Einfach abgefahren!
„Essener Sezession“ in der restaurierten Friedenskirche
Eine besonders dynamische Symbolkraft hat die Spirale bei
den Völkern und Kulturen der Welt. Bereits im Paläolithikum
und in der vordynastischen Zeit Ägyptens schmückten Spiralen die Wände
bedeutender Bauwerke. Wachstum und Expansion, aber auch Tod und Kontraktion,
grollender Donner und Blitz, göttliche Schöpferkraft, Emanation – all das
symbolisiert die Spirale und weit mehr.
Ein wenig von der Gewalt und Dynamik dieses Symbols erfährt
der Besucher der neu renovierten Friedenskirche in Essen. Kaum hat er die Tür
geöffnet, gerät er im Vorraum, dem Paradies, in einen unerwarteten Strudel
wirbelnder, orangeroter Spiralen, dass es ihm die Luft zum Atmen verschlägt.
Welche Kirche kann mit so einem Farbenrausch aufwarten? „Das ist die reinste
Schocktherapie“, sagt eine Dame neben mir. „So etwas muss man gesehen haben –
einfach abgefahren!“ In der Tat haben die Restauratoren und Künstler etwas
zutage gefördert und instand gesetzt, das seines gleichen
sucht. Der Unbedarfte mag sich an Tapeten der 70er Jahre erinnert fühlen, doch
stammt diese Ornamentik von keinem Geringeren als dem bedeutenden
niederländischen Jugendstilkünstler Jan Thorn Pricker (1868-1932). In einer
Beschreibung berichtet der damalige Pfarrer Rachel, der Kirchenraum würde in
einem flammenden Rot erstrahlen. Wer hätte je gedacht, dass es sich hierbei um
ein leuchtendes Orange handelte? In der Tat hielt die französische
Farbbezeichnung „orange“ erst viel später Einzug in die deutsche Sprache.
Funkeln in kristallklaren
Bächen
Mag der Vorraum der Essener Friedenskirche den Besucher
zunächst ein wenig schockieren, so zieht ihn die Ornamentik der Kirchenkuppel
in ihren Bann. „Das orange-blaue Wandmuster in der Kuppel der Friedenskirche“,
so schreibt Virgil Grymonprez in der Westdeutschen
Allgemeinen Zeitung, „funkelt wie Kiesel im Sonnenlicht auf dem Grund
kristallklarer Bäche“. Dieses poetische Wort trifft den Nagel auf den Kopf. Als
Passepartout wirkt der zartblaue Anstrich der Wände. Ursprünglich fand sich
nichts Figürliches in der wahrlich außergewöhnlichen Kirche. Die heutigen
Kirchenfenster mit ihren gegenständlichen Darstellungen stammen aus einer
wesentlich späteren Zeit. Jan Thorn Prikker, der von
van Gogh beeinflusste Künstler und einer der ersten Dozenten an der späteren Folkwangschule, hatte sich für die
Gestaltung des Gewölbes einer aufwendigen Schablonentechnik bedient. 1943 brach
es im Bombenhagel vollständig zusammen. Die Jugendstil-Ornamente gerieten in
Vergessenheit. Erst Anfang der 90er Jahre stießen Restauratoren auf Fragmente
der Malereien.
Wiedereröffnung
Ende Oktober wurde die Friedenskirche nun in einer kurzen,
feierlichen Liturgie neu eingeweiht. Viel Prominenz aus Politik, Wirtschaft und
Kultur war gekommen, Sponsoren und eine Menge kunstbeflissener
Gäste aus den alt-katholischen Nachbargemeinden. Sonore Klänge, die Musiker
Markus Zaja der Bassklarinette entlockte, bildeten
den Rahmen der kontemplativen Feier. Im Anschluss an den Gottesdienst priesen
der Galerist und Kunsthistoriker Dr. Johannes von Geymüller
und der Architekt Peter Brdenk, die sich mit der
Essener Kirchengemeinde für die Restaurierung stark gemacht hatten, die
Bedeutung der Friedenskirche und ihres Gestalters Jan Thorn Prikker.
Auch Christian Reinhard, Hauptmanager des Weltkulturerbe Zollverein, war des
Lobes voll. Rund 150.000 Euro, finanziert von der Essener Gemeinde, der
Krupp-Stiftung, der Kulturstiftung Essen und der dortigen Sparkasse sowie
engagierter Einzelsponsoren, haben die Restaurierungsarbeiten bislang gekostet.
Stolz sein kann die Gemeinde Essen auf das ökonomische Geschick ihres Pfarrer
Ingo Reimer, der unermüdlich um Sponsoren und Geldgeber warb.
Es geht weiter
Dem Inneren der Kirche soll jetzt die Sanierung der
Außenfassade folgen. „Das Projekt Friedenskirche ist noch nicht beendet“,
kündigte Pfarrer Reimer an. „Immerhin handelt es sich bei der Friedenskirche um
eine der bedeutendsten Jugendstilkirchen unseres Landes.“ Auch Dr. von Geymüller legte in seiner Rede der Kulturhauptstadt Essen
die weiterte Unterstützung ans Herz. Er machte darauf aufmerksam, dass seit der
Zerstörung im Krieg die elegant geschwungene, pyramidenförmige Haube der
Kirche, die Kirchturmspitze also, fehle. Sie wieder zu errichten gäbe der
Kirche ihre Signalkraft zurück und dem städtebaulichen Kontext sein
historisches Profil. Dafür allein wären jedoch rund 50.000 Euro vonnöten. Auch
verwies er auf den Schmutz an der Fassade der vom Hamburger Architekten Dr.
Albert Erbe errichteten Kirche. Zum Teil stammen diese Ablagerungen vom Brand
der benachbarten Alten Synagoge in der Reichskristallnacht (9. November 1938).
Über eine Fassadenreinigung denkt die Gemeinde schon länger nach und über die
Beibehaltung einer Rußfahne als Denkmal des
Holocausts und Mahnmal gegen Antisemitismus und Pogrome.
Doch auch im Inneren der Kirche ist noch einiges zu tun.
Noch sind Säulen und Kirchenbänke braun gestrichen, statt wie einst in dunklem
Blau gehalten und mit blattgoldenen Ornamenten verziert. Noch ist vom einst
roten Sandsteinboden nichts zu sehen. „Doch auch das soll sich ändern, wenn es
die finanziellen Mittel denn zulassen“, sagt Architekt Peter Brdenk, der die Kirche ausleuchtete und das Kunstwerk somit
ins rechte Licht rückte – ohne die Spur eines Schattenwurfs. Bei der Einweihung
saßen die Teilnehmer deshalb noch auf schlichten Pappkisten. Allein eine in
frischem Blau gestrichene Kirchenbank und eine restaurierte Säule sollen
Appetit machen auf mehr und Sponsoren begeistern für weiter Investitionen.
Was der Essener Gemeinde gelungen ist, ist die
Instandsetzung eines herausragenden Kunstwerkes im Stile der Wiener Sezession
und zudem eines der ungewöhnlichsten Arbeiten Jan Thorn Prikkers.
Es wird nicht nur viele Kunstkenner in den Bann ziehen, sondern bietet überdies
Gläubigen geniale Impulse zur Kontemplation. Nicht umsonst bezeichnet man die
Kunst auch als Enkelin der Theologie. Wieder einmal steht die Essener
Friedenskirche im Focus der Öffentlichkeit, wieder einmal ist es ihr gelungen,
aus dem Schatten zu treten und Blickfang zu sein. Dabei ist alles erst der
Anfang.
André Golob