Predigt zur Priesterinnenweihe von Brigitte Glaab
Ein glaubender Mensch mit Auftrag
Über den geistlichen Beruf
Predigt von Bischof Dr. Matthias Ring
anlässlich der Priesterinnenweihe von Diakonin Brigitte Glaab am 08.05.2010 in der Christuskirche zu Aschaffenburg
Am Abend vor meiner Priesterweihe, es war der Freitag, der 17. November 1989, ging ich nochmals ein wenig durch die Straßen Nürnbergs spazieren. Es war der Tag vor dem großen Ansturm der Trabbis auf die westdeutschen Städte, denn eine Woche vorher war die Grenze geöffnet worden. Ich kam auf meinem abendlichen Spaziergang an der Gustav-Adolph-Gedächtnis-Kirche vorbei, wo ich im Mai zum Diakon geweiht worden war. Dort sollte nun auch die Priesterweihe gefeiert werden. Ich weiß noch genau, dass ich diese riesige Kirche mit ihren mehr als 2.000 Plätzen einmal umrundete und dann vor ihr stand und mir dachte: Nun ist es also soweit. Morgen ist der Tag, auf den Du lange zugearbeitet hast. Fünf Jahre Studium, in Bamberg und in Würzburg. Nochmal zwei Semester in Bonn alt-katholische Theologie. Morgen ist – pathetisch gesprochen – der Tag der Erfüllung.
Ich stand also vor der Kirche und wartete. Wartete, dass sich ein – ich will es mal so nennen – erhabenes und erhebendes Gefühl einstellt. Denn ab morgen war ich Priester. War das nicht etwas Besonderes? In meiner Kindheit und im Bamberger Priesterseminar hatte ich das so vermittelt bekommen und auch so erlebt. Und ich kenne genug Studienfreunde, die in solcher Situation zum Gebet auf die Knie gegangen waren.
Doch da sich das erhabene Gefühl nicht einstellen wollte, ging ich nicht auf die Knie, sondern ein paar Meter weiter zu McDonalds und stärkte mich dort für den Tag der Priesterweihe.
Einer wie ich, der den Vorabend seiner Weihe bei McDonalds verbringt, kann – es wird Sie nicht wundern – wenig mit jenem hochstilisierten und ideologisch überladenen Priesterbild anfangen, das durch die Kirchengeschichte geistert und derzeit eine arge Bruchland auf dem Boden der Wirklichkeit erlebt. Es gibt eine seltsame Geschichte von Franz von Assisi, die das verquerte Priesterbild vergangener Zeiten, das heute noch nachwirkt, in übersteigerte Form auf den Punkt bringt. Vom Heiligen Franz wird überliefert, er habe einmal zum Besten gegeben, wenn ihm ein Engel und ein Priester gleichzeitig begegneten, so würde er sich zunächst vor dem Priester verbeugen. Der Engel lebe zwar in der Gegenwart Gottes, aber nur der Priester sei in der Lage, Gott auf die Erden zu zwingen, also in die Gestalten von Brot und Wein. Wandlungsvollmacht nannte man das früher.
Wir wissen nicht, was Franz gesagt hätte, hätte man ihn mit der Möglichkeit konfrontiert, einem Engel, einem Priester und einer Priesterin gleichzeitig zu begegnen. Vor wem er sich wohl zuerst und vor wem zuletzt verbeugt hätte? Wahrscheinlich hätte es ihm die Sprache verschlagen.
Diese Geschichte, mag sie auch erfunden sein, ist ein gutes Beispiel für jenen Grundschaden, den das geistliche Amt mit sich durch die Jahrhunderte schleppt. Es gibt wohl keinen Beruf, der so hochstilisiert und mystifiziert wurde, wie der geistliche. Geistliche galten nicht nur als Gemeindeleiter oder Gelehrte, sondern vor allem als Menschen, die mit dem Heiligen zu tun hatten, die dem Heiligen so nahe waren, wie sonst kein anderer Mensch. Durch ihre Nähe zum Heiligen waren die Priester herausgehoben aus der Masse des Volkes und machten dies – allerdings erst in den letzten 150 Jahren – durch ihre Alltagskleidung deutlich. Hochwürden nannte und nennt man sie teilweise heute noch und merkt nicht, dass durch die Taufe alle Christinnen und Christen gleich an Würde sind.
Diese Mystifizierung macht es schwer, nüchtern zu beschreiben, was ein Geistlicher ist. Wenn wir heute eine Frau zur Priesterin weihen, dann sollten wir dies allerdings wissen. Brigitte Glaab wird sicherlich auch ihre Vorstellungen haben, was sie als Geistliche sein will. Aber da nicht sie, sondern ich jetzt predige, hören sie nun, was nach meiner Sicht ein Geistlicher ist – und das gilt für Diakone, Priester und Bischöfe, für Männer und Frauen im geistlichen Amt gleichermaßen. Ich möchte Ihnen dies in drei Schritten nahebringen.
Zuallererst ist ein Geistlicher Mensch. Das scheint eine Banalität zu sein, denn was ist er denn sonst? Aber dahinter steckt eine gleichermaßen befreiende wie auch erschreckende Erkenntnis.
Denn man kann sich mit Titeln und Gewändern schmücken, so viel man will, ein Priester, eine Priesterin muss als Mensch glaubhaft und glaubwürdig sein. Das geistliche Amt ist keine Rolle, hinter der man sich verstecken kann.
Das ist erschreckend für diejenigen, die sich gerne verstecken würden, die das Amt als Persönlichkeitsersatz und Persönlichkeitskorsett missbrauchen. Eugen Drewermann hat vor mehr als 20 Jahren über dieses Phänomen eine noch heute lesenswerte Studie mit dem Titel „Kleriker“ vorgelegt.
Erschreckend ist dies auch für all jene, die ihre eigenen Schwächen und Fehler nicht wahrhaben wollen. Denn so viel sei schon jetzt prophezeit: Die Weihegnade beseitigt diese Schwächen nicht. Er schlechter Prediger bleibt auch nach der Weihe ein schlechter Prediger. Wer leicht aufbraust, braust auch nach der Weihe leicht auf. Wer phlegmatisch ist, bleibt phlegmatisch. Eine tröstliche Anmerkung sei aber gemacht: Die Weihe hat bislang auch noch keinem geschadet.
Wer heute das Evangelium unter die Menschen bringen will, muss mit seiner eigenen Person dafür einstehen. Eine Priester, eine Priesterin kann eben nicht jenen Sportfunktionären gleichen, die bei den Olympischen Spielen oft mit ins Stadion einziehen, und man fragt sich angesichts des Bauchumfangs: Wann haben die zum letzten Mal Sport getrieben? Die Menschen, die uns zuhören, die uns als Seelsorger und Seelsorgerinnen, als Liturgen erleben, haben ein sehr feines Gespür dafür, ob wir nur eine Rolle spielen oder ob wir authentisch sind.
Ich habe viel von einem alt-katholischen Geistlichen gelernt, dem ich am Anfang meiner Zeit in der alt-katholischen Kirche begegnet bin und der mittlerweile sehr alt ist. Organisatorisch war und ist er ein Chaot. Ich glaube, es hat bislang noch kein Pfarrer geschafft, nicht nur am falschen Tag zu einer Pastoralkonferenz anzureisen, sondern auch noch an den falschen Ort. Seine Predigten waren entsprechend. Hätte man sie abgetippt und bei einem Predigtseminar eingereicht, sie wären verrissen worden. Und dennoch war es faszinierend, ihm zuzuhören. Denn bei jedem Wort spürte man: Er meint, was er sagt; er sagt, was er glaubt; er betet keine theologischen Formeln herunter, sondern gibt Zeugnis von seinem Glauben.
In diesem Sinne authentisch kann ich nur sein, wenn ich mich selber kenne. Selbsterkenntnis ist eine spirituelle Herausforderung. Wer als Geistlicher wirken will, muss den Weg der Selbsterkenntnis gehen, muss sich mit den dunklen Seiten seines Lebens und seiner Persönlichkeit aussöhnen, wenn er die hellen zum Leuchten bringen will.
Geistlich sind zunächst Menschen – darin liegt auch eine befreiende Botschaft. Denn ich darf auch im Amt der sein, der ich bin – solange ich weiß, wer ich bin. Ich muss nicht als Heiliger oder Heilige vor die Menschen treten oder so tun, als sei ich dies. Ich meiner ganzen Schwachheit darf ich Priester, Priesterin sein.
Geistliche sind – zum Zweiten – nicht nur Menschen, sondern glaubende Menschen. Auch das klingt wieder wie eine Banalität. Und doch steckt auch hierin wieder eine zweischneidige Botschaft.
Ich kann zwar für ein Produkt Werbung machen, das ich niemals kaufen würde, aber ich kann nicht vom Glauben Zeugnis ablegen, ohne Glauben zu haben.
Der Glaube eines Menschen wird in der Regel ein angefochtener Glaube sein. Aber darauf kommt es auch nicht an. Geistliche müssen nicht Menschen mit einem besonders starken Glauben sein. Doch eines sollte man ihnen anmerken: Dass er mit seinem, dass sie mit ihrem Glauben ringt. Dass sie also letztlich mit Gott ringen. Es gibt nichts Trostloseres und Langweiligeres als Predigten, in denen theologische Wahrheiten zum Besten gegeben werden und man merkt: Der Prediger spult etwas herunter, was ihn selbst nicht berührt. Wem die Schriftstelle, über die zu predigen ist, kein Problem ist, wem letztlich Gott keine offene Frage und kein Problem ist, taugt für den geistlichen Dienst nicht.
Dass der Predigende Zeugnis von seinem Glauben ablegt, das ist eine Formulierung, die man eher im evangelikalen Milieu ansiedeln würde. Ich bin freilich der festen Überzeugung: genau darauf kommt es an, wenn wir die Botschaft weitertragen wollen. Wer theologische Wahrheiten sucht, liest Bücher. Wer aber Glauben sucht, sucht einen glaubwürdigen Menschen. Und nur wer selber Gott immer wieder neu sucht, kann andere auf diese Suche mitnehmen.
Ich glaube, dass dies auch der tiefere Sinn des Augustinuswortes ist, das sich Brigitte Glaab als zweiten Weihespruch ausgewählt hat: „In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst.“
Und schließlich sind Geistliche glaubende Menschen mit einem Auftrag. Um diesen Auftrag geht es heute, denn als glaubender Mensch zu leben, dafür braucht es keine Weihe. Es geht um einen Auftrag, den die Kirche erteilt – und nicht Gott. Die Kirche wählt deshalb die Bewerberinnen und Bewerber um das Amt aus. Die Kirche beaufsichtigt sie; ihr gegenüber – sei es nun der Bischof oder die konkrete Gemeinde vor Ort – sind die Geistlichen rechenschaftspflichtig.
Die Kirche verbindet mit der Weihe ein klares Spektrum an Aufgaben, die zu erfüllen sind, um dem Grundauftrag von Kirche gerecht zu werden: das Evangelium unters Volk zu bringen und damit die Welt – ganz schlicht gesprochen – etwas heiler zu machen. Der hehre und edle Teil dieser Aufgaben wird in den Texten der Weiheliturgie genannt, zum Beispiel die Seelsorge und die Feier der Sakramente. Es gibt auch noch die anderen Aufgaben, die nicht genannt werden: Verwaltungsaufgaben, konkretes Anpacken bei Gemeindefesten oder Gemeindeveranstaltungen.
Es sind Aufgaben, die zu erledigen sind, egal, ob sei einem gefallen oder nicht. Einen geistlichen Dienst a la carte gibt es eben nicht.
Ich habe bei meiner Bewerbung um das Bischofsamt gesagt, es sei für mich ein große Motivation, an einer Aufgabe mitzuarbeiten, die größer ist als ich selbst, an der viele vor mir mitgearbeitet haben und an der noch viele nach mir arbeiten werden. In unserem Bistum und speziell hier in der Gemeinde Offenbach-Aschaffenburg wird von heute an Brigitte Glaab an dieser Aufgabe als Priesterin mitarbeiten.
Ich komme noch einmal auf das Augustinus-Wort zurück: „In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst.“ Liebe Brigitte, in dir kann es nur brennen, weil andere in dir dieses Feuer entzündet haben, die Eltern, Großeltern oder Freunde, Menschen, denen Du begegnet bist.
Ich wünsche dir, dass dieses Feuer in Dir allezeit brennt. Es wird auch für dich als Priesterin Zeiten geben, da wird es nur glimmen, wird es zu erlöschen drohen. Das gehört zum Glauben und zum Leben dazu.
Ich wünsche Dir auch, dass Du dieses Feuer weitergeben kannst. Oft wirst Du es gar nicht bemerken, dass diese Weitergabe gelungen ist, denn da schnappen Menschen ein Wort der Predigt auf, das für sie Bedeutung hat, in Deinen Augen aber eher nebenher gesagt ist. Und manchmal wirst Du glauben, ein Feuer entzündet zu haben, Menschen für den Glauben und die Kirche begeistert zu haben – und dann war es nur ein Strohfeuer.
Sei ein glaubender Mensch und bleibe eine Gottsucherin – auch als Priesterin. So wirst Du am ehesten den Auftrag erfüllen, den Dir die Kirche nun überträgt.
