Flucht in die Innerlichkeit?

Oder Chancen für eine alt-katholische Spiritualität?

 

Die Arbeitsgruppen auf der Synode sind beendet. Mit dem Auftrag einen Brief an mich selbst zu schreiben, in dem ich mir mitteile, was ich in meiner Gemeinde von dieser Synode erzählen werde, bin ich aus der Arbeitsgruppe entlassen worden. Doch ich meine, es gilt, die Impulse dieser Pastoralsynode öffentlich zu machen, sie kontrovers zu diskutieren, denn sie waren – außerhalb der offiziellen Gruppen, beim Frühstück, Mittag- und Abendessen sowie abends beim Wein – sehr umstritten. Diese Konflikte dürfen nicht verheimlicht oder individualisiert werden, sondern es gilt sie zu nutzen, damit eine alt-katholische Spiritualität wachsen kann.

Die Spannung auf der Synode wuchs von Tag zu Tag. Wurden anfangs in den Gottesdiensten die getragenen Gesänge aus Taize und aus der orthodoxen Kirche in der Hektik der Finanzdebatte noch als beruhigend erlebt, so änderte sich die Stimmung nach dem Wochenende, an dem die Pastoralsynode begann und es kaum Raum gab, sich über das eigene Verständnis von Spiritualität auszutauschen. Das Synodenvorbereitungsteam hatte die Abläufe bis ins Detail geplant. Mit unterschiedlichen Formen und Methoden näherte sich die Synode dem Thema „Kommunion und Kommunikation“, um Spiritualität erfahrbar zu machen. Viele Alt-Katholiken, so mein Eindruck, sind Menschen mit Herz und Verstand. Sie ließen sich am Sonntag anrühren von einem Gottesdienst, bei dem sich die Beteiligten auf den Weg machten. Der Introitus wurde in der Augustinerkirche in Mainz gefeiert, dann folgten religiöse Erfahrungen aus dem eigenen Leben in den Gruppen, die Konfrontation mit dem Leben von vier Menschen aus der Kirchengeschichte wie Hildegard von Bingen, Rabanus Maurus, Johannes Gutenberg und Theresa von Avila. Gestärkt durch ein „Schöpfungsbuffet“ ging es dann – teils zu Fuß, teils mit dem Bus – zur alt-katholischen Friedenskirche nach Wiesbaden. Dort endete der Gottesdienst mit der Eucharistiefeier. Ein Tag, der viele bewegte.

Doch diese „herzlichen“ Erfahrungen blieben stehen, Zeit und Orte zur Reflexion dieser bewegenden Erfahrungen gab es kaum.

Der nächste Tag begann mit einem Impuls von Kardinal Lehmann zur Emmausgeschichte – ein historisches Ereignis, wie Bischof Joachim Vobbe im Morgenlob bemerkte. Doch auch dieser bemerkenswerte Impuls blieb im Folgenden unbeachtet wie auch die Grußworte von Joris Vercammen, Erzbischof von Utrecht. Er nahm Bezug auf das Erleben der Emmausjünger, die mit brennenden Herzen nach Jerusalem zurückliefen, um Gemeinschaft zu erfahren. Daran anknüpfend verwies er auf die Gemeinschaft der alt-katholischen Kirchen in der Welt und sprach die Ermordung des philipinischen Bischofs Alberto Ramento vor ziemlich genau einem Jahr an.

Beide Impulse, die kaum unterschiedlicher sein konnten, blieben ungenutzt. Stattdessen sollten sich die Gruppen mit einem Text aus dem Römerbrief (Kapitel 12, 1-6a) beschäftigen, in dem Paulus das Bild von dem einen Leib, der aus zahlreichen Gliedern mit unterschiedlichen Aufgaben und Funktionen besteht, entwirft. „Einheit in Vielfalt“ – ein gutes Thema, um sich den Begriffen der „Kommunion und Kommunikation“ mit ihren unterschiedlichen Facetten zu nähern. Schon am Vormittag war dieser Text Gegenstand von künstlerischen Betrachtungen in Sing-, Tanz-, Schreib- oder Theaterateliers – und die Ergebnisse beeindrucken. Voller Eindrücke, Gedanken, Gefühle und Erinnerungen an den ersten Teil der Synode mit der schmerzhaften Debatte um die gemeinsame und solidarische Nutzung der Kirchensteuermittel trafen sich die Gruppen vom Sonntagmorgen erneut am Montagnachmittag. Und in einigen Gruppen wurde der Konflikt nicht nur spürbar, sondern auch ausgesprochen: die Synode werde zum Besinnungstag für Synodale, Konflikte würden „glattgesungen“, die Wirklichkeit ausgeblendet und die Innerlichkeit gestärkt.

Wie, das war eigentlich der Arbeitsauftrag an die Gruppen am Montag, kann es gelingen, die „Einheit in der Vielfalt“ in den Gemeinden vor Ort und im Alltag zu leben. Doch der Alltag kam kaum vor. Spiritualität blieb individualisiert als „nur“ persönlich erlebbar. Die Vielfalt spirituellen Erlebens blieb unbenannt – wie auch die zahlreichen Ansätze in dem vielfältigen Impulse der ersten Tage ein unfertiges Mosaik blieb. Die Gruppen wurden nicht als Ort der Reflexion und des Austausches genutzt.

Der Montagabend endete mit einer Versöhnungsfeier, die von vielen nicht als Chance auf Versöhnung begriffen wurde – sondern, wie ein Teilnehmer hinter mir in der Bank bemerkte – „Volksfestcharakter“ hatte. Sie begann zu spät, die ruhigen, getragenen und wieder „orthodoxen“ Lieder stimmten nicht alle Synodalen auf die Versöhnungsfeier ein; der Funke sprang nicht über. Die Kirche von St. Ignaz war zu groß, die Zelebrierenden von der Gemeinde zu weit entfernt. Das Sündenbekenntnis klang formelhaft. Mir bleib kaum Zeit mich auf meine eigene Fehlbarkeit zu besinnen. Als mich endlich die Ruhe erreichte, da wurde die Gemeinde aufgefordert, sich nach Gesangsstimmen zu sortieren, um nochmals die Lieder aus dem Plenum der Synode zu singen: War das ein Versöhnungsgottesdienst oder ein Gottesdienst-Event? Auch wenn die Mehrheit sich „sortierte“, eine große Minderheit blieb sitzen – irritierend der Gesang und das bewusste Nicht-Singen.

Das Vorbereitungsteam hatte sich viele Gedanken gemacht; wollte den Synodalen vieles mit auf den Weg geben; doch in den Gruppen wird die Forderung lauter: Was soll ich denn meiner Gemeinde berichten? Was nehme ich denn mit? Was gibt uns als Kirche Orientierung? Eine Gruppe entscheidet sich, diese Unzufriedenheit zu verschriftlichen: vor dem zentralen Versammlungsraum der Synode hängen große Poster mit den Spalten: „Was mir an der Synode gefiel“ und „Was mir nicht gefiel“. Endlich erhalten Konflikte, Ärger, Unmut, aber auch die Zufriedenheit einen Raum.

Worauf warten wir, habe ich mich bei der Synode gefragt. Das die „alt-katholische“ Spiritualität wie ein gewaltiges Brausen über uns kommt – oder ist es nicht schon längst da? Die schwierige Debatte über die gemeinsame Kasse am Samstag, war dies nicht auch ein gewaltiges Brausen, das uns alle betrifft, uns auffordert, zusammenzustehen, zusammen zu arbeiten und zusammen zu beten, damit es uns allen gemeinsam – jeder und jedem seine Begabungen und Fähigkeiten einbringend – gelingt, dieses große Schiff Kirche durch stürmische See zu manövrieren? Diese Synode hat mich gelehrt, nicht nach Großem in der Ferne Ausschau zu halten, sondern immer wieder offen für die Spiritualität im Alltag zu sein.

 

Bernhard Scholten