Im Himmel Anker werfen - Festschrift zum 60. Geburtstag von Bischof Joachim Vobbe

Eine Buchbesprechung

 

460 Seiten – kein Problem, wenn es sich um eine spannende Lektüre handelt. Doch kann Theologie so spannend sein, dass sich ein „Otto-Normalverbraucher“-Kirchenmitglied darauf einlässt? Lohnen sich die 24 Euro, die wir für dieses in sechs Kapitel unterteilte Opus zu berappen haben?

 

Als ich vor einigen Wochen die Druckfahnen der Bischof Joachim Vobbe zu seinem 60. Geburtstag gewidmeten Festschrift aufeinander stapelte – sie waren mir zur Abfassung dieses Beitrags in zwei dicken Briefen zugestellt worden – und, mitten in den Weihnachtsvorbereitungen stehend, den nicht nur papiernen Berg vor mir sah, sondern auch den zeitlich und psychisch zu überwindenden, sagte ich mir: Am besten wird es sein, du entscheidest dich für einen Beitrag pro Kapitel und gibst dann exemplarische Eindrücke wieder. Doch gleich beim ersten Kapitel – es ist der Spiritualität gewidmet – ging es bereits los: Welchen der fünf Beiträge soll ich durcharbeiten? Die Entscheidung fiel mir schwer, denn alle Titel versprachen Interessantes, ebenso wie die Autorinnen und Autoren.

So begann ich kurzerhand mit dem ersten Beitrag, verfasst vom Ratsvorsitzenden der EKD, Wolfgang Huber, Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz, mit dem Untertitel „Quellen und Perspektiven christlicher Spiritualität“. Und ich ließ mich mitnehmen auf einen Weg, der beim Hören, Einfinden, Schweigen, Beten, Staunen und Singen beginnt und letztlich dazu führt, „in unseren Taten, in unserem Sagen und in unserem Trösten zu Tiefe und Klarheit zu kommen“. Während ich zur Kenntnis nahm, was mit „vagabundierender Spiritualität“ gemeint ist und mittels einer Beschreibung der christlichen Spiritualität deren persönliche und öffentliche Dimension reflektierte, kam mir der Gedanke, die Ausführungen des früheren Heidelberger Theologieprofessors gemeinsam mit interessierten Gemeindemitgliedern zu lesen: Wir könnten mit ihrer Hilfe unser eigenes Verständnis von Spiritualität überprüfen und vielleicht weiterentwickeln.

Jetzt, da ich ausnahmslos alle 34 Beiträge des Buches mit dem metaphorischen Titel „Im Himmel Anker werfen“ gelesen habe – in ihrer Vielfältigkeit und ihrem Bezug zu unseren alt-katholischen Anliegen fesselten sie mich alle –, denke ich tatsächlich daran, das eine oder andere Thema mit Gemeindemitgliedern gemeinsam zu behandeln. Denn dieser Sammelband, in dem außer Wolfgang Huber so namhafte Personen wie Rowan Williams, der Erzbischof von Canterbury, Joris Vercammen, der Erzbischof von Utrecht, Nikolaus Schneider, der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Bärbel Wartenberg-Potter, die Bischöfin der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche im Sprengel Lübeck, und Ulrich Fischer, Bischof der Evangelischen Kirche in Baden, mitgeschrieben haben, enthält so viele bedenkenswerte Impulse, dass daraus in ähnlicher Weise Aufbrüche entstehen können, wie sie schon die im Herdenbriefverfahren entstandenen Betrachtungen unseres Bischofs zu den Sakramenten in Gang gebracht haben (die Betrachtungen sind zusammengefasst in: Joachim Vobbe, Brot aus dem Steintal, Bischofsbriefe, zu beziehen über die Pfarrämter und die Willibrordbuchhandlung). Die Ausführungen der Bonner Priesterin Henriette Crüwell zur „Gastfreundschaft als Paradigma alt-katholischer Spiritualität“ dürften beispielsweise für jede Gemeinde anregend sein, weil sie zum einen eine gut verständliche Reflexion über das Wesen der Gastfreundschaft und Gastlichkeit bieten und zum anderen auf sehr praktische Weise eine Spiritualität der Gastfreundschaft entwickeln, vor deren Hintergrund die eigene Gemeindesituation hinterfragt werden kann.

Gleiches gilt für Oliver Kaisers Überlegungen zur Lichtvesper, die für viele Gemeinden unseres Bistums in den letzten Jahren bedeutsam geworden ist. „Für eine fruchtbare Aneignung der … Feier halte ich es nun für wichtig, über die bloße Feststellung hinaus zu gelangen, dass es in der alten Kirche so ähnlich war und dass es ‚schön’ ist“, umschreibt der Pfarrer der Gemeinde Hannover und Vorsitzende der Bistumsliturgiekommission sein Anliegen. Und dann erfahren wir, wie Liturgie den Menschen zur Sprache bringt und wie Gott sich selbst in ihr mitteilt. Eine wahre Entdeckungsreise!

 

Gemeinden, die die Möglichkeit haben, die 1931 begründete anglikanisch/alt-katholische Kirchengemeinschaft praktisch zu verwirklichen, weil es vor Ort eben auch eine anglikanische Gemeinde gibt, können ihre Erfahrungen mit denen der Niederlande vergleichen. Im Kapitel „Kirche vor Ort“ berichtet Angela Berlis sehr konkret über ein von ihr dort durchgeführtes Projekt mit dem Auftrag: „Die Möglichkeiten und Herausforderungen zu erkunden, welche die Zusammenarbeit zwischen Anglikanern und Alt-Katholiken … bietet, und Vorschläge für die zukünftige Gestaltung der Beziehungen zu machen.“ Interessant fand ich im Kapitel „Christentum im Wandel“ die Ausführungen des Bonner römisch-katholischen Neutestamentlers Rudolf Hoppe über „Die Stadt als Ort des christlichen Lebens“. Da unsere Gemeinden zum großen Teil in Städten angesiedelt sind, lohnt es sich, mit Hoppe einen Streifzug durch die Bibel zu unternehmen. Ich muss gestehen: Niemals ist mir bislang der Gedanke gekommen, dem Phänomen „Stadt“ biblisch nachzugehen. Was Hoppe da – natürlich nur exemplarisch – herausarbeitet, ist überraschend und eröffnet wichtige Aspekte „für eine konzeptionelle ‚Stadt’-Seelsorge über die geläufigen Aktionen ‚Kirche in der City’ u.ä. hinaus“.

Auch, was der Erzbischof von Utrecht, Joris Vercammen, in seinem Beitrag „Kirche für eine unruhige Welt“ schreibt, ist etwas für die gemeinsame Lektüre in der Gemeinde. Bischof Joris hat eine besondere Begabung, Phänomene wie das Wiederaufleben der Religiosität zu deuten und für unsere seelsorglichen Bemühungen zu erschließen. Seine Sprache ist dabei einfach und „geerdet“. So gewinnen schwierige theologische Begriffe wie „Tradition“, „Kirche“, „Amt“ und „Versöhnung“ praktische, lebensnahe Bedeutung. Tief berührt haben mich – wie schon im Abschlussgottesdienst der Pastoralsynode 2000 in Bad Herrenalb – seine Gedanken zu „unserer Verletzlichkeit“. „In der Kirche dürfen verletzliche Menschen zu Hause sein“, schreibt er. „Vielleicht ist sie noch der einzige Raum in der Gesellschaft, wo das möglich ist. In ihr dürfen wir lernen, dass unsere Verletzlichkeit etwas mit Gott zu tun hat. Unsere Verletzlichkeit finden wir in der Verletzlichkeit Gottes selbst wieder, wie Paulus an die Korinther über ‚das Schwache an Gott’ (1 Kor 1,25) schreibt.“ Und er folgert daraus: „Unsere Verletzlichkeit macht uns bewusst, dass wir aufeinander angewiesen sind und verbindet uns darum miteinander.“ Die Kirche solle Raum dafür geben. Offenheit und Dialog, Dienstbereitschaft, Gastfreundschaft und Vertrauen seien Quellen der notwendigen Kreativität, damit eine offene Kirche zustande kommen könne.

 

Im Kapitel „Tradition und Erneuerung“ gibt der Aufsatz von Matthias Ring über die in der Vergangenheit immer wieder aufgeflammte Diskussion eines „besseren“ Namens für unsere Kirche zu denken. „National – alternativ – reformerisch“: Damit ist nicht nur der Titel des Ring’schen Beitrags genannt, sondern es sind auch schon die Alternativen bzw. Ergänzungen angedeutet, die den Begriff „alt-katholisch“ in das jeweils seiner Zeit entsprechende rechte Licht rücken sollten. „Die geschilderten Versuche, das alt-katholische Anliegen zu aktualisieren, dürfen als gescheitert betrachtet werden“, resümiert der Regensburger Pfarrer, dessen Dissertation – Katholisch und Deutsch. Die alt-katholische Kirche Deutschlands und der Nationalsozialismus – in diesem Jahr erscheinen soll.

Ein letzter Beitrag sei noch genannt, einfach weil auch dieser mich bei der Lektüre stark berührt hat: der des anglikanischen Bischofs von Lichfield, Jonathan Gledhill – in unserem Bistum durch seine Impulse auf der Pastoralsynode 2000 in Bad Herrenalb über missionarische Aktivitäten bekannt (nachzulesen in: Projekt Wachstum). Im Kapitel „Amt der Leitung“ erzählt er wie damals in Bad Herrenalb in sehr eindrucksvoller Weise davon, was an missionarischer Arbeit möglich ist, wenn sie gemeinsam mit Laien geschieht, auch mit Laien in leitenden Funktionen. „Sie verstanden es ausgesprochen gut, die kulturelle Kluft zwischen der Kirche und den uns umgebenden Menschen zu überwinden.“ Aus dieser Erfahrung plädiert er, hinweisend auf Jesus, der „von einer risikoreichen, verletzlichen Kirche [spricht], die so unvorstellbar wächst wie das Wehen des Geistes“, für eine „Vervielfachung christlicher Leitung“ – so im Wesentlichen der Titel seines Beitrags. Wie das praktisch aussieht, davon erzählt Bischof Jonathan in zahlreichen, zum Teil anrührenden, aber auch sehr nachdenklich stimmenden Geschichten. Sie alle dokumentieren: „Christi Liebe zieht nicht nur Menschen hin zu Gott, sondern sendet ebenfalls Menschen hinaus, um Freundschaften zu schaffen, die sich ausbreiten, um sich greifen und schließlich Christen hervorbringen, die ihrerseits mit dem Werk fortfahren, zu dem sie beauftragt worden sind.“

 

Es ist unmöglich, den vielen Beiträgen, die zum großen Teil Bischof Joachim Vobbes Wirken aufgreifen, an dieser Stelle gerecht zu werden. Deshalb sei hier nur noch erwähnt, dass Angela Berlis und Matthias Ring den umfangreichen Band herausgegeben haben und dass diesem ein ausführlicher, mehrseitiger Lebenslauf und eine ebenso ausführliche, mehrseitige Bibliographie des Geehrten vorangestellt ist. Würde das Buch nur in den Pfarrämtern, Universitätsbibliotheken und ökumenischen Instituten stehen, wäre sein Sinn nur zu einem kleinen Teil verwirklicht. Es gehört vielmehr in die Hand aller interessierten und engagierten Alt-Katholikinnen und Alt-Katholiken und selbstverständlich auch in die Hand aller, die unserer Kirche nahe stehen.

 

Joachim Pfützner

 

Der genaue Titel der Festschrift lautet:

Im Himmel Anker werfen. Vermutungen über Kirche in der Zukunft. Festschrift für Bischof Joachim Vobbe, herausgegeben von Angela Berlis und Matthias Ring unter Mitarbeit von Hubert Huppertz, Bonn: Alt-Katholischer Bistumsverlag 2007, ISBN 978-3-934610-66-8, 24 Euro. Der Band ist über die meisten Pfarrämter erhältlich oder kann bei der Redaktion der Kirchenzeitung (Amperstr. 3, 93057 Regensburg, Tel. 0941 – 4 88 21, redaktion@christen-heute) gegen eine kleine Versandgebühr bestellt werden.