Eine Kirche aufbauen

Interview mit Teodora Tosatti, der ersten Priesterin der Chiesa Vetero-Cattolica in Italien

 

Teodora Tosatti, wohnhaft an der Peripherie von Rom, verheiratet, Mutter von zwei erwachsenen Kindern, hat nach vielen Jahren des Suchens in der Chiesa Vetero-Cattolica Italiens ihre Heimat und ihren Aufgabenkreis gefunden. Am 21. Oktober wurde sie in der Bonner Pfarrkirche St. Cyprian von Bischof Joachim Vobbe zur Priesterin geweiht. Vobbe ist als Delegat der Internationalen Alt-Katholischen Bischofskonferenz für die Gemeinden in Italien zuständig.

 

Teodora Tosatti, Sie kommen aus der Waldenserkirche. Weshalb suchten Sie nach einer anderen Glaubensidentität? Welches ist Ihr Werdegang?

 

Tosatti: Ich suchte nicht nach einer anderen Glaubensidentität, ich suchte vielmehr nach einer Gemeinschaft, die meinem Glauben entspricht. Meine Eltern kann ich als areligiös bezeichnen. Da es früher nicht üblich war, Kinder nicht zu taufen, durchlief ich die Laufbahn einer römisch-katholischen Christin: Taufe, Erstkommunion, Firmung – doch ohne innere Beteiligung, so wie man die Schule absolviert.

Da ich etwas außerhalb von Rom in ländlicher Umgebung aufwuchs, war ich sehr naturverbunden. Das Werden und Vergehen, der verschwenderische Umgang der Natur mit dem Leben, Geburt und vor allem der Tod gaben den Anstoß zu Gedanken nach dem Woher und Wohin, auf die ich selbst keine gültige Antwort fand. Ich wandte mich mit meinen Fragen an einen Mann der Kirche, der mir den Weg zur Bibel wies. Dies war der auslösende Moment, der Zugang zum Glauben. Von da an war es nicht weit bis zu dem Entschluss, meine Studien der Heiligen Schrift zu widmen.

Die römisch-katholische Kirche ist in Italien die am weitesten verbreitete. So habe ich meinen Glauben und mein Engagement vorerst in ihr gelebt. Ich habe an der Päpstlichen Universität Theologie mit Schwerpunkt Kirchengeschichte und Heilige Schrift belegt und danach auch unterrichtet. Doch die einengenden Dogmen, die Glaubenssätze, die nichts mit Christus zu tun haben, waren für mich mit der Zeit nicht mehr tragbar. Schon damals, durch das Studium der Kirchengeschichte, hörte ich von der alt-katholischen Bewegung. Doch gab es noch keine alt-katholische Kirche in Italien. Wie viele Menschen, die der alt-katholischen Bewegung angehörten, doch weder die Kraft noch die Gelegenheit hatten, eine eigene Kirche zu gründen, begab ich mich in die Obhut der Waldenser. Zwanzig Jahre war ich Pastorin und habe an der Waldenser Fakultät ein Doktorat mit dem Thema „Apokalypse“ abgeschlossen. Meine pastorale Tätigkeit führte mich von Turin in die Abruzzen, nach Kalabrien und Latina. Doch immer fehlte etwas. Mir fehlten die Sakramente, eine strukturierte Kirchenlehre. Als ich hörte, dass es eine alt-katholische Kirche in Mailand gibt, bin ich hingefahren, dann bald beigetreten und nach den verlangten zwei Jahren Zugehörigkeit wurde ich zur Diakonin geweiht, dann nach nur acht Monaten in Bonn zur Priesterin.

 

Wie gedenken Sie, Ihren Auftrag als Pfarrerin in der Chiesa Vetero-Cattolica zu erfüllen?

 

Tosatti: Meine Weihe wurde auch vorangetrieben, weil die kleine Gemeinschaft, die Pfarrer Luciano Bruno hier in Rom aufgebaut hat, durch seinen Wegzug nach Latina in Gefahr war, wieder auseinanderzufallen. Diese Gemeinschaft weiter zu führen und zu konsolidieren ist in diesem Moment mein Anliegen. Wir haben jeden Sonntag Gottesdienst in der anglikanischen Kirche, die uns Gastfreundschaft gewährt, und im Januar beginne ich mit einem zweijährigen Bibelkurs, an dem außer meiner Gemeinde die Anglikaner und wer sonst noch will, teilnehmen kann. Ich möchte dazu beitragen, dass die alt-katholische Lehre verinnerlicht wird, die Reife des

Bewusstseins der Laien sich vertieft.

Um die Wenigen, die als fester Kern die römische Gemeinde bilden, scharen sich noch einmal so viele, die sich noch nicht entschließen konnten, beizutreten. Einige sind auf dem Weg. Ich bin der Ansicht, dass die Gemeinde sich aus sich selbst vermehren muss, ich kann dazu nur Hilfe bieten. Doch so klein sie ist, erfüllt sie doch schon die Aufgaben, die den Laien in den alt-katholischen Kirchen zukommt. Sie besteht aus jüngeren Menschen, auch aus Familien mit Kindern.

Außerdem bekomme ich von überall her Anfragen, das Gedankengut der alt-katholischen Kirche mitzuteilen. Wir Geistlichen haben bei unserem Beitritt in die „Chiesa Vetero-Cattolica“ unsere Zustimmung zu einem Dienst ohne Bezahlung gegeben, was wir auch beherzigen. Was uns die wenigen Gemeindemitglieder als freiwillige Gabe jeden Monat zukommen lassen, reicht nicht weit, schon gar nicht für Reisen in entfernte Gebiete. So ist diese Mittellosigkeit auch die Begrenzung unseres Tuns, was ich sehr bedaure.

 

Welche Erwartungen verbinden Sie mit der Chiesa Vetero-Cattolica?

 

Tosatti: Dass sie ihre Identität immer bewusster lebt. Dass wir unsere Stimme erheben. Die Tatsache, dass es eine alternative, romfreie katholische Kirche gibt, muss bekannt werden.

 

Die Chiesa Vetero-Cattolica gehört zur Utrechter Union. Was erwarten Sie von ihr?

 

Tosatti: Dass man erkennt, dass wir nichts mit Vergangenem gemein haben, dass man uns wahrnimmt, unsere Probleme zu verstehen versucht und uns behilflich ist, die Menschen, die sich uns zuwenden, auch aufzunehmen. Wir brauchen Material für unsere Studenten, eine Struktur, die den Studierenden erlaubt, möglichst bald ihre Studien abzuschließen und als Pfarrer und Gemeindegründer ihre Arbeit aufzunehmen. Unsere Rituale und Messformulare sind diejenigen der alt-katholischen Kirche Deutschlands in Übersetzung, doch wir wären auch interessiert, Gottesdienstformen aus der ganzen Utrechter Union kennenzulernen. Es würde uns interessieren, schon ins Italienische übersetzte Texte zu erhalten, um uns mit ihnen auseinanderzusetzen. In der Bibliothek der Waldenser-Fakultät sind viele Schriften der alt-katholischen Bewegung Italiens aufgehoben, die wir, würde man uns die Mittel zu Verfügung stellen, fotokopieren und auf Disketten übertragen könnten. Sie wären sicher für alle interessant und für uns im Speziellen als Unterrichtsmaterial für unsere Studenten, die so mit ihren Wurzeln vertraut würden.

 

Klerus und Gemeindemitglieder kommen aus anderen kirchlichen Erfahrungen. Wie kann man sich erklären, dass sie sich entschließen, einer noch im Werden begriffenen Kirche anzugehören?

 

Tosatti: Italienische römische Katholiken werden in diese Kirche hineingeboren. Sie haben nicht gelernt, sich mit ihr kritisch auseinanderzusetzen. Sie glauben, was ihnen gesagt wird, die Wenigsten sind mit Bibel und Glaubensinhalten der christlichen Religion vertraut. Wenn sie sich dessen bewusst werden, kann es vorkommen, dass sie beginnen, diese Kirche zu hinterfragen. Manchen ist es dann nicht mehr möglich, Kompromisse zu schließen. Andere haben in ihr keinen Platz, weil sie entweder homosexuell veranlagt oder geschieden sind. Von da kommen und werden auch zukünftig unsere Gemeindemitglieder kommen, die entdeckt haben, dass es einen alternativen, romfreien Katholizismus gibt. Ich wünschte mir, sie kämen vermehrt, weil sie diese Wahl bewusst getroffen haben. Es gibt Verheiratete, die gerne Pfarrer oder Priesterinnen würden. Pfarrer, die gerne heiraten möchten.

Die angestammte Kirche zu verlassen, ist ein ernstes Unterfangen und in Italien besonders gravierend. Doch ist es auch interessant, beim Aufbau einer neuen Kirche, deren hierarchische Strukturen sie nicht erdrücken, dabei zu sein und ihr anzugehören.

 

Das Interview führte Regina Hildebrandt.

 

Wir danken dem Christkatholischen Kirchenblatt für die Abdruckerlaubnis.

 

 

 

Wie kommt es zu einer alt-katholischen Gemeinde in der „Ewigen Stadt“?

 

Der Anfang war ganz undramatisch: Bianca Matthäi, ursprünglich Regensburger Gemeindemitglied, ist mit einem italie­nischen Militärangehörigen verheiratet und hatte sich mit ihm in Rom niederge­lassen. Der Priester Luciano Bruno aus Latium war dazugestoßen, die in der Waldenserkirche ausgebildete Theologin Teodora Tossati mit ihrem Mann kam ebenfalls hinzu, und um diesen Kern sammelte sich in den letzten Jahren ein Kreis von etwa zwanzig Personen, der sich regelmäßig sonntags zum Gottesdienst trifft. Bischof Joachim, der von Seiten der Internationalen Alt-Katholischen Bi­schofskonferenz als Delegierter für die italienischen Gemeinden fungiert, hat erstmals 2005 die Gemeinde in Rom besucht (vgl. CH April 2005, 78f.).