Weihnachts-Wurzeln

Der Anfang liegt vor Weihnachten - eine Spurensuche im Advent

 

Im vergangenen Frühjahr haben wir im Pfarrgarten in Singen einen Strauch verpflanzt. Es war harte Arbeit, weil die Wurzeln tief und weit verzweigt waren. Immer noch tiefer musste gegraben werden, bis wir den Strauch schließlich aus der Erde nehmen konnten. Und dann mussten wir mit den Wurzeln sorgsam umgehen, damit die Pflanze an ihrem neuen Platz einen guten Halt findet, Nahrung bekommt und weiter wachsen kann. Wurzeln sind lebenswichtig. Ohne ein gesundes Wurzelwerk würde jede Pflanze vertrocknen. Wurzeln sind auch Speicher für wichtige Nährstoffe; und Wurzeln können sich mit anderen Organismen verbinden – zum Nutzen beider.

 

Entwurzelt

 

Was für Bäume und Pflanzen gilt, gilt auch für uns Menschen. Auch wir haben und brauchen unsere Wurzeln und sie haben ganz ähnliche Funktionen. Menschen sind verwurzelt in ihrer Herkunft und in ihrer Heimat. Wenn Menschen ihre Heimat verlassen müssen, dann fühlen sie sich – mindestens anfänglich – oft wie entwurzelt. Die alte Mutter will nicht zu ihrer Tochter umziehen, weil man "alte Bäume nicht mehr verpflanzen sollte" – wie es heißt. Ausgedrückt ist damit auch die Angst, entwurzelt zu werden. Menschen, die in unserem Land Asyl suchen, fehlt oft über Jahre der nötige Halt. Ob und wie es gelingen kann, neu Wurzeln zu schlagen, das ist eine schwierige Frage mit vielen Verflechtungen, die an dieser Stelle nicht angesprochen werden können.

 

Mit Heimat und Herkunft sind bestimmte Traditionen verbunden, die man sich nicht selbst aussucht, sondern in die man hineingeboren wird. Manche erleben das als Einschränkung oder vielleicht sogar als Fessel. Aber selbst dann kann man nicht ohne Wurzeln leben - wenigstens auf Dauer nicht. Man sucht nach neuen Bindungen und verwurzelt sich neu, an anderer Stelle. Neben dem Halt geben Wurzeln – alte und neue – auch Nahrung; und Nahrung für Leib und Seele brauchen wir alle. Wurzeln sind da wie Energiespeicher.

So ist es auch mit dem Glauben. Glaube will in den verschiedenen Lebensbereichen Halt und Nahrung geben: in Partnerschaft und Familie, im Beruf, in persönlichen Lebenssituationen wie Krankheit oder Arbeitslosigkeit, auch in der Freizeit. Wie bei Pflanzen und Bäumen sind allerdings die Wurzeln des Glaubens tief vergraben, und es braucht Geduld und Achtsamkeit, diese Wurzeln aufzuspüren. Aber es lohnt sich, denn was da zum Vorschein kommt, ist eine wirkliche Kraftquelle. 

 

Advent und Weihnachten eignen sich gut für solch eine Wurzelsuche. In unseren Gemeinden entstand die Idee, diese Suche zu vertiefen. In den Adventgottesdiensten werden deshalb in diesem Jahr besonders alttestamentliche Texte in den Blick genommen und ausgelegt. Der Alttestamentler Christoph Dohmen hat dazu ein interessantes Büchlein geschrieben, aus dem auch die folgenden Beispiele entnommen sind. Es ist eine gute und verständliche Lektüre für die Abende der Adventszeit (Christoph Dohmen: Von Weihnachten keine Spur? Freiburg 1996).

 

Tauet Himmel

 

Im Advent wird immer wieder das Lied gesungen: "Tauet Himmel den Gerechten, Wolken regnet ihn herab." Es geht zurück auf Worte aus dem Prophetenbuch Jesaja: "Tauet ihr Himmel, von oben, ihr Wolken, lasst Gerechtigkeit regnen", so steht es im Kapitel 48. Das biblische Bild vom Tau benennt eine wichtige Lebenserfahrung der Menschen im Orient. In der regenlosen Zeit war ein kräftiger Tau belebend und auch lebenswichtig. Er wurde so zum Zeichen für den göttlichen Segen. Tau war ein Geschenk des Himmels.

 

Geschenk des Himmels

 

Die Leseordnung sieht für die Gottesdienste an den Adventsonntagen nur alttestamentliche Lesungen aus dem Buch Jesaja vor. Es lohnt sich aber, auch einmal die gewöhnliche Leseordnung zu durchbrechen und den reichen Schatz alttestamentlicher Schriftlesungen in den Blick zu nehmen. Zum Beispiel steht im Buch Richter (6, 13-40) eine Erzählung, in der das Bild vom Tau verwendet wird und die auf das Geschenk des Himmels anspielt:

Gideon wird von Gott berufen Israel zu retten. Aber er zögert, hält sich für zu jung und seine Sippe für zu schwach. Obwohl Gott ihm die Zusage seines Beistandes gibt, traut sich Gideon nicht; er will ein Zeichen, um sicher zu gehen. Und Gott gibt ein Zeichen - in zweifacher Weise. Gideon legt frisch geschorene Wolle aus. Einmal fällt der Tau nur auf diese Wolle, während der Boden ringsum trocken bleibt. Und am anderen Morgen ist die Wolle trocken, während der Boden ringsum mit Tau bedeckt ist. Dieser Tau erinnert an das Manna, durch das Israel in der Wüste überlebt hat.

Es geht in dieser Erzählung um Heil und Rettung; sie sind ein Geschenk des Himmels, denn Israel wird nicht gerettet durch militärische Stärke und auch nicht durch eine besonders gute Strategie, sondern dadurch dass der junge Gideon zu seiner Berufung findet, so wie Israel in der Wüste das Manna findet, den Tau vom Himmel.

Wie Gideon am Anfang vom Engel Gottes mit den Worten begrüßt wird: "Der Herr sei mit dir", so wird Maria begrüßt bei der Ankündigung der Geburt Christi. Das ist eine Verbindung, die zeigt, das Heil und die Rettung, die in Jesus zur Welt kommen, sind ein Geschenk des Himmels. In den so genannten Armenbibeln des Mittelalters – das sind Bibeln, die durch Abbildungen auch denen, die nicht lesen konnten, die biblische Botschaft nahe bringen wollten – stehen die Bilder von der Verkündigung an Maria und der Geschichte Gideons oft nebeneinander. Und in manchen liturgischen Texten wird Jesus im Bild vom Tau als ein Geschenk des Himmels bezeichnet.

   

Träume

 

Ein weiteres Beispiel: Josef ist verunsichert, als er entdeckt, dass Maria schwanger ist; er beschließt, sie wegzuschicken. Erst durch einen Traum wird er umgestimmt. Und er hat noch einen zweiten Traum, der ebenfalls in das Geschehen des Advent und der Weihnacht hineingehört. Im Traum bekommt Josef die Weisung, mit Maria und dem Kind nach Ägypten zu fliehen, um der Ermordung durch Herodes zu entgehen. So steht es am Anfang des Matthäusevangeliums.

Träume spielen in der Bibel eine wichtige Rolle. So steht im Buch Genesis die Erzählung vom Traum Jakobs (Gen 28, 10-19). In diesem Traum erfährt Jakob, dass Gott da ist. Dass es diese Gottesbegegnung gibt, ist nicht sein Planen und Wollen, sondern die Begegnung kommt von Gott her. Gott bricht in die Welt Jakobs ein.

Ganz ähnlich sind die Träume des Josef. Auch er erfährt, dass Gott in sein Leben einbricht und dadurch eine andere Wirklichkeit einsteht. Jakob nennt den Ort seines Traumes Beth-El d.h. Haus Gottes. Gott wird konkret in unserer menschlichen Welt. Und so verbunden zeigen die Träume des Josef: Jesus ist die Himmelsleiter; in ihm verbinden und berühren sich Himmel und Erde. Christoph Dohmen schreibt dazu: "… dies ist ebenso wenig eine fromme und nette Weihnachtsgeschichte wie Josef ein braver und still gehorchender Mann an der Seite Marias und Jesu ist. Es geht um nichts Geringeres als Gott und Gottes Treue gegenüber Israel und Gottes Verheißung an Israel. Mit der Botschaft seiner Weihnachtsgeschichte versetzt Matthäus uns geradezu an einen Ort der Gottesbegegnung." (S. 78)

 

Das sind Wurzeln, die zeigen, wo Halt und Nahrung zu finden sind. Und diese Wurzeln helfen das Geheimnis von Weihnachten neu zu bedenken: Gott sucht seinen Weg von unten her. Er wurzelt sich ein in die Geschichte von uns Menschen. In der Geburt Jesu wird deutlich: Gott geht eine echte Bindung mit uns Menschen ein. Er hat sich in unserer Welt verwurzelt und diese Wurzel gibt Halt und Nahrung.

 

Thomas Walter

Stephan Neuhaus-Kiefel