Sich mit Leib und Seele und Geist ganzheitlich begegnen
Pastoralsynode zum Thema „Kommunion und Kommunikation“
Kommunion und Kommunikation“: Nach den aufregenden Debatten
am Freitagabend und Samstag erschien das Motto der am Sonntag beginnenden
Pastoralsynode passend. Aber das konnte das siebenköpfige
Synodenvorbereitungsteam ja nicht wissen. Ganz unabhängig vom Verlauf der
vorausgehenden Beratungen hatte es das Thema aus der Reflexion der Emmaustage
herausgearbeitet, die im ersten Viertel dieses Jahres in allen Gemeinden des
Bistums stattfanden. Dort hatte man zu ahnen begonnen, was geistliche
Gemeinschaft bedeutet: innige Begegnung und Einswerden. „Kommunikation“ ist
dabei sowohl die Voraussetzung als auch die Folge davon. „Es geht darum“, so
erläuterte es Pfarrer Thomas Walter beim Vorstellen des Konzepts am
Freitagabend, „sich mit Leib und Seele und Geist, ganzheitlich, zu begegnen,
den anderen als Geheimnis zu achten, bereit zu sein für Krisen und Versöhnung,
sich den Raum von Hören und Reden zu gewähren, beiderseits zu geben und zu
empfangen, offen zu sein für Wandlung, sich einzulassen auf wirkliche
‚Kommunion’, immer wieder aufzubrechen im Blick auf die Welt.“
Geheimnis des Glaubens
Drei Tage standen zur Verfügung, um Erfahrungen damit zu
machen. Und die waren, ganz wie bei den Emmausjüngern, aufs engste mit dem
Vorausgehenden verknüpft. Doch das war, als Bischof Joachim Vobbe in der
Mainzer Augustinerkirche den pastoralen Teil mit der sonntäglichen
Eucharistiefeier eröffnete, weder dem Synodenvorbereitungsteam noch den
Synodenabgeordneten bewusst. Alle waren froh, die Debatten fürs erste hinter
sich zu wissen. Gespannt ließen sie sich ein auf das bereits angekündigte
Besondere des Tages: Der Gottesdienst sollte nämlich nach der Eröffnung und der
Verkündigung unterbrochen und erst am Nachmittag im benachbarten Wiesbaden in
der dortigen alt-katholischen Friedenskirche fortgesetzt werden. Zwischendurch
versammelten sich in einem ersten Schritt die acht Gesprächsgruppen, auf die
die Synodenabgeordneten und Gäste der Synode aufgeteilt wurden. Ihre Aufgabe:
Sich einander vorzustellen und dabei von einer religiösen Erfahrung zu
erzählen; wer wollte, konnte dazu ein Foto mitbringen, das später auf einem
riesigen Labyrinth befestigt wurde. „Den anderen als Geheimnis zu achten“: das
konnte bei dieser Runde deutlich werden. Wobei mit „Geheimnis“, so Thomas
Walter in seinem Einführungsimpuls, gemeint ist, „was wir Menschen und die
ganze Schöpfung – in Gottes Namen – sind und woraus wir leben dürfen“.
Nicht nur in der eigenen Lebensgeschichte, sondern auch in
der Geschichte früherer Menschen sollten die Synodenabgeordneten und Gäste
diesem „Geheimnis“ auf die Spur kommen. An vier Orten in der Mainzer Innenstadt
konnten sie in einem zweiten Schritt Hildegard von Bingen, Rabanus Maurus,
Johannes Gutenberg und Teresa von Ávila begegnen – dargestellt von
schauspielbegabten Frauen und Männern aus unserem Bistum, die, angetan mit
Kostümen des Mainzer Theaters, Nachdenkliches aus dem Leben der vier Genannten
preisgaben. Dass das Gehörte innerlich zu bewegen vermochte, zeigte sich in der
Stimmung nach dem jeweiligen Auftritt, und es ließ sich darüber hinaus auch gut
den Gesichtsminen der Zuhörenden auf dem Weg zur nächsten Begegnung ansehen.
Höchst förderlich war dabei das herrliche Herbstsonnenwetter, das neben den
Synodenabgeordneten auch viele Stadtbewohner und Touristen ins Freie lockte. Im
Freien fand schließlich auch ein Schöpfungsbuffet statt – der dritte Schritt,
dem „Geheimnis“ auf die Spur zu kommen. Den Weg dorthin säumten eine Reihe von
Postern mit Zitaten und Bildern aus den biblischen Schöpfungsgeschichten.
Auch im Wandern konnte man der Schöpfung nachspüren: So ließ
es sich der größte Teil der Abgeordneten und Gäste nicht nehmen, den Weg nach
Wiesbaden zu Fuß zurückzulegen. Angekommen an der Friedenskirche, wurden sie
wie auch die mit dem Bus Angereisten auf dem Kirchenvorplatz mit
Erfrischungsgetränken begrüßt. Überall standen kleine Bäume herum, von deren
Ästen handliche Zettel mit Gebetstexten herabhingen; sie luden zum Herumgehen,
Betrachten und Mitnehmen ein. In der Kirche selbst herrschte eine meditative
Stimmung: Stille und Orgelspiel wechselten einander ab; am Eingang konnten
Kerzen entzündet werden, die man vorn vor einer Ikone aufstecken konnte; Gebetsschemel
standen ebenso bereit wie die Kirchenbänke, um sich einzufinden in die
Begegnung mit Gott. Aus dieser Stimmung heraus wurde der morgens begonnene
Gottesdienst fortgesetzt – festlich, mit Chorgesang und vielen Liedern. Alles
Erlebte hatte seinen Platz darin. Und ein bisschen wurde Wandlung spürbar: Die
Stimmung der Tage zuvor schien überwunden. Das zeigte sich auch im
anschließenden Stehempfang, zu dem der Wiesbadener Pfarrer Klaus Rudershausen
im Namen der gastgebenden Gemeinde hinaus auf den Kirchplatz einlud.
Eins sein
War das „Geheimnis des Glaubens“ das Thema des ersten Tags
der Pastoralsynode, hatte der zweite Tag nun die Überschrift „Eins sein“. Nach
dem Morgenlob in der Augustinerkirche, bei dem der Mainzer Bischof, Kardinal
Karl Lehmann, einen geistlichen Impuls hielt – laut Bischof Joachim Vobbe das
erste Mal in der Geschichte unseres Bistums überhaupt, dass ein Bischof der
römisch-katholischen Kirche eine Synode der Alt-Katholiken besucht, noch dazu
der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz – ging es in sieben „Ateliers“
darum, sich – statt mit dem Kopf – auf künstlerisch-kreative Weise dem
Tagesthema zu nähern. Zur Auswahl standen Theater, Singen, Tanz, Malen, eine
Schreibwerkstatt, ein Schriftgespräch und – in Abwandlung des Begriffs „Brain
Storming“ – ein Schrift-Storming. Bevor sich nachmittags dann die
Gesprächsgruppen trafen, gab die Augsburger Pfarrerin Alexandra Caspari den
Synodenabgeordneten und Gästen einen Impuls und erläuterte darin vor dem
Hintergrund der Bibelstelle Römerbrief 12,1-6a die geistliche Bedeutung von
Eins-sein. Sie verwendete dabei das Bild eines Orchesters, das später dann
mithilfe eines Quodlibet unter Anleitung von Diakonin Anja Keller aus Frankfurt
umgesetzt wurde.
Dieses Bild war so eingängig, dass in manchen
Gesprächsgruppen die aufregenden Debatten der ersten Synodentage wieder in
Erinnerung kamen. Es war also doch noch nicht alles überwunden, was im Vorfeld
der Synode und an ihren ersten beiden Tagen Thema war. Und so setzten in den
Gruppen geistliche Prozesse nach dem Vorbild der Emmausgeschichte ein: Auch
dort gab es Spannungen, denen sich die Jünger nach und nach stellten und die
sich im Anschauen und in der Deutung durch Christus selbst zu lösen begannen.
Eigentlich hätte dazu die für den Abend geplante Feier der Versöhnung
ausgezeichnet gepasst. Doch für viele kam sie zu früh und deshalb erschien sie
nur Wenigen als stimmig.
Sendung
Aber wie hieß es so schön in der Einstimmung am
Freitagabend: „…bereit zu sein für Krisen und Versöhnung, sich den Raum von
Hören und Reden zu gewähren…“? Was am Montagabend beunruhigte, wurde zur
Herausforderung für den Dienstag, dem letzten Tag der Pastoralsynode, mit dem
Thema „Sendung“. Wieder ging es mit „Ateliers“ los – diesmal zur Bibelstelle
Apostelgeschichte 2,1-4. Den Impuls hielt einer, der weiß, was es heißt, „auf
Sendung zu sein“: Jörg Vins, seines Zeichens Theologe und seit kurzem Leiter
der Redaktion „Kirche und Gesellschaft“ des SWR in Baden-Baden. Vins verglich die
Sendung einer Kirche und ihrer Mitglieder mit der von Rundfunk und Fernsehen.
Heraus kamen sehr konkrete Anregungen, was es für uns Christen heißt, gesendet
zu sein. Nach der Stimmung des vorherigen Abends verstanden viele
Synodenabgeordnete ihre Sendung zunächst darin, das zunehmende Unwohlsein zur
Sprache zu bringen. Und so beschäftigten sich am Dienstag dann die restlichen
Gruppen mit den spürbaren Spannungen – mit dem Ergebnis, dass die meisten
erleben konnten, wie wohltuend und befreiend das offene Gespräch ist – eine
Erfahrung, die sicher auch in den Gemeinden Nachahmung finden wird.
Das war ja der Sinn dieser Pastoralsynode: Es ging darum,
Erfahrungen zu machen. In der Sprache der Emmausgeschichte ausgedrückt: das
Herz zum Brennen zu bringen. Das ist mehr als jedes voll geschriebene Papier,
weil es authentisch und subjektiv ist. Der Bericht über die Synode in den
Gemeindeversammlungen zuhause wird sich deshalb auch nicht in der Aufzählung
sachlicher Punkte und Ergebnisse erschöpfen, sondern vielmehr ein ganz
persönliches Erzählen sein – und wenn es das ist, eine spannungsvolle Synode
erlebt zu haben, deren Spannungen aber in den Gruppen offen zur Sprache kamen
und sich deshalb ein Stück weit lösen konnten.
Joachim Pfützner