Kirche und Inszenierung
Eine Ansichtssache
Nichts Neues unter der Sonne – aber trotzdem war der
Aufschrei groß, als die Glaubenskongregation im Sommer verlauten ließ, was nach
römisch-katholischer Auffassung Kirche sei und was nicht. Mit dem Inhalt der
Botschaft lässt sich das Ausmaß des Echos kaum erklären, denn das Vatikanpapier enthält – wie gesagt – nichts Neues. Eher
schon spiegeln sich in den Reaktionen enttäuschte Hoffnungen wider, und zwar
nicht nur in der Ökumene. Denn inner-römisch-katholisch wurde allen
theologischen Interpretationsversuchen und denkerischen Verrenkungen ein Ende
bereitet, die der Frage galten, was das Zweite Vatikanische Konzils gemeint
habe, als es erklärte, in der römisch-katholischen Kirche „subsistiere“
die Kirche Jesu Christi, statt klar zu sagen, sie sei es. Was wurde da nicht
alles in dieses „subsistit“ hineingeheimst! Nun
bekamen wir unmissverständlich zu hören: Kirche im eigentlichen (und das heißt:
im römisch-katholischen) Sinn ist nur die römisch-katholische Kirche. Von daher
werden die evangelischen Kirchen weiter vergeblich darauf warten, von Rom als
Kirchen angesprochen zu werden – aber nicht nur sie.
Rom, du kannst es!
Über die Berechtigung des römisch-katholischen Absolutheits-
und Alleinvertretungsanspruches ist in den vergangenen Wochen viel diskutiert
und geschrieben worden. Ein solcher Anspruch ist aber nicht nur eine Frage der
theologischen Diskussion. Entscheidend ist, ob man ihn auch durchsetzen kann.
Und da muss man dem Vatikan neidvoll zuerkennen: Ja, Rom, du kannst es! Aber du
kannst es nur, weil alle mitspielen.
Vielleicht wundert Sie diese Antwort und Sie möchten
einwenden: Die meisten Kirche anerkennen Roms Absolutheitsanspruch nicht,
sondern lehnen ihn sogar ausdrücklich ab. Das will ich gerne zugeben – und
trotzdem widersprechen, denn hier geht es nicht nur um das, was auf dem Papier
steht, sondern um das, was gelebt, mehr noch: inszeniert wird. Die
römisch-katholische Kirche freilich ist eine Meisterin der öffentlichen und
öffentlichkeitswirksamen Inszenierung ihrer theologischen Ansprüche. 2000 Jahre
Erfahrung zahlen sich eben aus. Da können alle anderen einpacken.
Erinnern Sie sich an das Begräbnis des letzten Papstes und
die Amtseinführung des jetzigen? Was für ein grandioses Schauspiel: Aus aller
Herren Länder waren die Staatschefs nach Rom gereist, um dabei zu sein. Und
nicht nur sie. Aus allen christlichen (meines Wissens auch alt-katholischen)
und nichtchristlichen Religionsgemeinschaften
versammelten sich Vertreter und Vertreterinnen auf dem Petersplatz. Sie
scharten sich um den Einen, von dem die Eigenen sagen, er sei das Haupt der
Kirche, das Zentrum der Christenheit. Eine prächtige und machtvolle
Inszenierung römisch-katholischer Ansprüche!
Mitspielen?
Ich habe mich damals daran gestoßen, dass auch jemand aus
der Utrechter Union nach Rom gereist ist. Bei der Beerdigung von Johannes Paul
II. wurde mir entgegnet, das sei doch eine Frage der Pietät. Aber stellen wir
doch mal die Gegenfrage: Wer muss sterben, damit der Papst anreist? Fällt Ihnen
jemand ein? – Mir nicht! Und das ist genau das Problem. Rom inszeniert in
grandioser Weise seinen Anspruch, Zentrum der Christenheit zu sein – und alle
spielen diese Inszenierung mit, doch ohne sich offensichtlich darüber im Klaren
zu sein, was sie tun. Sich hinterher darüber aufzuregen, dass einem das, was
man eben noch mitinszeniert hat, als theologische Erklärung um die Ohren
fliegt, halte ich persönlich für zumindest verwunderlich. Solange man den
Zusammenhang zwischen theologischem Anspruch und seiner Inszenierung nicht zur
Kenntnis nimmt, werden alle nicht-römisch-katholischen Christen immer wieder
dieselbe Achterbahnfahrt mitmachen müssen: Erst die Freude über eine
römisch-katholische Einladung, dann die Verärgerung, weil die theologische
Anerkennung ausbleibt.
Recht
Um die Sache noch etwas auf die Spitze zu treiben: Es ist
das gute Recht der römisch-katholischen Kirche, von sich zu behaupten, sie sei
die wahre Kirche Jesu Christi. (Wir Alt-Katholiken haben übrigens hinsichtlich
unserer Kirche im Laufe der Geschichte auch Behauptungen aufgestellt, die nicht
ganz ohne waren.) Wer aber diesen Anspruch ablehnt, der darf auch nicht
mitspielen, wenn er inszeniert wird. Tut er es doch, muss er sich fragen
lassen, mit welchem Recht er sich über ein Vatikanpapier,
wie das jüngste, aufregt.
Matthias Ring