Leitartikel
Die ganze Welt ist Bühne
- William Shakespeare -
Jahrelang spielte das Freiburger Theater Hans Dürr im Innenhof des Schwarzen Klosters, zu dem unsere Kirche gehört, jeden Sommer Shakespeare. Im Laufe der Zeit entstand Kontakt zu Herrn Dürr, der durch seine Pfiffigkeit und seinen Humor faszinierte. Zunächst machte er für uns eine Lektorenschulung, dann gab es ein Coaching für mich als Pfarrer, ähnlich wie es Uwe Hoppe weiter hinten für evangelische Vikare beschreibt. Und schließlich gab es einen Theaterkurs für die Gemeinde, an dem etwa zehn Leute teilnahmen, ich auch.
Ich konnte dabei etwas erfahren davon, wie viel Spaß es macht, in andere Rollen zu schlüpfen. Eben nicht sein, wie ich immer bin, sondern so sein, wie ich mir sonst nicht erlaube oder es vielleicht sonst auch gar nicht möchte. Einmal sollten wir uns aus einer Sammlung von Kopfbedeckungen eine aussuchen und mit ihr auf dem Kopf eine passende Rolle spielen, einfach aus dem Stegreif. Ich weiß nicht, was mich da geritten hat, aber ich habe mir eine Fellmütze ausgesucht und – nach dem Vorbild von Dschingis Khan – einen skrupellosen Anführer mongolischer Reiter vor etlichen hundert Jahren gegeben, der zynisch und bitterböse seine Pläne ausspricht, welche Untaten er in den nächsten Tagen zu tun gedenkt. Als Pfarrer wird von mir erwartet, dass ich normalerweise zu allen Menschen nett und freundlich bin. Das möchte ich auch, das entspricht mir auch, aber ich gestehe: Ich habe es genossen, einmal für fünf Minuten alles andere als nett zu sein.
Obwohl, wenn ich ehrlich bin, stelle ich fest, dass es nicht so einfach ist: Ich bin nett und nur manchmal gefällt es mir, eine böse Rolle zu spielen. Viel zu oft ist auch das Nettsein die Rolle, die ich spiele, obwohl es mir eigentlich nicht danach ist. Manchmal bin ich nicht gut drauf und muss trotzdem nett zu den Kommunionkindern sein, die zum Unterricht kommen. Manchmal geht mir jemand auf den Geist und ich würde ihm gerne mal die Meinung sagen, aber als Pfarrer hat man natürlich auch zu denen nett zu sein, die einem nicht so liegen. Vor einiger Zeit habe ich von einer Untersuchung gelesen, die nachgewiesen hat, dass Menschen, die von Berufs wegen immer lächeln müssen – vor allem Verkäuferinnen wurden untersucht – dadurch krank werden. Wir werden krank, wenn wir nicht authentisch sein dürfen, sondern uns verbiegen müssen – ob Pfarrer da wohl auch gefährdet sind? Ich fürchte schon. Dirk Hemmrich geht darauf in seinem Artikel genauer ein.
Wir alle haben im Leben ganz verschiedene Rollen zu spielen. Bei einem Pfarrer zeigt sich das besonders deutlich. Ich spiele schon im Beruf ganz verschiedene Rollen. Die edelste davon ist natürlich – das darf man als Theologe eigentlich nicht so profan ausdrücken, aber das ist gemeint – wenn ich im Gottesdienst die Rolle Jesu Christi übernehme, ausführlich nachzulesen im Beitrag von Prof. Günter Eßer. Aber ich bin ja auch Seelsorger, Kinderbelustiger, Werbefachmann, Prophet, Repräsentant der Kirche, Fundraising-Spezialist, Gremien- und Gemeindeleiter, Sozialarbeiter, Erwachsenenbildner, Trauerredner und vieles Andere mehr. Dass ich Rollen wechsle, zeigt sich schon darin, dass ich mich immer wieder umziehen muss. Dann bin ich ja aber auch noch Ehemann und Familienvater, also noch einmal etwas ganz Anderes. Es ist gut, sich seine Rollen einmal bewusst zu machen, denn nur dann kann ich mich der Herausforderung stellen, die Rollen so zu gestalten, dass ich darin noch einigermaßen echt und ich selber bleibe.
Vermutlich liegt darin auch für viele Menschen die Faszination der Fastnacht: Sie bringt die Erlaubnis, in eine Rolle zu schlüpfen, die ich sonst gar nicht oder nur wenig leben kann. Und sei es nur die Rolle des Quatschmachers, in der Pfarrer ebenso wie Zahnärztinnen, Finanzbeamte oder Architektinnen sonst nicht so gerne gesehen werden. Solche Rollenspiele können, wenn sie nicht in bierseligem Klamauk untergehen, geradezu heilsame Wirkungen entfalten, was sich seit vier Jahrzehnten schon die Theatertherapie zunutze macht.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, wie man im hiesigen Raum sagt, eine glückselige Fasnet,
Ihr Gerhard Ruisch
