Chrisammesse 2007 - Predigt
Predigt von Bischof Joachim Vobbe (es gilt das gesprochene Wort)
Crash-Sprachkurse für das Urlaubsland beginnen meistens mit der Frage "Was kostet es?" Und eine der geläufigsten Fragen im neudeutschen Jargon dürfte sein: "Was bringt mir das?" Das sind die Leitfragen unserer Gesellschaft. Alles hat seinen Preis. Es gibt nichts, was nicht in Geld aufgewogen werden könnte. Es sind Fragen, die aus dem Wirtschaftssystem kommen, aus einem System, wo es bei allem darauf ankommt, ob was dabei rumkommt. Zeit ist Geld. Und wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit.
Längst hat dieses ökonomische Denken auch auf andere Bereiche übergegriffen: Vereine beklagen den Verlust des Ehrenamtes, da viele nur noch gegen Geld zur Mitarbeit bereit sind. Das Ranking von Universitäten, von Schulen, von Berufsgruppen richtet sich wesentlich nach wirtschaftlichen Maßstäben. Geisteswissenschaften, die sich nur mit Sinn oder Unsinn des Daseins befassen, sind im ökonomischen Sinne nicht quantifizierbar und darum unwichtig. Im Kulturbetrieb geht es in erster Linie um Einschaltquoten und Besucherzahlen, nicht um künstlerische Qualität. Berufe, die nichts bringen, sind nicht gefragt. Jugend ist interessant als Wirtschaftsfaktor, Alter auch. Aber wer in diesen Altersstufen nichts zahlen kann, ist nicht nur arm, sondern auch besonders arm dran.
Heute weiht die Kirche Heilige Öle.
Das handelt von einem dreifachen ökonomischen Nonsens:
Die Kirche.
Weihen.
Heilige Öle.
Indem die Kirche, die eigentlich eine ökonomische Nonsensorganisation ist, Heilige Öle weiht, setzt sie gewissermaßen noch einen drauf: Sie betont und bekundet damit, dass die Menschen, die ihr angehören und manche Dinge, die zu ihr gehören, sich ganz oder wenigstens teilweise den Gesetzen der Wirtschaft entziehen wollen, ja müssen.
Auf dem Markt gilt so etwas wie die Saugfähigkeit des Menschen. Wirtschaftlich interessant ist der Mensch, der Werbung in sich aufsaugt wie ein Löschpapier, der sich in seinem ganzen Wollen und Haben davon verfärben, sich davon definieren lässt, was man dieses Jahr anzieht, was man zur Zeit isst, was man für ein Auto fährt, was man verdient, wo man Urlaub macht.
In der Kirche gilt das Gegenteil.
Katechumenenöl
Das Katechumenenöl, mit dem die Taufbewerber gesalbt werden, stammt eigentlich aus dem Milieu des Ringkampfes. Die Kämpfer salbten sich damit, damit der Gegner an ihnen abglitt. Diese Salbung meint auch heute noch: Lass dich imprägnieren. Lass abperlen an dir, lass dich nicht vereinnahmen von dem, was bezahlbar ist. Wer sich auf die Taufe vorbereitet, sollte sich wandeln vom fremddefinierten Menschen zum Mündigen, zu einem, der sich nicht vom Sog der Masse und dem, was alle machen, entmündigen lässt; sollte sich wandeln zu einem, der einen Blick bekommt für die ökonomisch Wertlosen, die Armen, die Kranken, die Kinder, die Jugendlichen, die Arbeitslosen, aller, die sich die Nachfolge der Trendsetter nicht leisten können.
Chrisam
Wir weihen heute das duftende Chrisam. Vom Chrisam haben wir unseren Namen: Christen. Christus ist der mit dem Chrisam des Heiligen Geistes Gesalbte, der aus einem anderen Geist Gesalbte. Im Alten Testament war die Salbung mit Chrisam nur den Priestern und Königen vorbehalten. In Taufe und Firmung ist sie hineingekommen als revolutionäres Zeichen: Du bist jetzt etwas besonderes. Du bist jetzt keine Ware mehr, kein Austauschgut, kein Allerweltsmensch mehr, kein Rädchen im Arbeitsprozess, das, wenn es nicht mehr funktioniert, nach ökonomischen Gesichtspunkten ausgewechselt werden kann.
Du wirst ausgesondert, wirst zu einer königlichen, einmaligen Existenz gesalbt. Vor Gott ist dein Leben unaustauschbar. Du bist ihm unendlich wichtig. Du wirst dem Gestank und Gestänker der Straße entzogen und erhältst eine unverlierbare Würde.
Die bei der Priesterweihe und der Bischofsweihe noch zusätzlich mit Chrisam gesalbt worden sind, wissen: Du hast jetzt eine besondere, unauslöschliche Verantwortung: Deine Hände werden gesalbt. Behandele das Sakrament, das Du spendest, und die Menschen, denen Du es spendest, pfleglich und entsprechend ihrer Würde.
Der Kopf des Bischofs wird gesalbt; das meint: Lass den Duft der Ewigkeit in Deine Gedanken ein, bevor Du redest.
Mit dem Chrisam salben wir auch Räume.
Damit sondern wir Räume aus zu Kontrasträumen, Räumen, die nicht verzweckt sind. Ein Sakralraum kann eben eigentlich kein Mehrzweckraum mehr sein. Es ist kein Wunder, dass uns Sakralräume zunächst fremd vorkommen, denn sie atmen eine Geschichte und Gegenwart, die nicht nur unsere eigene ist, und solche heiligen Räume haben heute ein Problem mit uns. Wir lieben die Fremde nicht. In narzisstischen Lagen versuchen die Menschen, alles sich selber gleichzumachen und sich alles anzueignen. Sie wollen dauernd selber vorkommen, sie wollen die Wärme und die Unmittelbarkeit einer sich selbst feiernden Gruppe. Und so soll es auch im Gottesdienst und in der Kirche gemütlich sein wie im eigenen Wohnzimmer. Je individueller und je formloser die einzelnen und die Gruppen vorkommen, um so authentischer scheint dann der Gottesdienst zu sein.
Die Selbstfeier der Gemeinde wird zur Gottesdienstabsicht. Das Verhalten der Menschen wird ununterscheidbar vom Verhalten zuhause. -
Alte Sakralräume stellen sich in ihrer Fremdheit zum Glück solchen Versuchen noch in den Weg, damit die Komik solcher Selbstinszenierungen wenigstens durchschaubar wird.
Ich hoffe, die Kirchen behalten eine gewisse Fremde. Nur in der Fremde kann ich mich erkennen. Der heilige Raum erbaut mich, insofern er anders ist als die Räume, in denen ich wohne, arbeite, esse und einkaufe. Da kann ich mich nicht erkennen. Ich kann mir selbst nicht gegenübertreten, wenn ich nur in Räumen und Atmosphären lebe, die durch mich selbst und meine Wünsche geprägt sind. Die Räume, die mich spiegeln, Wohnzimmer, Arbeitszimmer, Geschäft, Büro gleichen mir zu sehr.
Der sakrale Raum, die heilige Zeit rufen mir zu: Unterbrich dich, befreie dich von deinen Wiederholungen. Freilich, in den Anfängen der Kirche bedurfte es solcher sakraler Räume noch nicht, weil die Menschen da noch heiliger waren. Heute dagegen braucht es solche Räume mehr denn je. Und wenn solche sakralen Räume leerstehen, dann darf der erste Impuls nicht sein, sie in den leeren Phasen mit allem möglichen anderen Zeug oder mit Events zu füllen, oder sie sogar zu verkaufen oder abzureißen. Wo Kirchen leerstehen, da gilt es zuerst, sie zu füllen mit mehr Gottesdiensten, mit mehr Zeiten der Stille und Anbetung.
Unsere Gesellschaft braucht die Kirchtürme mehr denn je
- als Stachel im Fleisch ihrer Hektik,
- als Zeichen entschleunigter Zeit,
- als Einladung zur Gottzeit, nicht nur für eine Stunde am Sonntagmorgen, sondern zu jeder Tageszeit,
- als stillen Kontrast zum Gelärme der Straßen,
- als gedämpften Kontrast zu allem, was ausgeleuchtet ist bis in den letzten Winkel.
Die Kirchen müssten wieder die schönsten und wichtigsten Räume für eine Gemeinde sein und werden.
Krankenöl
Wir weihen heute das Krankenöl. Wir versichern uns damit im Zeichen der Salbung, dass unser Gott heilt und in jedem Fall unser Heil will. Der Kranke wird ausgesondert aus der Tristesse, der Vergeblichkeit und Vergänglichkeit diesseitiger Verzweckungen, aus den niederdrückenden Beschwerlichkeiten des Leidens. Das Krankenöl ist ein Hoffnungsöl, das uns in entscheidenden Momenten noch einmal versichert: Sinn unseres Lebens ist es nicht zu leiden und letztlich zu sterben. Zweck unseres Lebens ist es schon gar nicht, Leid und Sterblichkeit so lange wie möglich zu übertünchen, zu verdrängen und zuzudröhnen.
Zweck, wenn denn dieses Wort hier überhaupt angebracht ist, besser gesagt: Sinn unseres Lebens ist es, zu leben, jede und jeder in seiner/ihrer Einmaligkeit, Zweck und Sinn ist es, Leben zu schenken, Leben zu gönnen und zu ermöglichen, und dies schon hier - auf ihn hin mit ganzem Herzen.
Dazu sind wir die Christen, die Gesalbten.