Basel – Graz – Sibiu
Auf dem Weg der Dritten Europäischen Ökumenischen
Versammlung 2007
Alt-Katholische, anglikanische, evangelische,
römisch-katholische und orthodoxe Christen Europas sind unterwegs zu einer
dritten Europäischen Ökumenischen Versammlung. Sie laden für den September
2007 ins rumänische Sibiu (Hermannstadt) ein. Die Versammlung steht unter dem
Motto „Das Licht Christi scheint auf alle, Hoffnung auf Erneuerung und Einheit
in Europa“. Das von der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) und dem Rat der
Europäischen (römisch-katholischen) Bischofskonferenzen (CCEE) getragene Treffen
will für den christlichen Glauben werben und sich für Versöhnung nach den
zahlreichen Konflikten in Europa einsetzen. Auch der Dialog mit dem Islam und
dem Judentum soll gesucht werden.
Sicher erinnern sich viele an die großen Europäischen
Ökumenischen Versammlungen:
Die erste Europäische
Ökumenische Versammlung für „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der
Schöpfung“ fand direkt vor der Wende im Jahre 1989 in Basel statt. Der Wille
zum Aufbruch der Menschen in den Kirchen war dort eindrücklich spürbar. Die
zweite Europäische Ökumenische Versammlung in Graz im Jahre 1997 sah angesichts
der Kriege im ehemaligen Jugoslawien das Thema „Versöhnung – Gabe Gottes und
Quelle neuen Lebens“ als ihren Auftrag an. Sie traf die Verabredung, die Charta
Oecumenica zu schreiben, in der sich die Christen Europas zu einer
glaubwürdigen Zusammenarbeit und zum Zeugnis der versöhnenden Kraft Christi
verpflichten. Im Jahre 2001 wurde die Charta Oecumenica von KEK und CCEE
unterzeichnet. Sie ist ein Dokument, das allen negativen Prophezeiungen zum
Trotz einen weiten Bogen spannt, ausgehend von dem, was uns als christlichen
Kirchen Europas gemeinsam ist, bis hin zu gemeinsamen konkreten
Selbstverpflichtungen für das Zusammenleben in einem Europa, das geprägt sein
soll von einer Kultur der Barmherzigkeit. Die Charta Oecumenica hat weite
Kreise gezogen. Sie wurde zum Impuls und Leitfaden ökumenischer Zusammenarbeit
zwischen Gemeinden, Regionen, Diözesen, Landeskirchen, Kirchen, Gruppen,
Bewegungen verschiedener Konfessionen, zum Anstoß für Kirchen und nationale
Kirchenräte, die ökumenischen Stolpersteine zu identifizieren und aus dem Weg
zu räumen.
Zwischenbilanz
Nun wird es Zeit, eine erste Zwischenbilanz zu ziehen:
Welche Verpflichtungen sind erfüllt? Welche sollen wann in Zukunft umgesetzt
werden? Welche neuen Konkretionen ergeben sich? Wie gehen wir als Kirchen trotz
verbleibender Unterschiede im Sinne der Charta Oecumenica miteinander um? Die
Kirchen sehen sich mit verschiedenen Entwicklungen konfrontiert. Die Mehrzahl der
Menschen richtet ihr alltägliches Leben immer weniger an dem aus, was über den
Tod hinaus trägt. Zugleich gibt es ein Bedürfnis nach Religion, nach Ritualen,
nach heiligen Räumen, nach Tiefe – aber auch nach einfachen Antworten auf die
Verunsicherungen angesichts einer immer komplexer scheinenden Welt. Die einen
wollen unbeirrbar die Einhaltung von Ritualen und Regeln, wie sie schon immer
galten. Die anderen werden ungeduldig durch dieses Verharren. Sie sehen eine
Chance, die Menschen mit ihren alten Fragen einzuladen, sich wieder neu auf den
christlichen Glauben und seine Ausdrucksformen einzulassen und mit ihnen einen
zeitgemäßen Umgang mit Ritualen, Rhythmen, Räumen und Regeln zu suchen.
Unter den Kirchen Europas gibt es trotz oder auch wegen der
Charta Oecumenica offene Spannungen. Was verstehen wir unter „Kirche“? Welches
Verständnis haben wir von geistlicher Leitung, vom ordinierten Amt, vom
Bischofsamt, von der Bedeutung des Volkes Gottes, von der Taufe? Was verstehen
wir unter Ökumene und was ist das Ziel unserer ökumenischen Bemühungen? Gibt es
die Stärkung der inneren und äußeren Gemeinsamkeiten mit den einen nur um den
Preis der Abgrenzung gegenüber den anderen?
Friedensstifter
Christen sollen Friedensstifter sein. Die KEK hat im Juni
dieses Jahres die Einrichtung einer europäischen Friedensagentur als Gegenüber
der europäischen Verteidigungsagentur gefordert. Die Kirchen sollen deutlich
machen, welches Verständnis von Sicherheit und Verletzbarkeit aus dem Glauben
an Jesus Christus erwächst – auch und gerade angesichts der Erfahrungen mit
den Ängsten vor gewalttätigem Terror. Die Kirchen sollen ihre eigenen
Erfahrungen mit Versöhnung und Heilung in verschiedenen Regionen Europas
vernetzen, als politisches Potential einbringen und beharrlich fortsetzen. Die
Kirchen sollen von den einzelnen christlichen Partnern, Bewegungen und
Gruppen, die über lange Zeit das christliche Friedenszeugnis konsequent leben,
die Friedensdienste entwickelt haben und Experten in gewaltfreier
Konfliktlösung sind, lernen und mit ihnen zusammenarbeiten.
Massive Konflikte der Zukunft werden sich weltweit entzünden
am Kampf um überlebenswichtige Ressourcen wie Wasser und Energie. Bewahrung der
Schöpfung ist auch eine Frage der Generationengerechtigkeit. Sie ist nicht
möglich ohne alltägliches ökologisch bewusstes Handeln, ohne Übernahme von
Verantwortung durch gesellschaftliches Engagement. Für die Kirchen heißt das:
Schärfung der spirituellen, theologischen und praktischen Wahrnehmung der
Schöpfungsverantwortung jedes einzelnen Menschen, jeder einzelnen Gemeinde
und Kirche sowie die Auseinandersetzung mit den wirtschaftlichen und
politischen Kräften, die den Raubbau vorantreiben. Auch dazu braucht es ein
klares Signal.
Tagtäglich erleben die Menschen in Europa die Spannungen,
die aus der Globalisierung von Arbeit, von Produktion und Konsum, von Armut
und Reichtum, von Errungenschaften und Katastrophen erwachsen. Die Kirchen des
Westens sind durch die Erfahrungen und Erwartungen der Kirchen der östlichen
Länder Europas herausgefordert.
Für diese Adventszeit gibt die Ökumenische Zentrale in
Frankfurt am Main bereits ein zweites Materialheft heraus. Es enthält
Anregungen aus den verschiedenen Kirchen, auch aus der alt-katholischen, für
die Einstimmung auf die Dritte Europäische Ökumenische
Versammlung und die Vorbereitung darauf in den einzelnen Gemeinden.
Bezugsadresse:
Ökumenische Centrale,
Ludolfusstraße 2-4, 60487 Frankfurt am Main, Tel. (0 69) 24 70 27 – 0,
Fax (0 69) 24 70 27 – 30, E-Mail: info@ack-oec.de, www.oekumene-ack.de. Außer
bei der Ökumenischen Centrale in Frankfurt finden Sie weitere Informationen im
Internet: Konferenz Europäischer Kirchen (KEK): www.cec-kek.org, Rat
Europäischer Bischofskonferenzen (CCEE):
www.ccee.ch.
Hans-Werner Schlenzig