Predigt zum Requiem von Bischof Joachim Vobbe

Predigt im Requiem für Altbischof Joachim Vobbe am 5. August 2017 in der Namen-Jesu-Kirche in Bonn

Liebe Schwestern und Brüder, anstatt das Leben von Joachim Vobbe Revue passieren zu lassen, möchte ich Ihnen von meiner ersten Begegnung mit ihm erzählen. Ich wage diesen Ansatz, weil ich glaube, dass im Situativen, auch im Anekdotischen, immer etwas Grundsätzliches aufscheint von dem, was einen Menschen ausmacht. Um Verständnis bitte ich, dass dadurch vieles unter den Tisch fällt, was man hier auch sagen könnte. Doch Gott sei Dank ist ja jedes Leben mehr als das, was in einem Nachruf Platz hat.

3. September 1989: Meine erste Begegnung mit Joachim Vobbe. Es könnte sein, dass wir uns schon vorher einmal über den Weg gelaufen sind, bei der Synode im Mai, aber wirklich begegnet sind wir uns da nicht. Ich war damals Diakon und hatte gerade mein Vikariat in Würzburg begonnen. Es war mein letzter Urlaubssonntag.  Da in Würzburg ein Wortgottesdienst angesetzt war, den Gemeindemitglieder gestalteten, hatte ich die Idee, die Nachbargemeinde im Westen zu besuchen. Am Mittwoch zuvor telefonierte ich mit Joachim Vobbe, um mich anzukündigen. Er schlug vor, im Gottesdienst zu diakonieren, was ich auch tat, was mir freilich auch reichlich Stress bescherte, denn ich fühlte mich in meiner liturgischen Rolle noch ziemlich unsicher. Vielleicht habe ich deshalb kaum Erinnerungen an den Gottesdienst.            

Woran ich mich aber gut erinnere, ist das anschließende Mittagessen im Pfarrhaus, zumal es Rindsrouladen gab, mein Lieblingsessen. „Wo vier satt werden, da werden auch fünf satt“, mit diesen Worten lud mich Joachim spontan ein. Und so saß ich, durchaus etwas eingeschüchtert, mit Familie Vobbe am Tisch. Eingeschüchtert, denn Joachim bzw. Dekan Vobbe gehörte in meinen Augen zu den etablierten Pfarrern, deren Wort Gewicht hatte, auch beim Bischof (das war mir beim Studium in Bonn aufgefallen), während ich der Neuling war, der erst noch zeigen musste, ob und wenn ja, was er konnte.

Man kann das als Anekdote abbuchen, aber für mich wurde schon in dieser ersten Begegnung etwas erkennbar, was dem Menschen Joachim und nicht nur dem Pfarrer oder Bischof wichtig war: Gastfreundschaft. Er sagte oft, ein Pfarrhaus müsse ein gastfreundliches Haus sein. Für einen wie mich, der auf dem katholischen Land aufgewachsen ist, war das Pfarrhaus ein Ort, den man nur bei Trauerfällen betreten hat oder wenn man selber Lehrer, Arzt, Apotheker oder Bürgermeister war. Joachim Vobbe ging es bei der Gastfreundschaft nicht um eine nette Eigenschaft, die ein Mensch hat oder eben nicht. Gastfreundschaft hatte für ihn auch eine geistliche Dimension. Denn man kann schlecht verkündigen, Gott habe sich den Menschen in Jesus zugewandt, habe Gemeinschaft gestiftet, wenn man gleichzeitig die eigene Hütte verbarrikadiert. Noch seltsamer wäre es, die eucharistische Gastfreundschaft am Tisch des Herrn hochzuhalten, den eigenen Tisch aber tunlichst vor Gästen abzuschirmen. Wir stehen eben mit unserem ganzen Leben für die Botschaft ein, im Guten wie im Schlechten, ob uns das bewusst ist oder nicht.

Joachim Vobbe tat sich leicht mit der Gastfreundschaft, denn er war ein Beziehungsmensch. Er hatte Freude daran, Menschen zu begegnen, ihnen nahezukommen und sie nahekommen zu lassen. Er hat den geistlichen Beruf im Wesentlichen über die personale Begegnung definiert. Das freilich war ein Punkt, über den man mit ihm auch trefflich streiten konnte. Die ehemaligen Studentinnen und Studenten werden sich an manche, teils hitzige Kontroverse erinnern.

Es gibt noch etwas, an das ich mich beim Rückblick auf den 3. September 1989 erinnere. Bei Tisch meinte Joachim, in einem fast entschuldigenden Ton: „Sie werden es wahrscheinlich gemerkt haben: Die Predigt, das war Drewermann, fürs Volk aufbereitet.“ Nun, ich hatte es nicht bemerkt. Zwar hatte ich von Eugen Drewermann schon einiges gelesen, aber mir noch keine Gedanken darüber gemacht, was daraus für die Predigt folgt.

Man wird mit Fug und Recht behaupten können, dass Drewermanns tiefenpsychologische Bibelauslegung eine ganze Riege alt-katholischer Predigerinnen und Prediger geprägt hat, auch Joachim Vobbe und auch mich. Aber warum?

Ich glaube, das liegt vor allem daran, dass dieser Ansatz einen neuen Zugang zu den biblischen Geschichten eröffnet, die nun nicht mehr Geschichten aus fernen Zeiten sind, bei denen der moderne Mensch seinen Verstand am besten abschalten muss, sondern Geschichten für mich, Geschichten, die mir für mein Leben heute sagen können, was es heißt, ein heiler Mensch zu werden, Heil zu erleben. Drewermann war ein Aha-Erlebnis für alle, die mit der Frage gerungen haben, wie man die biblische Überlieferung, ja den Glauben an sich, versöhnen kann mit dem, was uns als moderne Menschen ausmacht, mit der Vernunft und dem modernen Weltbild.

Das ist im Übrigen eine zutiefst alt-katholische Fragestellung, die wir bei den alt-katholischen Vätern und Müttern des 19. Jahrhunderts finden. Joachim Vobbe hat darum gerungen, als moderner Mensch glauben zu können. Wenn er als einen für ihn wichtigen Theologen Teilhard de Chardin nannte, dann hängt dies damit zusammen. Denn Teilhard hat als einer der ersten Theologen versucht hat, die neuzeitliche Evolutionslehre mit dem Glauben zu versöhnen. In Joachim Vobbes Eucharistiegebeten finden sich Anklänge an diese Theologie. Wer seine Hirtenbriefe liest oder seine Lieder betrachtet, kann sie auch als Versuch lesen, die alten Wahrheiten neu zum Sprechen zu bringen. Und jetzt sage keiner, dieses Ringen, Glaube und modernes Weltbild miteinander in Einklang zu bringen, das sei doch nichts Besonders, da jeder darum ringe. Ich höre immer wieder Predigten bzw. lese entsprechende fromme Abhandlungen, die davon völlig unberührt scheinen; als lebte der Prediger bzw. die Predigerin im 19. Jahrhundert.

Was bleibt?

Wenn ein Mensch stirbt, bleiben uns die Erinnerungen. Und so sind auch in mir in den letzten Tagen viele Erinnerungen aufgestiegen. Nicht nur die an meine erste Begegnung. Zum Beispiel die Erinnerung an Joachims erste Jahre als Bischof, die von einer tollen Aufbruchsstimmung geprägt waren. Die Erinnerung an Konflikte, die er für die Kirche zu bestehen hatte, zum Beispiel bei der Frauenordination. Natürlich sind mir auch meine Konflikte mit Joachim wieder eingefallen, denn wir waren nicht immer einer Meinung.  Vor Augen steht mir das fröhliche Fest zu seinem 60. Geburtstag, zu dem mehr Menschen kamen als vorhergesehen, so dass das Buffet nicht ausreichte.

Doch genau um dieses Fest herum erinnere ich mich auch an Begegnungen mit ihm, bei denen er auf mich einen unsicheren, schüchternen oder sogar ängstlichen Eindruck machte. War er ganz einfach erschöpft? Die vielen disharmonischen Situationen, die das Bischofsamt mit sich bringt (um es vorsichtig auszudrücken), die Spannungen in ungeklärten Konfliktlagen – das alles auszuhalten, war ihm nie leicht gefallen, hat an seinen Kräften gezehrt. Manche werden sich an die Synode 2007 erinnern, bei der es angesichts seiner Reaktionen offensichtlich war, dass etwas nicht stimmte. Als Erklärungsmodelle standen Überarbeitung, Burnout und Amtsmüdigkeit zur Verfügung. Heute wissen wir, dass wir damals Zeugen einer schleichenden Persönlichkeitsveränderung waren, der ersten Vorboten jener schrecklichen Erkrankung, an der Bischof Joachim verstorben ist. Es ist tragisch, dass damit zwar nun vieles erklärt ist, mancher Konflikt aus jenen Tagen in einem anderen Licht erscheint, aber die Verletzungen, die man sich damals – durchaus gegenseitig (!) – zugefügt hat, sind deshalb nicht ungeschehen. Es ist auch tragisch, dass das nicht mehr ausgesprochen werden konnte. Da bleibt etwas unabgeschlossen, was wir nur im Gebet zu einem versöhnlichen Ende bringen können.

Doch was bleibt noch, außer Erinnerungen? Seltsamerweise hat er mir mal gesagt, was er sich wünschen würde, was im Hinblick auf seinen kirchlichen Dienst bleiben soll. Und so möchte ich mit einer letzten Erinnerung schließen.

28. November 1999: Firmung in Passau. Von Regensburg fuhren wir am Sonntag gemeinsam nach Passau. Viel Zeit zum Reden. Ich weiß nicht, wie wir darauf kamen. Ich glaube, es ging darum, ob und wie häufig sich Bischöfe zu bestimmten Themen öffentlich äußern sollten. Bischof Joachim legte eine nüchterne Sicht an den Tag. Selbst im Hinblick auf seine eigenen Bischofsbriefe war er der Meinung, dass man die nicht überbewerten dürfe. Da gehe auch die Zeit drüber hinweg. In diesem Punkt möchte ich ihm wiedersprechen, denn wenn jemand über die Sakramente schreibt, wird er in den nächsten Jahren an seinen Hirtenbriefen nicht vorbei kommen.

Auch in Bezug auf das sogenannte Lebenswerk war er nüchtern. Das solle man nicht so hoch hängen. Jeder arbeite für seine Zeit, und dann kommt eine neue Generation, die muss manches wieder anders machen. Und dann sagte er den Satz, an den ich mich gut erinnere: Wenn die beiden Eucharistiegebete bleiben würden, das würde mir genügen.

Drei Eucharistiegebete sind es mittlerweile, die von ihm im Altarbuch zu finden sind. Sie stehen dort und werden nach meiner Beobachtung häufig gebetet, weil Joachim Worte gefunden hat, die Menschen berühren. Ich bin mir sicher, sie werden lange bleiben. Auch wenn diejenigen, die sie beten, gar nicht wissen, dass sie von Joachim sind; ich glaube, das wäre ihm egal. Aber dass sie helfen, Menschen das Geheimnis der Eucharistie näher zu bringen, das war ihm wichtig. Er selber braucht diese Gebete nicht mehr, denn er darf nun schauen, woran wir glauben.

Amen.

Interview mit Bischof Dr. Ring

in Publik-Forum Heft 16/2010, 27. August 2010. 

Interview als PDF-Datei

Mit freundlicher Genehmigung der Publik-Forum Verlagsgesellschaft mbH - www.publik-forum.de

SWR 1- Beitrag zur Bischofsweihe

Ein Bericht zur alt-katholischen Kirche und zur Weihe von
Bischof Dr. Matthias Ring auf SWR 1 mit Jörg Vins.