„Erzbischöfin“ Katharina
Neuer Presiding Bishop bei den Anglikanern in den USA
Geradezu lächerlich fand die Bischöfin von Nevada noch im Juni
dieses Jahres die Vorstellung, sie könne von der Generalsynode der Episcopal Church in den USA ins Amt des leitenden Bischofs
gewählt werden. Erst im Februar 2001 hatte sie eines der kleinsten Bistümer in
den USA übernommen: Nevada. Landschaftlich wunderschön, doch mit einer
Gläubigenzahl von nur 5.000, in Deutschland die Größe einer stärkeren
volkskirchlichen Gemeinde. Aber Vorsicht: Wer die Mitgliederzahlen der
Anglikaner in den USA mit unseren Verhältnissen vergleicht, muss die deutschen
volkskirchlichen Größen gründlichste bereinigen. Bei den US-Anglikanern wird
nur in die Statistik aufgenommen, wer sich in irgendeiner Weise nach der Taufe
am kirchlichen Leben beteiligt. Der Name der Anglikaner in den USA (Episkopalkirche = Bischöfliche Kirche, um anzuzeigen, dass
man im Unterschied zu anderen protestantischen Kirchen in der apostolischen
Sukzession steht) beruht auf der Tatsache, dass man sich nach der
amerikanischen Unabhängigkeit schlecht noch Kirche von England nennen konnte.
Auch einen Treueschwur zur Britischen Krone gibt es in der Episkopalkirche
nicht, wie auch in vielen anderen anglikanischen Tochterkirchen, wo Monarchen
in der Kirchenverfassung nicht vorgesehen sind.
Womit die promovierte Meeresbiologin und Pilotin Katharine Jefferts Schori (52) nicht
gerechnet hatte, passierte auf der 75. Generalsynode aber doch: Sie setzte sich
bei der Wahl durch und wurde damit die erste Frau, die als Oberhaupt (Primas)
eine anglikanische Nationalkirche repräsentiert.
Amtsübergabe
Am 4. November 2006 strömte ein Duft von Salbei, Vanillegras
und Zeder durch die Washingtoner St. Peter & Paul Kathedrale, besser
bekannt als National Cathedral, und zu dem Duft
hallten indianische Gesänge durch das Gebäude, in dem sich etwa 3.200 Menschen
versammelt hatten, um die Amtsübergabe des Leitenden Bischofs der Episkopalkirche, Most Rev. Frank Griswold,
an seine Nachfolgerin zu erleben. Auch wenn in der repräsentativen Funktion
durchaus mit einem Erzbischof zu vergleichen, ist der offizielle Titel „Presiding Bishop“ (= leitender
Bischof).
Dreimal klopfte Bischöfin Katharina mit dem Bischofsstab an
die Kathedraltüren, bevor sie vom Dekan der
Kathedrale und vom Bischof von Washington eingelassen wurde. Als Katharine Jefferts Schori dann zum Choral
„Christ is made the sure foundation“
ins Kirchenschiff einzog, brandete spontan Applaus auf.
Als Symbole des Amtes wurden ihr ein Evangeliar, Wasser als
Hinweis auf die Taufe sowie Brot und Wein für die Verankerung der Kirche in der
Eucharistie übergeben. Eine Rabbinerin, eine
Repräsentantin der Muslime und der anglikanische Erzbischof Südafrikas überreichten
zudem Öl, Symbol für Heilung und Versöhnung.
Schalom
Versöhnliche Töne waren dann auch in der Antrittspredigt zu
hören, die um den biblischen Begriff des Friedens (hebr.
Schalom) kreiste. Nicht allein Abwesenheit von Krieg,
auch weltumspannende Gerechtigkeit und Akzeptanz seien in dem biblischen
Konzept des Friedens erhalten, sagte die neue Leitende Bischöfin, die damit
auch auf Kritik an ihrer Wahl reagierte. Sieben Bistümer (von fast 100) haben
beim Erzbischof von Canterbury gefordert, von der kirchenrechtlichen Aufsicht
der Leitenden Bischöfin ausgenommen zu werden. Dabei mischen sich in die Motive
teils Vorbehalte gegen die Frauenordination, teils Proteste gegen die als zu
liberal beurteilten Standpunkte von Jefferts Schori. So hatte sie geäußert, dass wir Gott in eine zu
kleine Kiste zwängen, wenn wir darauf bestünden, wir wüssten genau den einzig
möglichen Weg zu Gott. Diese Äußerung, die im Gespräch zwischen den Religionen
eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte und die – wenn von allen
Religionsvertretern beherzigt – zu einer de-eskalierenden
Rolle der Religion in den Konflikten dieser Welt führen würde, wurde von
einigen in der Episkopalkirche scharf verurteilt.
Auch aus Afrika konnte man ähnliche Töne hören, die sich nicht nur an der
oftmals liberalen Einstellung stießen, sondern insgesamt eine Frau in einer
Führungsposition als eine kulturelle und imperialistische Zumutung begriffen.
Ihre eigene Messlatte hat „Erzbischöfin“ Katharina in der
Predigt zu ihrer Amtseinführung hoch gelegt, denn sie sagte, Schalom bedeute auch, mit denen Frieden zu schließen, die
für die eigene theologische Position nur Verachtung übrig hätten. Nichts
anderes allerdings wird auch in der Erneuerung des Taufversprechens gefordert,
das Bestandteil dieser zwar multikulturellen, aber durch und durch orthodoxen
anglikanischen Eucharistiefeier in der Peter & Paul-Kathedrale war. In der
US-Form des Taufversprechens heißt es nämlich von jedem Christen, er oder sie
sei bereit, die Würde eines jeden Menschen zu respektieren.
Die größten Hindernisse auf dem Weg zum Frieden wurden in
der Predigt aber nicht als Streitlust und Aggression dargestellt. Furcht und
Apathie machten Friedensbemühungen zunichte, bemerkte Jefferts
Schori. Das beste Mittel zum Frieden sei eine tiefe
und bleibende Hoffnung. In Jesus habe Gott die Furcht gefangen genommen, um
Befreiung und überströmende Hoffnung zu bewirken.
Diese überströmende Hoffnung wurde musikalisch neben den
Chören der Kathedrale und neben Jazz-Tönen vor allem vom Gospelchor der Afrikanisch-Episkopalen St. Thomas Gemeinde aus
Philadelphia zum Ausdruck gebracht. Gegründet im Jahr 1794 war St. Thomas in
Philadelphia eine der ersten afroamerikanischen Gemeinde der Vereinigten
Staaten. Ihr Pfarrer Absalom Jones war noch als Sklave geboren worden, kaufte
sich und seine Frau aus der Sklaverei frei und wurde mit der anglikanischen
Diakonats- und später Priesterweihe der erste farbige Amerikaner, der überhaupt
in irgendeiner Konfession eine formale Ordination erhielt.
Ökumene
Unter den ökumenischen Gästen der Amtseinführung war auch
der Erzbischof von Utrecht, Dr. Joris Vercammen. Als Alt-Katholik stand er bei der Generalsynode,
auf der Jefferts Schori zum
Presiding Bishop gewählt
wurde, zum ersten Mal als Nicht-Anglikaner der Eucharistie vor. Das war die
amerikanische Version, die 75 Jahre volle Kirchengemeinschaft zwischen
Alt-Katholiken und Anglikanern mit etwas Besonderem zu begehen.
Eine Gefahr für die weitere Ökumene konnte Erzbischof Joris in der Wahl einer Frau zur Leitenden Bischöfin auch
nicht erkennen. Und in der Tat sollte die Wahl nicht überraschen, auch wenn sie
nun ein „erstes Mal“ darstellt. Die Weichen waren in den USA schon 1977
gestellt, als die ersten regulären Weihen von Frauen zu Priesterinnen
stattfanden. Schon 1989 (drei Jahre vor der ersten lutherischen Bischöfin Maria
Jepsen in Hamburg, was in manchen Publikationen unkorrekt als die weltweit
erste weibliche Bischofsordination beschrieben wird) wurden Barbara Harris in
Washington und Penelope Jamieson in Neuseeland zu
Bischöfinnen geweiht.
In den Zeiten moderner Kommunikationsmittel braucht sich
niemand zu grämen, der bei der Amtseinführung von Jefferts
Schori nicht dabei sein konnte. Unter
http://www.epsicopalchurch.org wird ein Link zum aufgezeichneten Gottesdienst
angeboten (Watch Investiture
Service of the 26th Presiding
Bishop). Und unter
http://www.episcopalchurch.org/79476_79486_ENG_HTM.htm gibt es ein Foto des
Ökumenebeauftragten der Episkopalkirche, auf dem
neben dem Vertreter der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Amerika auch
Erzbischof Joris zu sehen ist.
Holger Laske