Auf dem Weg der Gerechtigkeit ist Leben
Unsere Kirche und der EED
Evangelischer Entwicklungsdienst – schon mal gehört? Die
meisten werden diese Frage verneinen. Und das darf auch nicht verwundern, ist
doch den meisten evangelischen Mitchristen der EED ebenfalls eine unbekannte
Größe. Auch mancher Pfarrer weiß nichts von seiner Existenz, stellte
Aufsichtsratvorsitzender Präses Nikolaus Schneider auf der diesjährigen
Mitgliederversammlung in Bonn fest. Dabei ist der vermeintlich größere Bruder
des EED, „Brot für die Welt“, sogar Katholiken nicht unbekannt. Alt-Katholiken
wird überraschen, dass auch unser Bistum in diesem Hilfswerk nicht nur Mitglied
ist, sondern sich mit den Alt-Lutheranern (SELK) einen Sitz im Aufsichtsrat
teilt.
Finanzquellen
Der Grund für den geringen Bekanntheitsgrad liegt in der Art
und Weise, wie sich der EED finanziert. Anders als „Brot für die Welt“ sind es
nicht spektakuläre Spendenaktionen, mit denen er seine Projekte bestreitet. Der
EED finanziert sich zu einem Drittel hauptsächlich aus den Kirchensteuermitteln
seiner Landeskirchen, den sogenannten „KED-Mitteln“ (ca. 44 Millionen Euro). Zwei Drittel des
Etats, der im vergangenen Jahr die 147 Millionen Euro überstieg, steuert der
Staat hinzu. Der Insider weiß, wieso die Regierung sich die Unterstützung des
EED etwas kosten lässt, profitiert sie doch in nicht unbedeutendem Maße von den
Aktivitäten des Hilfswerks. Sie bedient sich nicht nur kirchlicher
Infrastrukturen, sondern sie hat über den EED Möglichkeiten mittelbar dort
Einfluss zu nehmen, wo es ihr sonst nicht möglich ist. Dort, wo es die
politische Diplomatie nicht ratsam erscheinen lässt, Menschenrechtsprojekte
oder Gewerkschaftsprojekte direkt zu unterstützen (wie etwa in Israel,
Palästina oder China), nutzt der Staat die Möglichkeiten des EED. Auf die
Projekte selbst hat er jedoch keinen Einfluss. Einzige Auflage für diese Art
der Zusammenarbeit ist der Verzicht auf Förderung von Verkündigungsprojekten,
wie z.B. den Bau von Kirchen oder die Unterstützung theologischer Seminare und Ähnlichem.
Dies ist sinnvoll, kommen doch die Gelder auch aus Taschen nicht-religiöser
Steuerzahler oder solcher, die einer anderen Religion angehören.
Die Zusammenarbeit zwischen Staat und Kirche wurde im
letzten Koalitionsvertrag fest verankert. Man weiß auch in politischen Kreisen
die Wirkungskraft von Kirche zu schätzen und sieht in ihr einen starken Partner
im globalen Ringen um Gerechtigkeit und Menschenrechte. Die Entwicklung der KED-Mittel ist jedoch aufgrund des regressiven
Kirchensteueraufkommens rückläufig. Um eine gewisse Proportionalität zu wahren,
denkt man über Einsparungen und eine noch ökonomischere Zusammenarbeit der
Hilfswerke nach. Man braucht kein Prophet zu sein, um in absehbarer Zeit einen
Zusammenschluss der beiden Großen Brüder zu prognostizieren. Auf Seiten des EED
scheint dies durchaus erwünscht.
Internationale Programme
Das Engagement des EED ist beeindruckend und umfasst
insgesamt 81 Länder. Dabei sind im vergangenen Jahr 1.155 Projekte finanziert
worden, 163 Fachkräfte waren im Einsatz, 126 Stipendien wurden vergeben, aber
auch bildungspolitische Filmprojekte wurden finanziert. In Zukunft soll in
Zusammenarbeit mit dem Staat und der EU ein Freiwilligendienst ins Leben
gerufen werden. Vorstandsmitglied Dr. Claudia Warning
geht davon aus, dass sich auch der bevorstehenden G8-Gipfel mit dieser
Angelegenheit beschäftigen wird. „Wir hoffen auf eine baldige Zusage der
Bundeskanzlerin“, betonte Dr. Warning, die im
Dezember 2005 zur Vorsitzenden von VENRO, dem „Dachverband für Entwicklungspolitik
deutscher Nichtregierungsorganisationen“, gewählt wurde.
Entstehungsgeschichte
Entstanden ist der EED durch die Verschmelzung verschiedener
evangelischer Dienste und Hilfswerke, so z.B. der Evangelischen Zentrale für
Entwicklungshilfe (EZE), dem Dienst in Übersee (DÜ), dem Ausschuss für
entwicklungsbezogene Bildungsarbeit und Publizistik (ABP), dem Ökumenischen
Studienwerk (ÖSW) und vielen anderen. Nun wird die Arbeit gebündelt und in der
imposanten Zentrale des EED in Bonn von 180 Mitarbeitern koordiniert. Böse
Zungen könnten jetzt fragen, mit welchem Recht denn die alt-katholische Kirche
Mitglied in dieser Hilfsorganisation ist und an ihren Möglichkeiten
partizipiert. Dies erklärt sich jedoch durch die jährliche Spendenaktion von
„Brot für die Welt“, für die zu Weihnachten auch in den alt-katholischen
Gemeinden gesammelt wird. Denn als dritter, wenn auch kleinster Geldgeber lässt
„Brot für die Welt“ dem EED jährlich fast 7 Millionen Euro zukommen, darunter
auch alt-katholische Spendengelder. Dies ist zwar keine große Summe, doch Grund
für Komplexe besteht nicht, denn auch die Beiträge der kleinsten Landeskirchen
(wie Anhalt oder Pommern) bewegen sich in vergleichbarem Rahmen.
Gemeinschaftsaufgabe
Entwicklungsförderung
Die Zusammenarbeit unserer Kirche mit dem Evangelischen
Entwicklungsdienst birgt eine Menge Vorteile. Pfarrer Tim Kuschnerus,
Koordinator für weltweite Programme des EED und Kontaktpartner für unsere
Kirche, erläuterte bei einem Besuch in Bottrop Möglichkeiten der Unterstützung
und Zusammenarbeit. Dabei wurden entwicklungsbezogene Bildungsreisen ebenso
thematisiert wie die Einführung des bereits erwähnten Freiwilligendienstes
nicht nur für junge Leute. Nicht selten erreichen auch uns Anfragen zu einem
sozialen Jahr im Rahmen alt-katholischer Entwicklungsprojekte. Zur Zeit sind die Rahmenbedingungen für ein freiwilliges
Jahr in Katete, Masasi oder
auf den Philippinen nicht gegeben, doch in Zusammenarbeit mit dem EED wäre auch
ein solches Unterfangen in Zukunft denkbar. Es mag überraschen, dass der EED
auch unsere alt-katholische Schwesterkirche auf den Philippinen, die Iglesia Filipina Independiente,
unterstützt. Aber schon in der Vergangenheit gab es Ansätze zur Zusammenarbeit
zwischen unserer Kirche und dem evangelischen Hilfswerk. Dr. Karl Schönberg vom
Asien- und Pazifikreferat des EED wusste sich zu erinnern an gemeinsame
Einladungen und Bewirtungen philippinischer Bischöfe. So soll auch in Zukunft
darüber nachgedacht werden, gemeinsam bedeutende Persönlichkeiten der
Philippinen nach Deutschland einzuladen. Vor allem in Zeiten, in denen sich vor
Ort Menschenrechtsverletzungen häufen und Killerkommandos nicht davor
zurückschrecken regimekritische Geistliche zu ermorden, gilt es gemeinsam
Zeichen zu setzen und nach Lösungen zu suchen. So veröffentlichte der EED
gemeinsam mit Kirchen und Menschenrechtsorganisationen einen ganzseitigen
öffentlichen Brief im Philippine Daily Inquirer,
einer der größten überregionalen Zeitungen. Dort verurteilte er die zunehmenden
Verletzungen der Menschenrechte auf den Philippinen. „Auf dem Weg der
Gerechtigkeit ist Leben“ (Spr 12, 28), so lautet das
biblische Motto des diesjährigen Arbeitsberichts des EED. Präses Schneider
schreibt als Begleitwort: „Gerechtigkeit ist kein statischer Zustand, sondern
Menschen müssen auf den Weg gebracht werden, Gerechtigkeit zu fordern,
anzumahnen und umzusetzen“. Hierzu brauchen sie unsere Unterstützung.
Ökumene und Partnerschaft
Als Gründungsmitglied der ACK sah sich die alt-katholische
Kirche schon immer der Ökumene verpflichtet. Und sie ist in der Tat die einzige
Kirche, der es im „Bonn Agreement“ zwischen Anglikanischer und Alt-Katholischer
Kirche gelungen ist, Ökumene zu vollenden. Deshalb ist sie auch ein wenig
Stolz, dass ihre Missions- und Entwicklungsprojekte ausnahmslos ökumenischer
Natur sind. Nur gemeinsam kann man die Probleme der heutigen Zeit meistern, nur
zusammen ist man wirklich stark. Im Evangelischen Entwicklungsdienst dürfen wir
einen starken und vitalen Partner sehen auf dem Weg der Gerechtigkeit.
André Golob