien, Obst und Kunsthandwerk säumen die Zufahrtswege. Nonnen und Mönche laufen geschäftig dazwischen herum, Klosterbäckerei und -küche arbeiten auf Hochtouren, Podeste müssen aufgebaut, Blumendekorationen angebracht werden. Es ist was los.
Das Kloster Brancoveanu, das von unserer Kirche schon seit der Revolution unterstützt und von seinem Bischof, dem Metropoliten Antonie Plamadeala von Sibiu, nach Jahrhunderten ruinösen Zustandes gezielt als geistliches Zentrum wiederaufgebaut und gefördert wird, liegt in einer traumhaft schönen Landschaft. Gleich am Abhang des inneren Karpatenbogens, das Gebirge und die Wälder auf der einen Seite, die weite, beackerte Ebene auf der anderen, steht es wie eine helle Gottesburg im Gelände.
Wir werden in der neuerbauten theologischen Akademie untergebracht, einem Gästehaus mit mitteleuropäischem Standard. Pater Daniel, der fließend Englisch spricht, zeigt uns das neue Klostermuseum und die bereits 40.000 Bände zählende neue Bibliothek. Das Essen steht schon bereit. Es ist durchaus abwechslungsreich, aber in dieser Zeit fleischlos: Vor Mariä Heimgang wird in der Orthodoxie noch eine einwöchige Fastenzeit eingehalten.
Gebet und Arbeit und ein Wechselbad der Gefühle
Der 14. August ist ein Sonntag. Die Menschenmenge im Klosterbereich nimmt stündlich zu. Zur Eucharistiefeier werden wir in die schon überfüllte Kirche geleitet. Die Geistlichen kommen hinter die Ikonostase zu sitzen, die Laien erhalten Ehrenplätze unmittelbar davor. Es sind sehr viele junge Leute anwesend, auch der Altersdurchschnitt der etwa vierzig Mönche ist ausgewogen. Ein musikalisch offensichtlich ausgebildeter Chor von der Hochschule Iassy singt die Volksteile der Liturgie.
Wer als unerfahrener Westmensch einen orthodoxen Gottesdienst besucht, taucht zunächst ein in eine andere Welt. Zeit spielt keine Rolle. Eine orthodoxe Eucharistie dauert gut und gern zwei und mehr Stunden, nicht gerechnet die Vorbereitungsgebete. Die vielen Wiederholungen in der Liturgie, die Fürbitt- und Loblitaneien sind nicht dazu da, den Verstand anzusprechen. Sie sind Gesänge des Gottvertrauens. Dafür ist die Ansprache der Sinne umso eindrücklicher: Selbst die kleinsten Dorfkirchen sind ganz ausgemalt mit Heiligengestalten; sie sind Fenster des Himmels. Die Ikonostase verdeckt den Altarraum und das dort gefeierte Mysterium, die Gewänder der Priester muten, obwohl sie ganz ähnliche Bedeutung haben wie die westlichen, aufgrund der Brokatstoffe an wie die Festgewandung am byzantinischen Kaiserhof; es wird fast die ganze Liturgie gesungen und selbstverständlich Weihrauch benutzt. Doch trotz aller Fremdartigkeit entdecken wir bei näherem Hinsehen vieles wieder, was auch in die alt-katholische Liturgie eingegangen ist: das filioque (der vom Vater und vom Sohne ausgeht) im Glaubensbekenntnis fehlt wie bei uns, das eigentliche Konsekrationsmoment sind nicht die Einsetzungsworte, sondern ist die Epiklese, die Herabrufung des Heiligen Geistes auf Brot und Wein, während deren alle Priester in tiefer Ehrfurcht niederknien. Wie bei uns wird die Kommunion unter beiden Gestalten, als Mischung von Brot und Wein, ausgeteilt. Fremd mutet uns allerdings an, dass außer den Priestern kaum Gläubige zur Kommunion gehen, nicht einmal alle Mönche. Die Gläubigen und auch wir Gäste - erhalten stattdessen fast zeitgleich das Antidoron, mit Wein getränkte Brotwürfel, die gesegnet, aber nicht konsekriert sind. Um die große Zahl der Gläubigen damit auszustatten, werden ganze Waschkörbe dieses Antidorons ausgeteilt. Immerhin bewirkt diese alte Sitte, dass auch die Nichtkommunikanten und wir Gäste uns auf eine sinnliche Weise in die Gottesdienstgemeinschaft einbezogen fühlen.
Am Nachmittag werden denen aus unserer Gruppe, die noch nie in Sambata waren, einige Gewerke des Klosters gezeigt. Vater Hieronymus führt uns vor, in welcher perfekten Weise das Kloster die in Siebenbürgen beheimatete Hinterglasmalerei für die Ikonengestaltung rekultiviert hat. Die Arbeiten dieses unter schlichtesten Umständen lebenden Mönchs und seiner vier künstlerisch tätigen Mitbrüder gehen in die ganze Welt. In diesem Zusammenhang ist bemerkenswert, dass auch die Ikonostase in der Klosterkirche von Sambata in Hinterglastechnik ausgeführt ist wohl einmalig in der Orthodoxie. Vater Hieronymus betreut zugleich die Klosterbienen. Auf einem Teller bekommen wir die Ursüßigkeit der Menschheit angeboten: Eine noch honiggefüllte Wabe, die Vater Hieronymus mit dem Taschenmesser in mundgerechte Stücke zerhackt hat. Allerdings werden wir höflich gebeten, das ausgekaute Wachs nachher wieder in einen besonderen Eimer zu spucken es wird noch für die Kerzenherstellung gebraucht. Anschließend geht es zu den Fischteichen, bei denen jeder unter fachkundiger Anleitung sein Angeltalent unter Beweis stellen kann. Dies ist freilich leichter, als die dabei entstandenen Fotos weismachen wollen, schnappen doch die hungrigen Forellen nach allem, was man ihnen auf den Haken spießt.
Im weiteren Verlauf des Nachmittages macht Parinte Gabriel auf besonderen Wunsch noch eine kleine Fahrt zu den nahegelegenen siebenbürgischen Kirchenburgen Klein- und Großschenk, nach dem fröhlichen und quirligen Treiben im Kloster ein wahrer Kulturschock: Im weiten Umfeld der Ortschaften verwahrloste Weiden und Äcker, meterhohes Unkraut, ein Schlaglochslalom auf den Straßen. Die Dörfer wie ausgestorben. Viele Häuser befinden sich offensichtlich in Verfall oder mindestens in Verwahrlosung. Hier und da sieht man ein paar ältere Menschen oder ein paar Roma. Aus den Gesichtern schaut einen Armut und Perspektivlosigkeit an. Die Kleinschenker Kirchenburg, die man in Westeuropa zu einem touristischen Highlight aufmöbeln würde, steht geschlossen und verlassen da. Das Mauerwerk ist schon stark beschädigt. In Großschenk öffnet uns ein Rumäne die riesige gotische evangelische Kirche. Die Wände sind feucht, der Holzboden verfällt. Von den bis 1989 noch über tausend Gemeindemitgliedern sind gerade mal 50 meist ältere Menschen übriggeblieben. Alle anderen haben den Weg in die Bundesrepublik angetreten. Das Beharrungsvermögen der Deutschen, die diese Kirchenburgen im Mittelalter geschaffen und über fast achthundert Jahre erhalten hatten, war in den 50 Jahren kommunistischer Diktatur ausgelaugt worden. Nun verfallen die Dörfer, die dem Besucher noch bis unmittelbar nach 1989 durch ihre Sauberkeit, ihren Blumenschmuck, ihr kulturelles und kirchliches Angebot, ihre akkurate Landwirtschaft und ihre auch bei den Rumänen geschätzte Handwerkskunst ins Auge fielen. Nie habe ich den rasanten Verfall einer alten Kultur so unmittelbar gespürt. Auch viele Rumänen bedauern den Exodus der Siebenbürger, die eigentlich keine Sachsen waren, sondern von Rhein, Mosel, Pfalz und aus Luxemburg stammten, was man ihrem singenden, altertümlichen Dialekt bis heute noch gut anhört.
Am späten Abend zurück im Kloster haben sich dessen Zufahrtswege und Innenhof dicht mit Menschen gefüllt. Weil die Kirche nun zu klein ist, hat im Freien ein Vigilgottesdienst stattgefunden, der an den Tod (!) Mariens erinnert. Er ist ähnlich aufgebaut wie die Karfreitagsliturgie. Zum Abschluss heben unter dem Torbogen des Klosters vier Mönche auf einer Stellage eine riesige Marienikone in die Höhe. Tausende von Menschen kriechen in einer langen Schlange gebückt darunter her und versuchen dabei, die Ikone oder doch wenigstens das Gewand eines der Mönche zu berühren. Parinte Gabriel erklärt uns, dies bedeute, sich mit Maria im Tod zu vereinigen, um auch mit ihr aufzuerstehen. Der orthodoxe Karfreitag kennt ein ähnliches Ritual, wo alle Gläubigen unter einem schwarzen Leichentuch Christi durchkriechen. Wir schauen in die meist hageren Gesichter von Menschen jeden Alters, oft gezeichnet von Arbeit und einfacher Lebensweise, aber auch mit strahlenden Augen und erfüllt von tiefer Gläubigkeit. Ich frage mich, welche Strapazen diese von weit her zu Fuß oder mit dem Pferd angereisten Leute auf sich genommen haben mögen, um diesen einen Augenblick zu erhaschen, in dem sie das Glück in Gestalt dieser Ikone berühren, und ich denke beschämt daran, wieviel Freudlosigkeit und Überdruss demgegenüber unser Wohlstand in vielen westlichen Gesichtern hinterlässt.
Mariä Heimgang ein orthodoxes Hochfest aus der Nähe erlebt
Da weder die Kirche noch der Innenhof des Klosters die Zehntausende zu fassen vermag, die am Maria-Heimgangs-Fest das Areal rund um das Kloster belagern viele haben im Freien übernachtet , findet der Festgottesdienst am nächsten Morgen in einem lichten Waldstück in der Nähe des Klosters im Freien statt. Ein hohes Altarpodest ist dort aufgebaut, der Altar steht frei darauf, ohne Ikonostase. Rundherum wartet dichtgedrängt die Menschenmenge, darunter zahlreiche Roma in malerischen Trachten. Aus Sibiu ist inzwischen in Vertretung des schwer erkrankten Metropoliten Antonie Bischof Vissarion angereist, dazu an die achtzig Priester aus Dörfern der Umgebung und von der theologischen Fakultät. Schon der Einzug zur Altarinsel, den wir mit den zelebrierenden Geistlichen mitmachen, ist nur möglich dank der Hilfe einiger Bodygards und Polizisten, die mit sanfter Gewalt eine Gasse bahnen. Unsere deutsche Delegation wird direkt vor dem Altar platziert, daneben sitzen hohe Ministerialbeamte, Parlamentarier, ein General. Wieder wird die Liturgie mehrstimmig mitgestaltet vom Chor aus Iassy, die Stimmen möchten einen mitreißen. Die Gläubigen sind sehr still und diszipliniert. Bei der Priesterkommunion hält Vater Theofil, ein von Geburt an blinder alter Mönch, der als Spiritual des Klosters hohes Ansehen genießt, die Predigt. Wir seien mit Maria berufen, nicht auf den Tod hin zu leben und nicht im Tod zu bleiben, sondern mit ihrem Sohn aufzuerstehen und mit ihr an den Sieg des Lebens zu glauben. Im Anschluss an die Predigt werde ich um eine Ansprache gebeten. Nach gebührenden Dankesworten für die so umfangreich erwiesene Gastfreundschaft fasse ich mich kurz: Mit der Geburt Christi hat Maria uns den Himmel auf die Erde gebracht. Damit wurde nicht nur ihr Leben, sondern auch unser Leben himmlisch, das heißt zielorientiert, ein Fest der Zuversicht, das in der göttlichen Liturgie immer wieder seinen Ausdruck findet. Zweitens: Die Menschwerdung Gottes aus Maria enthält aber zugleich die Botschaft, dass wir Menschen menschlicher werden. Darum haben wir es als unsere Aufgabe angesehen, mit der Lotte-Kohn-Stiftung das Sozialwerk der orthodoxen Kirche an den Bukarester Straßenkindern zu unterstützen. Von der Eucharistie führt eine Linie direkt zu solchen diakonischen, solidarischen Maßnahmen. Drittens: Die eine Gottesmutter hat uns den einen Christus geboren. Sie wurde damit zu einem Urbild der einen Kirche, in der Christus immer wieder Fleisch annehmen will. Diese Einheit wiederzufinden auch in der Eucharistie, in der sich uns der eine Christus schenkt, bleibt unsere Aufgabe. Diakon Spindler übersetzt Satz für Satz. Am Schluss brandet lauter Beifall auf, ein ungewöhnlicher Akt in einem orthodoxen Gottesdienst. Ich gebe ihn an die Delegation, vor allem an Herrn Höpker, aber auf diesem Wege auch an alle Wohltäter für die von alt-katholischer Seite unterstützten Projekte in Rumänien weiter.
Segen zum Anfassen ist gefragt
Nach Schlusslitanei und liturgischem Segen geht es durch die lange Menschengasse zusammen mit den Zelebranten zurück zum Kloster. Dabei geschieht etwas sehr Anrührendes: Alle, die nahe dran sind, halten uns ihre Köpfe hin, damit wir sie segnen, man küsst das Bischofskreuz, Mütter und Väter halten uns ihre Kinder entgegen, man berührt meine Soutane, der Zug stockt immer wieder. Ähnliches geschieht mit den Priestern vor uns, auch die Laien werden ehrfürchtig betastet. Noch ungewohnter ist für uns der Brauch, dass man vor uns die Kleider auf den Boden wirft. Bei den ersten Schritten denke ich noch, es handele sich um einen liegengebliebenen Anorak und bücke mich, ihn aufzuheben. Als ich begreife, dass ich da etwas falsch verstanden habe, versuche ich, wenigstens nicht auf die ausgebreiteten Jacken, Tücher und Hüte draufzutreten. Doch genau darum geht es, die orthodoxen Priester machen es vor und gehen wirklich über die hingeworfenen Kleidungsstücke. Lange zieht sich dieser Weg hin, Bischof Vissarion, der besonders belagert wird, kommt kaum nach. Wir von der alt-katholischen Delegation gestehen uns nachher ein, wie sehr uns diese Art der Verehrung und Gläubigkeit beschämt und buchstäblich berührt hat. P. Gabriel nahm uns ein wenig unsere Scham und unsere Bedenken und meinte, dass die Leute damit nicht die Person verehren, sondern sich vielmehr für ein weiteres Jahr Segen und Glück erwarten von der Berührung mit dem geistlichen Amt, das Christus repräsentiert.
Das große Refektorium der Mönche, auch ganz mit Fresken ausgemalt, ist für eine vielhundertköpfige Pilgerschar eingedeckt, auch draußen sind überall Tische aufgestellt. Wiederum ehrt man uns durch Plätze gleich neben dem Bischof und den Politikern. Beim Festmahl, das mit allen geteilt wird, ergeben sich interessante Gespräche über Rumäniens Vergangenheit und Zukunft, über unsere Kirchen und ihre Aufgabe in der Gesellschaft. Immer wieder wird das Essen unterbrochen von Dankeshymnen des Chores, der auch hier ist. La mult an, ad multos annos, auf viele Jahre singen sie, für ihren Bischof und für uns. Wir bedanken uns erneut, beschämt von so viel Aufmerksamkeit und Gastfreundschaft.
Nach Fotos und Abschied geht es zurück durch die Karpaten nach Bukarest. Wir wählen eine weniger befahrene, landschaftlich traumhafte Strecke, eine Mischung aus Vogesen und Voralpen, und werden noch um ein besonderes Erlebnis bereichert. Vor uns stehen plötzlich drei Autos auf der Straße, ein paar Männer laufen aufgeregt dazwischen herum. Da sehen wir auch den Grund der Erregung: Ein Braunbär tummelt sich zwischen den Autos. Die Männer versuchen auf lebensgefährliche Weise, das Tier abzulenken, und einen Moment überlegen wir wir haben immerhin einen Arzt an Bord ob wir bleiben sollen, falls es zu Verletzungen kommt. Da aber von uns niemand Erfahrung im Umgang mit Bären hat, ziehen wir es vor, ganz vorsichtig an dem nicht nur munteren Petz vorbeizufahren.
Bei Einbruch der Dunkelheit kommen wir im Nonnenkloster Pasarea bei Bukarest an. Viele Priester unseres Bistums tragen Stolen von dort. Die Gemeinde Moosburg-Neuötting-Waldkraiburg und die Eheleute Schwaiger begleiten und unterstützen das Kloster seid langem in seinem Wiederaufbau nach der Revolution. Maica Lucia, die Äbtissin, wartet schon ganz aufgeregt mit ihrem Küchenteam auf uns. Ihre Gastfreundschaft ist umwerfend. Wir werden noch einmal festlich beköstigt. Und man spürt: Diese Gastlichkeit kommt von Herzen. Die Dankbarkeit auch für kleine Gesten und Gaben ist sehr groß.
Nach der letzten Nacht gibt es, kurz vor dem Abflug, noch einmal einen Fototermin im Sozialzentrum St. Macrina. Alle Kinder werden zusammengeholt, einige haben kunstvolle kleine Tonarbeiten für uns getöpfert und Ikonen gemalt. Unsere Rührung ist so echt wie die Offenheit und Fröhlichkeit der Kinder. Ihr müsst wiederkommen sagt P. Gabriel. Wir laden ihn und sein Team im Gegenzug nach Deutschland ein. Sie nehmen strahlend an. Nur wann? Es gibt so viel zu tun, sagen beide Seiten, das kann noch etwas dauern. Doch es bleibt dabei, Freundschaft ist entstanden: Man sieht sich, sigur. La revedere.
Joachim Vobbe