In schlechter Gesellschaft - Predigt zum 125-jährigen Jubiläum des Frauenvereins Freiburg
In schlechter Gesellschaft
Predigt von Bischof Dr. Matthias Ring
am 9. Oktober 2011 in Freiburg
anlässlich des 125-jährigen Jubiläums des Frauenvereins
Schrifttext: Matthäus 22,1-14
Regelmäßig durchforste ich meine Buchbestände und werfe weg, was mir wertlos erscheint oder was ich schon lange nicht mehr zur Hand genommen habe. Ein kleines Büchlein überlebt regelmäßig diese Ausdünnaktionen, obgleich ich es seit der Erstlektüre 1981 nicht mehr gelesen habe. „Jesus in schlechter Gesellschaft“ lautet der Titel; es stammt vom österreichischen Theologen Adolf Holl. Der Einband der Taschenbuchausgabe zeigt, wer mit „schlechter Gesellschaft“ gemeint sein könnte, denn da ist kreuz und quer aufgedruckt: Unangepasste, Aufwiegler, Arbeitsscheue, Ausgestoßene, Außenseiter, Schwärmer, Obdachlose, Ketzer, Dirnen, Narren usw.. Das Ersterscheinungsdatum 1971 lässt schon erahnen, dass Adolf Holl den Jesus der 68er-Bewegung beschreibt, einen unangepassten Jesus, der mit dem Establishment bricht und sich denen am Rande der Gesellschaft zuwendet.
Dieses Buch hat Holl erste Konflikte mit seiner römisch-katholischen Kirche beschert, wurde allerdings konfessionsübergreifend als Skandal empfunden, denn diesem Jesus fehlte wirklich alles, womit sich damals die bürgerliche Mitte der Gesellschaft identifizieren konnte. Mir hat Adolf Holl noch vor dem Theologiestudium einen ganz anderen und bisher unbekannten Blick auf die Gestalt Jesus eröffnet. Manchmal glaube ich, ich werfe dieses Buch nicht weg, weil es mich mitgeprägt hat. Diese Fernwirkung zeigt sich im Übrigen bei der Wahl meines Primizspruches aus Lukas 7,34: „Seht, welch ein Fresser und Säufer, ein Freund der Zöllner und Sünder! Und recht bekam die Weisheit durch ihre Kinder.“
Das heutige Evangelium passt auf den ersten Blick zu diesem Jesusbild. Da ist von einem König die Rede, der die Hochzeit seines Sohnes vorbereitet. Die eingeladenen Gäste kümmern sich aber nicht um die ehrenvolle Einladung. Am Ende profitieren diejenigen, die die Diener zufällig auf der Straße treffen. Wahllos werden sie eingeladen, und so finden sich Gute und Böse im Festsaal ein. Da ist dann nicht Jesus in schlechter Gesellschaft, sondern Gott selbst, denn diese Festgemeinde ist ein Gleichnis für das Reich Gottes.
Hervorragend scheint sich dieses Evangelium zu eignen, um das Loblied auf eine für alle offene Kirche zu singen. Wenn es da nicht jene, in der Bibel immer wieder anzutreffende, irritierende Brutalität gäbe. Denn die, die ursprünglich auf der Gästeliste standen, begnügen sich nicht damit, die Einladung zu ignorieren. Einige misshandeln, ja töten die Diener des Königs. Der König selbst ist auch nicht zimperlich. Er lässt die Mörder töten und ihre Stadt in Schutt und Asche legen. Und seine offiziellen Gäste qualifiziert er ab: Sie waren es nicht wert, eingeladen zu werden. An der Stelle ahnen wir vielleicht, dass es in diesem Schrifttext um mehr geht, als nur um ein Loblied auf eine offene Gemeinschaft von Jüngerinnen und Jüngern Jesu.
Die Irritation wird freilich noch größer, wenn wir einige Verse dazu nehmen, die nicht Teil der Kurzfassung der Sonntagslesung sind, nämlich die Verse 11 bis 14: „Als sie (die Gäste) sich gesetzt hatten und der König eintrat, um sich die Gäste anzusehen, bemerkte er unter ihnen einen Mann, der kein Hochzeitsgewand anhatte. Er sagte zu ihm: Mein Freund, wie konntest du hier ohne Hochzeitsgewand erscheinen? Darauf wusste der Mann nichts zu sagen. Da befahl der König seinen Dienern: Bindet ihm Hände und Füße und werft ihn hinaus in die äußerste Finsternis! Dort wird er heulen und mit den Zähnen knirschen. Denn viele sind gerufen, aber nur wenige auserwählt.“
Upps, möchte man sagen, da ist es aber schnell vorbei mit der Offenheit. Böse darf man sein, aber ohne Hochzeitsgewand ist man aufgeschmissen.
Liebe Schwestern und Brüder, dieses Evangelium ist ein Beispiel dafür, dass man ohne eine historisch-kritische Betrachtung des Textes nur zu falschen Schlüssen kommt.
Und damit muss ich Sie nun ein bisschen quälen. Offensichtlich haben wir es mit drei Textschichten zu tun. Am Anfang steht ein Gleichnis Jesu über das Reich Gottes.
In diesem Gleichnis klingt die für Jesus schmerzliche Erfahrung an, vom religiösen Establishment seines Volkes abgelehnt zu werden. Deshalb wendet er sich jenen am Rande zu, eben denen, die auf der Straße zu finden sind, und begibt sich damit in den Augen seiner Zeitgenossen in „schlechte Gesellschaft“. Er lebt damit schon im Hier und Jetzt, was ein Kennzeichen des Reiches Gottes ist: Alle sind eingeladen in dieses Reich, seien sie gut oder böse, Gerechte oder Sünder.
Die Exegeten sagen, jener Vers, in dem wir von der Zerstörung der Stadt durch den wütenden König hören, stamme nicht von Jesus. Gemeint ist eindeutig die Stadt Jerusalem. Deren Zerstörung durch die Römer im Jahr 70 haben die ersten Christen als Strafe für die Ablehnung Jesu gedeutet. Mit dieser Deutung haben sie vermutlich ihre eigene Frustration verarbeitet, denn die Christen sahen sich ja als Reformgruppe innerhalb des Judentums und mussten die Erfahrung machen, dass sich ihnen die Mehrheit der Juden nicht anschloss. Aus dieser Frustration entstand jener grauenhafte Antijudaismus, der die Kirchengeschichte bis in die Neuzeit durchzog.
Was aber nach wie vor im Text erhalten blieb, war die Aussage, dass die Einladung an alle ergeht, an Gute und Böse. Das Ideal Jesu lebte weiter. Es ist das Ideal einer Gemeinschaft, die jeden nimmt, wie er ist, den Einzelnen nicht in eine Schublade steckt, auf der zum Beispiel steht „fromm“ oder „sündig“, „gläubig“ oder „nur schwach gläubig“, „erfolgreich“ oder „Looser“. Und die den Einzelnen gerade dadurch frei mach, das zu werden, was er oder sie eigentlich sein möchte. Es ist das Ideal einer Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern, die einander annehmen und so einander etwas von der Liebe Gottes erfahren lassen. Ja, alle dürfen kommen.
Das ist kein Problem, solange nicht alle kommen. Aber was passiert, wenn alle kommen?
Schon die frühe Kirche musste offenbar die Erfahrung machen, dass sich von der Botschaft Jesu auch Menschen angesprochen fühlten, die nicht den eigenen Vorstellungen entsprachen, fragwürdige Gestalten. Vielleicht weil sie dann doch zu sehr Sünder waren, zu exotisch oder einfach nur schwierig. An der Stelle scheitert schon die frühe Kirche an Jesu Botschaft und Reich-Gottes-Vorstellung.
Und so kommt es zu jener weiteren Ergänzung des Gleichnisses um die Episode mit dem Hochzeitsgewand. Eine im Übrigen nicht ganz logische Ergänzung, denn wenn man wirklich die Gäste von der Straße holt, dann werden die wenigsten ein geeignetes Gewand haben, schon gar nicht, wenn man alle, eben auch die Armen, einlädt. Aber um Logik geht es nicht, sondern darum, einen Schutzwall gegen missliebige Gestalten zu errichten. Das Gewand ist dabei ein Bild für die Vorstellung, die man sich von einem richtigen Christenmenschen macht und für all die damit verbundenen Regeln und Gesetze. Mag sich Jesus mit schlechter Gesellschaft umgeben haben, die Christen wollten damit sehr bald nichts mehr zu tun haben.
Liebe Schwestern und Brüder, das Gleichnis vom königlichen Hochzeitsmahl ist eben nicht nur eine Frohe Botschaft, sondern in seiner Endfassung eine Erzählung über das Scheitern der Christen an Jesu Botschaft. Und das schon 50 Jahre nach Jesus. Die Geschichte der Kirche wurde damit auch zu einer Geschichte der Ausgrenzung. Die Frauen waren die ersten, die dies spürten. Gut, sie durften mit in den Festsaal, aber dort zu sagen hatten sie nichts – eben so, wie in der damaligen Gesellschaft. Von einer Gemeinschaft gleichberechtigter Schwestern und Brüder war in der Christenheit sehr bald nichts mehr zu spüren. Ein ganz anderes Modell des Miteinanders der Geschlechter vorzuleben, als es der antiken Gesellschaft entsprach, dazu hatten die Christen nicht den Mut. Und wenn wir ehrlich sind, dann müssen wir zugeben, dass die Kirchen den Frauen erst dann den ihnen zustehenden Platz zugestanden haben, als diese in der Gesellschaft ihre Gleichstellung erkämpft hatten.
Das war in unserer Kirche auch nicht anders. Gerade bei einem solchen Jubiläum sollten wir bescheiden eingestehen: Auch die alt-katholische Kirche war und ist stets ein Kind ihrer Zeit. Das Frauenwahlrecht haben wir zum Beispiel erst dann eingeführt, als es staatlich bereits eingeführt worden war. Die Frauenordination wagten wir, als sich Frauen in vielen Bereichen des Lebens Spitzenpositionen erkämpft hatten. So sehr wir stolz auf das Erreichte sind, wir sollten auch immer zur Kenntnis nehmen: Avantgarde sind die Kirchen leider selten.
Wir sollten aber nicht den Fehler machen, nun hochmütig über die Kirche als Institution zu urteilen. Die Kirche besteht aus Menschen wie Du und ich. Jeder und jede von uns versucht, nach dem Vorbild Jesu zu leben. Aber jeder und jede wird zugeben müssen, wie oft wir über unsere Vorstellungen stolpern. Sind wir wirklich frei, so frei wie es Jesus war? Oder schauen wir auf den anderen und stellen fest: Der hat kein Festgewand an, so wie ich. Der lebt nicht so moralisch, wie ich. Der ist nicht so selbstlos, wie ich. Der glaubt nicht, so wie ich. Der hat nicht das apostolische Amt, so wie ich. Der ist nicht so sozial eingestellt, wie ich. Der ist nicht so tolerant, wie ich. – Sie können diese Reihe beliebig fortsetzen.
Liebe Schwestern und Brüder, vielleicht haben Sie zum Jubiläum des Frauenvereins eine triumphalistische Predigt erwartet. Aber gerade das Thema „Frau und Kirche“ zeigt, dass wir oft genug Gefangene unserer Vorstellungen sind. Die Freiheit, zu der wir im Glauben berufen sind, will uns aus unseren eigenen engen Grenzen befreien. Jesus hat dies vorgelebt. Er war geradezu skandalös frei. So frei, dass es auch für viele Christinnen und Christen bis heute unfassbar ist. Aber erst durch diese Freiheit kann die Kirche zu einer Gemeinschaft werden, in der alle willkommen sind – mit und ohne Hochzeitsgewand.
Spannend bleibt es, wenn sie dann wirklich kommen.
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