Bistumsopfer

Bistumsopfer 2016: Der Sehnsucht Raum geben. Das Geistliche Zentrum Friedenskirche in Deggendorf

Wenn dein Herz wandert oder leidet, bring es behutsam an seinen Platz zurück und versetze es sanft in die Gegenwart deines Herrn. Und selbst wenn du in deinem Leben nichts getan hast außer dein Herz zurückzubringen und wieder in die Gegenwart unseres Gottes zu versetzen, obwohl es jedes Mal wieder fortlief, nachdem du es zurückgeholt hattest, hast du dein Leben wohl erfüllt.  

Dieses Wort des Franz von Sales beschreibt treffend meine Motivation deretwegen ich 2012 von der Gemeindearbeit und dem Dienst als hauptamtlicher Pfarrer in ein neues Tätigkeitsfeld gewechselt habe, der Arbeit am Aufbau eines Geistlichen Zentrums in Deggendorf.

Spiritualität der Wahrnehmung

Das Herz vieler Menschen wandert und leidet, so erfahre ich es - schon in der Zeit als Gemeindepfarrer und vermehrt jetzt sowohl in der klinischen Arbeit als auch in der Arbeit mit suchenden Menschen, die ins Geistliche Zentrum kommen. 

"Viele Menschen suchen in dieser technisierten, mediatisierten und hedonistischen post-modernen Gesellschaft nach einem Mehr", heißt es in einem interessanten Entwurf unter dem Titel 'Spiritualität der Wahrnehmung' (C. Vasseur, J. Bündchens, Spiritualität der Wahrnehmung, München 2015)

Beschrieben wird in diesem Entwurf, dass Menschen in ihrer Suche dabei auf ein großes spirituelles Fast-Food-Angebot treffen, das vielleicht den ersten kleinen Hunger sättigt, das aber keinen tragenden spirituellen Grund geben kann.

"Die genuine Aufgabe einer Spiritualität der Wahrnehmung besteht darin, den Menschen mit dem Urgrund seiner Existenz in Berührung zu bringen. Erst in einem zweiten Schritt wird der Mensch diesem Urgrund seiner Existenz vielleicht den Namen „Gott“ geben. Er kann aber nicht von vornherein so genannt werden, weil er im konkreten Leben des Menschen womöglich keine Realität mehr besitzt …" heißt es in dem oben genannten Buch.

Sehnsucht als Lebensraum

Um ein wanderndes und leidendes Herz an seinen Platz zurückzubringen und sanft in die Gegenwart des Herrn zu versetzen, braucht es Räume, die die oben beschriebene Einübung möglich machen. Es braucht diese Räume um so mehr als immer mehr Menschen ihr wanderndes und leidendes Herz in Form einer indifferenten Sehnsucht spüren, das zuvor erwähnte Mehr suchen, aber dafür keine Begrifflichkeit haben. Unsere kirchlichen Sprachspiele sind sie aus Mangel an Erfahrung nicht im Stande mitzuspielen.

In einem Interview in der Zeitschrift Christ in der Gegenwart antwortet Angela Berlis auf die Frage, was sie als das drängendsten theologische Problem der Gegenwart ansähe: "Wie über Gott sprechen, wenn Menschen schon die Frage gar nicht mehr verstehen?"  

Wenn von der Sehsucht die Rede ist, dann ist ganz schnell davon die Rede wie diese Sehnsucht gestillt werden kann. Und oft gibt es dann in religiösen oder spezieller in kirchlichen Zusammenhängen eine Fülle von gut gemeinten Antworten, die letztlich diese Sehnsucht m.E. mehr zudecken als stillen.

Ich finde eine tragendere Antwort ist es, die Sehsucht als einen Lebensraum zu sehen. D.h. es geht nicht zuerst darum Sehnsucht sofort zu stillen, was immer auch die Gefahr in sich birgt, dass vorschnell gesuchte Erfüllung in ein wie auch immer geartetes Suchtverhalten führen kann. Ich glaube in diesem Zusammenhang, dass es auch ein nicht zu unterschätzendes religiöses Suchtverhalten gibt, das durchaus nicht nur bei Sekten, freireligiösen Gruppen oder esoterischen Zirkeln anzusiedeln ist. Worum es geht ist, die Sehnsucht zu entdecken als einen Raum, in dem ich leben darf.

Diese Sehnsucht muss ein Raum sein, der nicht verstellt ist von Konventionen und Ordnungen, sondern offen bleibt für die Erfahrung der Gottesnot. Diesen Begriff verwendet Thomas Mann in seinem Roman Joseph und seine Brüder. Er beschreibt damit den Weg Abrahams und sagt: "Was ihn (Abraham) in Bewegung gesetzt hatte, war geistliche Unruhe, war Gottesnot gewesen, und wenn ihm Verkündigungen zuteil wurden, woran gar kein Zweifel statthaft ist, so bezogen sich diese auf die Ausstrahlungen seines neuartig-persönlichen Gotteserlebnisses, dem Teilnahme und Anhängerschaft zu werben er ja von Anbeginn bemüht gewesen war."

Räume schaffen

Vor diesem Hintergrund will das Geistliche Zentrum Friedenskirche in Deggendorf Räume zur Verfügung zu stellen, die helfen meiner Sehnsucht Ausdruck zu geben, ihr auf der Spur zu bleiben und sie als Lebensraum zu entdecken.

Dem folgend will das Geistliche Zentrum Friedenskirche ein offener Raum sein, in dem Fragen Platz haben und Erfahrungen benannt werden dürfen, ohne diese gleich einzuordnen und zu bewerten.

Bevor Antworten wirklich der in den Fragen und Erfahrungen ausgedrückten Sehnsucht entsprechen können, braucht es einen genügend offenen und weiten Raum, in dem es mir erlaubt ist da zu sein. Da-sein ist ein zentraler Punkt; gemeint ist damit miteinander zuerst schauen und horchen und darin eine Form finden der Sehnsucht Ausdruck zu geben. Der offene Raum muss also ein Raum der Gegenwart sein, in dem ich da-sein darf ohne Vorbedingungen, ohne Leistungsanspruch und ohne gleich etwas machen zu müssen. Gottes Gegenwart wird dort erfahrbar, wo ich in der Gegenwart bin, wo ich da bin, in dem was ist. Dafür gibt es biblische Zeugnisse und eine lange geistliche Tradition. Von Alfred Delp stammt der Satz: Gott umarmt dich mit der Wirklichkeit. Die Gegenwart ist der Ort, an dem ich Gott begegnen kann, ohne dafür gleich das Wort Gott gebrauchen zu müssen. Gegenwart ist jeweilige Lebenswirklichkeit, die zuerst einmal da ist und da sein darf ohne bewertet und beurteilt zu werden. "Eine Einübung ist erforderlich, um die alltäglichen „Phänomene“ in ihrer Durchleuchtkraft wieder in Beziehung zu Gott zu setzen und Ihn durch diese Transparenz wieder Präsenz gewinnen zu lassen", so Vasseur und Bündchens in ihrem Buch zur Spiritualität der Wahrnehmung.

Wer diesen Weg sucht, der wird zwangsläufig den eigenen Wunden und Brüchen begegnen. Und deshalb soll das Geistliche Zentrum auch ein Raum der Wunden sein, ein Ort, an dem Wunden gezeigt werden dürfen. Und um noch einen Schritt weiterzugehen: Die Wunden – persönliche wie auch die Wunden der Welt und der Schöpfung – sollen als Ort erfahrbar werden, an dem die heilende Gegenwart Gottes auf besondere und intensive Weise spürbar wird. Erzbischof Dr. Joris Vercammen  hat in einer Predigt dazu den Satz geprägt: "Der Same des Reiches Gottes ist unsere Verletzlichkeit und er sagt dazu: Ich weiß nicht, ob dies ein unerwarteter Perspektivwechsel ist. Wir erwarten viel von effizienten Organisationen und gut funktionierenden Strukturen. Wir überlegen miteinander und versuchen die richtigen Strategien zu entwickeln. Und das alles ist notwendig, auch beim Kommen des Reiches Gottes. Aber das alles ist Pflege. Die Dynamik, die Kraft zu wachsen: die ist in den Samen hineingelegt, sie ist in unserer Verletzlichkeit zu finden." (Joris Vercammen in: Projekt Wachstum, Bonn 2001)

Begegnen werde ich hier auch der fragmentarischen Gestalt des Lebens, die darin immer auch über sich hinausweist d.h. ewigkeitsoffen ist. Der evangelische Theologe Henning Luther formuliert in seinem Buch Religion und Alltag: "Blickt man auf menschliches Leben insgesamt, d.h. sowohl in seiner zeitlichen Erstreckung als auch in seiner inhaltlichen Breite, so scheint mir einzig der Begriff des Fragments als angemessene Beschreibung legitim."

Wo ich Fragment sage oder höre, denke ich zuerst an Zerbrochenes; ich denke an verspielte Chancen, verronnene Lebensperspektiven, genommene Lebenschancen, an Schuld und Schicksalsschläge… Die Beschreibungen ließen sich fortsetzen. Fragment zu Henning Luther trägt aber auch immer Zukunft in sich und verweist nach vorne - ist ewigkeitsoffen. Das Wesen des Fragments ist eben auch Sehnsucht: "In ihm (dem Fragment) herrscht Mangel, das Fehlen der ihn vollendenden Gestaltung. Die Differenz, die das Fragment von seiner möglichen Vollendung trennt, wirkt nun nicht nur negativ, sondern verweist positiv nach vorne. Aus ihm geht eine Bewegung hervor, die den Zustand des Fragments zu überschreiten sucht", so Henning Luther.

So gesehen will das Geistliche Zentrum auch ein ewigkeitsoffener Raum sein - was sich eng mit dem Raum der Wunden verbindet.

Eine wesentliche Grundlage damit all das gelebt werden kann ist die Stille; das Geistliche Zentrum will also auch ein Raum der Stille sein.

Kontemplative Lebenshaltung

Durch das Einüben einer Kontemplativen Lebenshaltung soll für die Umsetzung des oben Gesagten beigetragen werden. Was unter einer kontemplativen Lebenshaltung zu verstehen ist, beschreibt Thomas Merton in seinem Buch Ein Tor zum Himmel ist überall so:

"Vom lateinischen Wortstamm her ließe sich eine kontemplative Einstellung der Wirklichkeit gegenüber so deuten: Uns wird bewusst, dass wir Mitbewohner (con) eines Heiligtums (templum) sind, eines wunderbar und geheimnisvoll vernetzten Kosmos, dem staunende, ehrfürchtige Verehrung gebührt.

Kontemplation ist also eine Andacht der Wirklichkeit gegenüber ...

Der kontemplative Mensch schaut an und horcht, tritt in ein leises Gespräch ein und entdeckt (selbst im Phänomen des Regens) immer neue Geschenke, Geheimnisse und Wunder." 

Kontakt

Pfarrer Thomas Walter

Wenn Sie sich noch intensiver über das Geistliche Zentrum und dessen Angebote informieren wollen, erhalten Sie auf der hier verlinkten Website des Geistlichen Zentrums Friedenskirche oder bei Pfarrer Thomas Walter (Tel: 0991 / 3705 5795 oder 0176 8460 6341; E-Mail: t.walter [ad] geistlicheszentrum-friedenskirche.de) ausführliche Informationen.

Für jede Spende, die Sie dem Geistlichen Zentrum Friedenskirche zukommen lassen, erhalten Sie bei Angabe Ihres Namens und Ihrer Adresse selbstverständlich eine Spendenquittung, die Sie steuerlich geltend machen können.

Unser Spendenkonto:

Spendenkonto des Bischöflichen Ordinariats

IBAN: DE38 3705 0198 0007 5008 38

BIC: COLSDE33XXX

Betreff: Bistumsopfer 2016