Predigt zum Reformationsfest 2006
Predigt zum Reformationsfest 2006
in der evangelischen Kreuzkirche zu Bonn
Schrifttext: Gal 5, 1-7
- es gilt das gesprochene Wort -
Liebe Schwestern und Brüder,
"Woran erkennt man einen engagierten Christen?", fragte vor einigen Jahren die taz in ihrer Rubrik "Frage der Woche" ihre Leser und Leserinnen. "An ihrem Blockflötengesicht" und "An ihrem gebeugten Gang wegen der ständigen Kreuzschmerzen" – das waren noch die freundlichsten und amüsantesten Antworten.
"Die Christen müssten mir erlöster aussehen, bessere Lieder müssten sie mir singen, wenn ich an ihren Erlöser glauben sollte" hat Friedrich Nietzsche geurteilt. Der moderne Christ duckmäusert zwar nicht mehr vor Thron und Altar, weil es keine Throne mehr gibt und auch die Altäre weniger werden. Er kommt aber immer noch rüber als ein überaus harmoniebedürftiges, kraft seines Glaubens zur Harmlosigkeit verurteiltes Wesen. Sagte man früher: "Das ist ein ganz Frommer", so meinte man damit den Moralapostel, der sich nach oben bückte und nach unten gern ein bisschen trat. Und als "Betschwester" waren solche verrufen, die morgens mit dem dicken Gesangbuch zur Kirche eilten, um anschließend beim Bäcker umso inniger über die Leute herzuziehen. Die harmlosere, rheinische Variante war das Kaplohnsjemöht, einer, der konfliktscheu zu allem Ja und Amen sagte. Heute werden diese Klischees ersetzt durch das des Gutmenschen, der zwar neuere, aber nicht unbedingt bessere Lieder singen kann: "Bei der Arbeit, in der Freizeit, fern sei Zwietracht, Zorn und Neid. Schenk dem andern deine Liebe, und ins Herz zieht ein die Freud." (Troubadour für Gott, 11) - "Liebe, und du verstehst das Leid, Liebe, dann findest du die Freud."(ebd. 17) Da entspricht die Schlichtheit des Reims der Schlichtheit der Gedanken.
Ist beim "guten Christen" irgendein Mechanismus eingebaut, der ihn je nach Zeitgeist unterwürfig oder auch infantil macht? Ist der Durchschnittschrist einer, in dem Demut und/oder Harmoniebedürftigkeit so fest implantiert sind, dass er sich von autoritären Systemen bereitwillig ausnutzen lässt oder nicht hinschaut, wo mit harten Bandagen gekämpft wird? Ist der Christ einer mit verkrümmtem Rückgrat?
Der Mensch unterscheidet sich von seinen tierischen Vorfahren durch den aufrechten Gang. Der Kabarettist Gerhard Polt hat dazu einmal in einer Szene seine eigenen paläontologischen Thesen vorgestellt: Der aufrechte Gang sei irgendwo in einem unendlichen Steppengelände entstanden, und zwar beim "Wosammado-Stamm". Der vorangehende Häuptling habe sich ab und zu aus der unendlichen Graswüste erhoben und gefragt: "Wo samma do?"(- womit natürlich zugleich die bajuwarischen Wurzeln der frühen Menschheit bewiesen wären).
Wahr daran ist wohl: Aufrecht gehen lernte der Mensch vermutlich der Orientierung halber und, als zweites Motiv, um an höher gehängte Früchte heranzukommen. Nicht zuletzt an die Früchte der Erkenntnis in ihrer ganzen Ambivalenz. Der aufrechte Gang hat den Menschen frei gemacht, Übersicht über das zu bekommen, was ihn umgibt und beeinflusst. Er hat ihn frei gemacht, seine Umwelt zu gestalten und er hat den Menschen, so lehren uns Neuro-Wissenschaftler, durch eine veränderte Atmung zur Sprache befähigt.
Man kann lange darüber rätseln, welche Ursachen die christlichen Rückgratschwächen haben: ein missverstandenes Demutsgebot, die konstantinische Wende, mit der die Kirche zur Reichskirche wurde und gesellschaftliches Standesdenken übernahm, und - heute - die Bauchnabelschau und das Harmoniediktat derjenigen Zeitgenossen, bei denen sich das Evangelium auf die simple Aussage "Wir haben uns alle lieb" reduziert hat.
Gegen solche Deformationen standen zwar immer wieder Einzelne und Gruppen auf und übten den aufrechten Gang, Martin Luther etwa. Doch auch diese innerkirchlichen Proteste und Reformationen unterlagen in der Regel nach gewissen Zeiten immer wieder den gleichen Gefahren: etwa im Bündnis von Thron und Altar oder im Aufsatteln auf andere teils harmlose, teils erschreckende politische Ideologien.
Eins ist und bleibt sicher: Auf biblische Zeugnisse kann sich dieser Rückgratverlust nicht berufen.
"Steht (fest) in der Freiheit und lasst euch nicht von Neuem das Joch der Knechtschaft auferlegen!" und "Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Steht (fest) in der Freiheit!" ruft Paulus den Galatern zu. Das ist unser Thema.
Eine Bonner Theologin hat herausgefunden, dass Paulus hier ein Wort aus der damals populären aramäischen Bibelübersetzung, der Umgangssprache in Israel, aufgreift. Dort findet sich die merkwürdige Dopplung "Zur Freiheit befreit" (3. Mose 26,13):
"Ich bin der HERR, euer Gott, der euch aus Ägypten herausgeführt hat, damit ihr nicht mehr ihre Sklaven seid. Ich zerbrach die Stangen eures Jochs, der ich euch befreit habe zur Freiheit" (Targum onkelos). Im hebräischen Urtext steht hier: "Ich zerbrach die Stangen eures Jochs und ließ euch gehen - aufrecht -!"
Die Freiheit, zu der Gott das Volk Israel und damit auch alle, die an den Vater Jesu Christi glauben, befreit hat, ist die Freiheit des aufrechten Gangs. Ihr Gegenteil sind Zwang und Unterdrückung, die im Joch ihr Sinnbild finden.
Wer unter ein Joch gezwängt ist, der kann nur dorthin gehen, wohin sein Sklavenhalter ihn gehen lässt. Wer den Nacken unters Joch gebeugt hat, dessen Blick ist auf den Boden gerichtet. Der unterjochte Mensch verkümmert zum Vierfüßler, zum Tier. Wer geduckt steht, hat auch keinen Blick für die anderen. Er/Sie hat mit sich selbst genug zu tun.
Und ein Mensch, der sich freiwillig unters Joch begibt, ist der homo incurvatus in se ipsum, von dem Martin Luther spricht, der in sich verkrümmte Mensch, der auch in Gott kein Vertrauen hat und der seiner Freiheit misstraut. Einer, der sich immer wieder neu selbst in Abhängigkeiten begibt. Er verliert vor lauter Sorge um sich selbst den Blick nach vorne. Sein Horizont ist der Rand des eigenen Bauchnabels. Das ist der Sünder.
Gott aber lässt die Israeliten aufrecht gehen und Paulus fleht die Gemeinden in Galatien an: "Lasst euch nicht von Neuem das Joch der Knechtschaft auflegen. Steht (fest) in der Freiheit!"
Wer aufrecht steht und geht, dessen Blick geht nach vorne und zu den anderen Menschen hin. Wer aufrecht steht, kann auch andere aufrichten. Sein Atem wird weit und tief, er kann sprechen, Partei ergreifen und im freien Dialog mit Gott und mit den anderen seinen Weg gehen. Er hat Weitsicht, Zuversicht und bemüht sich um Einsicht.
Freilich - jede Metapher hat ihre Grenzen. Aufrecht stehen kann auch Ausdruck einer stolzen und selbstgerechten Haltung sein, einer Haltung, die nicht mehr zu hören, sondern nur noch zu befehlen bereit ist. Und die zwar aufrecht, aber im Gleichschritt marschierenden Massen autoritärer Systeme verkehren das Wort vom aufrechten Gang in sein Gegenteil. Den aufrechten Gang im Sinne Gottes kann man nicht in einer befohlenen geschlossenen Formation lernen.
Der aufrechte Gang als stolze, selbstgerechte oder beratungsresistente Haltung oder als gedankenloser, befohlener Marsch ist keine freiheitliche Pose mehr, sondern führt schlimmstenfalls zu Unbarmherzigkeit, Rücksichtslosigkeit und Gewalt.
Die Freiheit des aufrechten Gangs ist nicht nur eine "Freiheit von", von Unterdrückung und Zwang, sondern auch und vor allem eine "Freiheit zu". Sie ist eine Freiheit zu geschenkter Würde und zur Übernahme von Verantwortung. Die Israeliten hauen ja nicht einfach nur ab; sie brechen auf in Hoffnung und Solidarität und mit Ziel.
Im Galaterbrief entfaltet auch Paulus diese soziale Dimension der Freiheit des aufrechten Ganges. Er reagiert mit seinen Worten auf eine soziale Krise: Die Gemeinde droht auseinander zu brechen in Judenchristen auf der einen Seite und Heidenchristen auf der anderen. Es gibt namhafte Leute - Lehrer- , die gegen Paulus opponieren. Sie fordern auch von den Heidenchristen, dass sie sich beschneiden lassen und dem Gesetz des Mose folgen sollen. Der Gesetzesgehorsam ist es, der ihrer Meinung nach auch die neue Gemeinschaft der Christen konstituiert.
Paulus hält dagegen: Nicht die Beschneidung, auch nicht der weitere Gesetzesgehorsam ist das Entscheidende, sondern "die Freiheit in Jesus Christus", auf dem die Gemeinschaft gründet. Und an dieser Freiheit haben Juden und Heiden, Sklaven und Freie, Mann und Frau gleichermaßen teil - niemand ist außen vor. Alle, ohne Ausnahme, sind Erbinnen und Erben der verheißenen Freiheit in Christus. Das ist das erste.
Zweitens: Die Befreiung aus Zwang und Unterdrückung führt zu einer neuen Verantwortung. "Ihr seid zur Freiheit berufen, Brüder und Schwestern. Nur nehmt die Freiheit nicht zum Vorwand für das Fleisch, sondern dient einander in Liebe!" (Gal 5,13)
Paulus predigt also weder Anarchie und noch Ellenbogenindividualismus, sondern eine Freiheit, die zu einem freiwilligen Dienst für andere in der Gemeinschaft Christi führt.
"Wenn ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt, dann habt ihr mit Christus nichts mehr zu tun", sagt Paulus in unserem Predigttext (Gal 5,4).
Nirgends also wird diese Freiheit zum Handeln deutlicher lebendig als in dem Mann aus Nazareth.
Mit aller Autorität tritt Jesus für die Würde des Einzelnen ein - gegen ein zum Selbstzweck gewordenes Gesetz und gegen erstarrte, lebensfeindliche Gesellschaftsordnungen. Er heilt Kranke - an unmöglichen Orten und zu verbotenen Zeiten. Er verkehrt mit Zöllnern und Dirnen. Er lässt sich von einer blutflüssigen Frau berühren und heilt sie. Er vergibt der Ehebrecherin und beschämt ihre Richter "Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein". Er nimmt die Samariter, die Leute mit dem falschen Gesangbuch, wahr und würdigt sie als zuweilen bessere Gläubige denn die, die sich für Rechtgläubige halten (- so sieht Jesu Schwesterkirchenerklärung aus!). Das alles sind Gesetzesübertretungen. Sie dienen einem einzigen Zweck: Klarzustellen, dass die Liebe Gottes der Freiheit und der Würde des Einzelnen Vorrang gibt vor aller gesetzlichen Verallgemeinerung.
Da es uns heute um die Metapher vom aufrechten Gang geht, wird dies unübertrefflich deutlich beim Konflikt um die Heilung der gekrümmten Frau an einem Sabbat und noch dazu in einer Synagoge. Seit 18 Jahren leidet diese Frau unter einem krummen Rücken, ist niedergedrückt im doppelten Wortsinn.
Der empörte Synagogenvorsteher fordert die strikte Einhaltung des Sabbatgebots. Jesus, so einmal angriffslustig gemacht, treibt die Sache auf die Spitze mit einer Gegenfrage, die seine Gegner demaskiert: "Bindet nicht jeder von euch am Sabbat seinen Ochsen oder Esel vom Futtertrog, um ihn zur Tränke zu führen, ihr Heuchler? Und diese Tochter Abrahams, die der Satan schon seit achtzehn Jahren gefesselt hält, soll am Sabbat nicht davon befreit werden dürfen?" Hier verschmilzen Bild und Wirklichkeit: Der Mensch am untersten Ende der damaligen Gesellschaft, Frau, verkrüppelt, noch dazu als vom Satan Geplagte missachtet, sie darf sich in der Nähe des Menschensohnes aufrichten - gegen eine Gesetzmäßigkeit, die ihr ein lebenslängliches Unterschicht-Dasein verpassen will.
Das ist Jesu Kommentar zur Unterschicht-Debatte: Er legt der Frau die Hände auf. Er initiiert nicht zuerst eine Umverteilung der Finanzmittel, er macht auch nicht zuerst einen neuen Bildungsplan, er zieht auch nicht das Portemonnaie raus und gibt der Frau zehn Euro. Das alles wäre nicht schlecht. Aber es ist nichts, wenn ich nicht selbst die Berührungsängste verliere und mich nicht mühe, wenigstens einem mir persönlich bekannten Menschen aus solcher Schicht seine Würde zurückzugeben.
Vor dem Paschafest, dem großen Fest der Befreiung, des Aufstehens des Volkes aus der Sklaverei, passiert noch einmal etwas Programmatisches: Jesus, der Mann vom aufrechten Gang, beugt seinen eigenen Rücken und wäscht seinen Freunden die Füße. Die Jünger staunen und schweigen. Dann kommt Petrus an die Reihe. Der versteht die Welt nicht mehr. Er denkt noch ganz in der klassischen Ämter-Hierarchie: "Ich sollte dir die Füße waschen!" sagt er. Er hat Jesus doch als seinen Gebieter verinnerlicht. Wie kann der sich jetzt vor ihm erniedrigen!
Aber Petrus kriegt nicht die Pluspunkte, die er erwartet. Er handelt sich eine scharfe Rüge ein. Jesus sagt nicht: "Lass doch das Theater, es ist doch gleich vorbei." Sondern: "Wenn ich dir nicht die Füße waschen darf, hast du keinen Teil an mir." - Dann weißt du nicht, wozu ich überhaupt gekommen bin, und was der innerste Kern meiner Botschaft ist: Der Gott, den ich euch verkündige, ist anders als ihr denkt. Er ist nicht der ferne Hierarch, der Willkürherrscher, der ewig Beleidigte, der moralische Buchhalter. Er ist der liebende, aber zugleich auch provozierende, belebende Begleiter. Er ist "zum Menschen heruntergekommen" und bereit, euch die Füße zu waschen. Wer also jetzt noch an die alte Ordnung glaubt, wer immer noch meint, er könne ihn für seine Zwecke und Machtinteressen instrumentieren, der hat keinen Teil an mir.
Petrus begreift das immer noch nicht: "Wenn das so ist, wenn das göttlich ist, ja dann nicht nur die Füße, sondern den ganzen Leib!"
Fritz Pleitgen kommentierte diese Stelle in seiner köstlichen Rede zu Manfred Kocks siebzigstem Geburtstag, indem er sagte: "Jesus schmunzelt mit einem Hauch von Melancholie, denn er weiß natürlich schon jetzt, wie schwer es die Nachfolger im Amt des Apostel- (und andere Kirchenfürsten) haben werden, zu begreifen, was es mit der Fußwaschung auf sich hatte. Ausnahmen bestätigen die Regel. Johannes XXIII sagte einmal: 'Jeder kann Papst werden. Man sieht es an mir.' " Und Pleitgen sagte weiter:
"Im weltlichen Bereich ist hinsichtlich des aufrechten Ganges schon so manches gelungen. In einem langen und äußerst mühsamen Prozess hat Europa seine - vielleicht bedeutsamste - Leistung vollbracht: Die Entsakralisierung der weltlichen Macht. Sie ist die innere Modernität dieses Kontinents und ist so kostbar, dass man sie mit höchster Wachsamkeit verteidigen sollte. Wir erleben ja zur Zeit, wie schwer sich andere Kulturen plagen, die diesen Schritt nicht getan haben. Aber wir sollten uns nicht täuschen: Auch bei uns gibt es immer noch genug Ayatollahs, deren Welt nicht über das Brett vor dem Kopf hinausreicht." Und ich möchte hinzufügen: Diese in unseren Demokratien mühsam erworbene und gesetzlich garantierte Freiheit macht auf Dauer nur dann Sinn, wenn ihr auch ein ständiges Training in Verantwortung jedes und jeder Einzelnen entspricht. Anderenfalls kann die "Freiheit von" galoppierend zur völligen Beliebigkeit verkommen und das Hirn immer noch weiter in die Ellenbogenregion absacken, frei nach dem Motto: Wenn jeder an sich denkt, ist auch an alle gedacht.
Die Befreiung von Unrechtssystemen kann, wenn es gut geht, lange anhalten. Den eigentlichen anderen Aufstand, den aufrechten Gang, den muss jede und jeder für sich selbst erlernen, oft mehrmals in einem einzigen Menschenleben.
Jesus hat es nicht geschafft, sein Heimatland von einem Unrechtssystem zu befreien. Ja, ich bin ein König, sagt Jesus vor Pilatus, der ihm eine Krone aus Dornen aufsetzen lässt. Tage zuvor war er in die Stadt Davids eingezogen auf einem Esel, mit Palmzweigen begrüßt, nicht von den Würdenträgern der Stadt, sondern wohl eher von den Randfiguren, den Gescheiterten, denen, die nichts mehr haben außer einer Hoffnung. Er selbst wohl eher eine Karikatur des verheißenen Messias. - Doch nun hat ihn die Wirklichkeit eingeholt. Und er bleibt dabei: Ja, ich bin ein König. Für diese Aufrichtigkeit riskiert er sein Leben. Die johlende Menge erkennt schnell, dass eine solch traurige Gestalt in einem geradezu grotesken Widerspruch zu dem steht, was sie zu sein behauptet. Doch Jesus ist sich offenbar gewiss, dass sein aufrechter Gang, der ihn zu den Armen, Ausgestoßenen, Kranken, Verachteten geführt hat, königlicher, würdevoller, über allen Spott erhabener und damit gottgemäßer, menschengemäßer und politisch befruchtender sein wird als der Opportunismus des Statthalters.
Der Aufstand eines einsamen Aufrechten kann den Ruf vieler retten, und - zum rettenden Ruf für alle werden. Auch das ist eine Pascha-Erfahrung. Und sie wird kurze Zeit später vollendet. Die Seinen werden den Mann mit dem aufrechten Gang als ihren Auferstandenen erleben, als endgültige, lebendige Tora, als Grundgesetz Gottes für sich und die Welt.
Summa Summarum:
Ein Glaube, der sich aus der jüdisch-christlichen Tradition recht versteht, kennt eigentlich keine Duckmäuserei, keine Hörigkeit und keinen vorauseilenden Gehorsam gegenüber weltlichen und religiösen Autoritäten, sondern nur Hochachtung vor jedem Menschen, ganz gleich ob dieser Kanzler, Präses oder Bettler ist. Ein solcher Glaube wird es aber auch nicht nur beim Reden belassen, sondern vor allem selbst tätige Verantwortung übernehmen.
Ein Glaube, der sich aus der jüdisch-christlichen Tradition recht versteht, wird sich verwahren gegen alle Versuche der Infantilisierung, wovon die zu selbstgenügsamen Wohlfühl-Zirkeln verkümmerten Christengruppen und die Esoterik-Szene vielleicht die harmlosesten sind, der fundamentalistische Weg dagegen der gefährlichste. Der Christ des aufrechten Gangs wird immer neu die ihm eingeschaffene "Wosammado"- Frage stellen. Er wird mit dem Kompass, d.h. der lebendigen Tora, Christus und seinem Liebesgebot, in der Hand die nun einmal gepflückten Früchte der Erkenntnis in den distel- und dornenreichen Steppen unseres Daseins in Beziehung setzen zu dem, was aus dem Wissen um seine Geschöpflichkeit und Freiheit heute zu tun ist. Er/Sie wird erlöst aussehen, nicht, weil ihm publicity-Agenturen das gesagt haben, sondern weil es zu seinem Wesen gehört; das kann auch schon mal unlustig aussehen. Nietzsche hat Gottseidank nicht mehr erlebt, wie viel gräulich Unerlöstes man aus seinen Übermensch-Texten hat machen können. Sonst hätte er vielleicht mehr Blick für erlöste Herzen als für erlöste Fassaden gehabt.
Wer Vertrauen hat, pflegt Umgang mit dem Vertrauten. Aufrechter Gang als Gottesgeschöpf fällt am leichtesten im Dauerkontakt mit dem Schöpfer und Kompassgeber und denen, die aufrecht vorangegangen sind. Regelmäßiges Beten ist also angesagt, das tut gut und befreit zur Freiheit. Und die Namen der aufrecht Vorangegangenen ermutigen uns. Morgen feiern wir Allerheiligen. Das ist Ihnen fremd. Aber Sie würden sich wundern, wie weit man da gehen kann, wenn eine Kirche sich nicht an Heiligsprechungsprozesse von Glaubensbüros gebunden fühlt. Als wir noch alle eins waren im Glauben, vor tausend Jahren, gab’s ja solche Büros noch gar nicht. Also singen wir Alt-Katholiken mit der ganzen Gemeinde bei der Allerheiligenlitanei neben Maria, Aposteln, Franziskus, Clara, Teresa, auch die Namen von Martin Luther, Dietrich Bonhoeffer, und auch von Edith Stein und Oskar Romero mit. Und wir rufen nicht "bitte für uns" – das klänge ein bisschen zu sehr nach "Hilf, St. Anna, ich will Mönch werden" und würde zu Martin Luther ja nun wirklich nicht passen; sondern wir singen aufrecht: "mit Martin Luther - preisen wir deinen Namen, mit Dietrich Bonhoeffer - preisen wir deinen Namen", und so weiter. So dürfen wir uns hier und jetzt schon eins fühlen mit der Wolke von Zeugen des aufrechten Gangs, gleich welchen Gesangbuches. Das macht Mut.
Bischof Joachim Vobbe